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Lichtgestalten (2015/2016) Review

© Christian Moris Müller Filmproduktion

© Christian Moris Müller Filmproduktion

Selten war deutsches Kino in den vergangenen Jahren so innovativ, emotional, bunt und gleichzeitig bedrückend wie in Christian Moris Müllers neuem Film „Lichtgestalten“, der auf dem diesjährigen Filmfestival Max-Ophüls-Preis seine Premiere feiern durfte. Müller erzählt eine wunderbare Liebes- oder Lebensgeschichte über Zerfall und Wiederauferstehung. Er scheut sich nicht davor, große Fragen zu stellen und ihm fehlt auch nicht der Mut, diese riesigen Gedankenkonstrukte in einer einzigen Wohnung mit nur zwei Hauptdarstellern zu verorten, die ständig zwischen einer unendlichen Leere und einer grenzenlosen Freiheit zu schwanken scheinen. Dabei weht durch viele Szenen ein wunderbar poetischer Grundton, der immer wieder an die Werke des amerikanischen Regisseurs Terrence Malick erinnert. Müller gelingt es aber ebenso, sich mit vielen visuellen und inhaltlichen Stilmitteln von seinen möglichen Vorbildern zu emanzipieren und stattdessen eine ganz eigene Ästhetik zu etablieren, welche man in diesem Filmland gar nicht für möglich gehalten hätte.

Katharina (Theresa Scholze) und Steffen (Max Riemelt) führen auf den ersten Blick ein zufriedenes Leben. Sie sind verliebt, haben eine eigene Wohnung, Jobs und sind jung. Innerlich zerreißt die beiden Protagonisten jedoch der Gedanke, jetzt an einer Lebensschwelle zu stehen, die nach ihrer Übertretung keinen Weg zurück mehr aufzeigt. Sie haben Angst davor, sich festzufahren und nie das Leben geführt zu haben, das sie eigentlich führen wollten. Das Paar entschließt sich gemeinsam zu einem radikalen Schritt: Sie möchten alle Spuren ihrer Existenz vernichten und ein neues Leben beginnen. Keine Fotos, keine Bankkonten und keine Möbelstücke sollen daran erinnern, dass es mal eine Katharina und einen Steffen gab. So zersägen sie nach und nach die Stücke ihrer Vergangenheit und bemerken zunächst nicht, dass sie auch das einzige Überbleibsel beschädigen, das sie behalten wollten; nämlich ihre Liebe.

Regisseur Christian Moris Müller setzt bei der Inszenierung dieses wilden Plans nicht auf konventionelle Methoden. Stattdessen reicht er seinen Hauptdarstellern eine Handkamera in ihre Filmwelt, um die Erlebnisse ihrer Geschichte selbst zu dokumentieren. Im Stile einer Mockumentary wird so eine intradiegetische Erzählweise etabliert, welche die Sehgewohnheiten der Zuschauer auf die Probe stellt. Diese „handgefilmten“ Szenen werden dann von Zeit zu Zeit von kunstvollen Einstellungen durchbrochen. Hier ist die Kamera nicht direkt Teil der filmischen Welt und auch nur hier hat man das Gefühl, einen kurzen Blick auf die wahren Gefühlen des Paares werfen zu können, die sonst durch die konstante Selbstinszenierung und die ständige Rechtfertigung gegenüber dem Partner meist versteckt bleiben.

Solch physisch wie psychisch zerbrechliche Charaktere verlangen natürlich ebenso nach gefestigten Charakterdarstellern und die wurden mit Max Riemelt und Theresa Scholze auch gefunden. Die beiden Hauptdarsteller porträtieren das verzweifelte Paar mit solch einer Feinfühligkeit und Emotionalität, dass es nur einige Minuten dauert, bis sich der Zuschauer unbedingt mit ihnen in dieses Abenteuer stürzen möchte. Dabei ist die schwankende Gefühlslage der Figuren, die beinahe in jeder Szene eine Rolle spielt, ein schwieriger Drahtseilakt, der von den Darstellern bravourös gemeistert wird.

„Lichtgestalten“ ist ein herausragendes Kunstwerk geworden! Den Film bei einer ersten Sichtung in all seiner Gänze zu erfassen, scheint jedoch ein Ding der Unmöglichkeit zu sein; zu vielfältig erscheinen die zahlreichen poetisch aufgeladenen Bildkompositionen und zu nuanciert interagieren die Hauptfiguren miteinander, als dass man tatsächlich sofort jede Gefühlsregung wahrnehmen und deuten könnte. Die Farbgebung und die musikalische Untermalung sind hierbei nur zwei weitere Punkte, die zu den bereits erwähnten Stilmitteln gehören und einen ungeheuren Interpretationsspielraum bieten. Ja, man kann „Lichtgestalten“ vielleicht nicht direkt verstehen, aber das muss man womöglich auch nicht. Die „heimliche Revolution“ des Liebespaares, die durch das dezente Durchbrechen der vierten Wand unmittelbar an den Zuschauer herantritt, wird so auch zu einer Revolte im Inneren des Publikums, welche unumgänglich die Frage aufwirft: Was macht mein Leben aus? Die Antwort darauf, wenn es denn eine geben sollte, muss sich aber jeder selbst erkämpfen, genau wie das Paar. Der Besuch dieses Films ist aber ein guter Anfang für dieses Vorhaben!

♥♥♥♥♥ (5/5)

Autor: Max Fischer

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