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Filmfestival Max-Ophüls-Preis: Die Unsichtbaren (2015) Review

© AV Medien Penrose GmbH

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Wie aktuell kann eine Dokumentation sein? In einer Zeit, in der tausende von Menschen unter dem Banner der Volksbewegung „PEGIDA“ und seiner Ableger auf die Straßen der Bundesrepublik stürmen, um, unter anderem, latente Konstrukte wie Ausländerfeindlichkeit und Abstiegsangst lautstark zu thematisieren, könnte Benjamin Kahlmeyers Dokumentation über die Situation von Flüchtlingen gar nicht pünktlicher erscheinen. In seinem Film begleitet der Regisseur drei Flüchtlinge – Wasim aus Syrien, Mathew aus Kenia und Gedeon aus Kamerun – durch die Irrungen und Wirrungen des deutschen Asylverfahrens. In Eisenhüttenstadt, der „zentrale Erstaufnahmestelle“ für Flüchtlinge, beginnt die Geschichte des Films und die der drei Flüchtlinge.

Regisseur Kahlmeyer gibt sich mit seiner Doku enorme Mühe, zentrale Abschnitte des bürokratischen Verfahrens haargenau zu verfolgen und verständlich zu machen. Er lässt dabei aber nicht nur Mitarbeiter der verschiedenen Einrichtungen zu Wort kommen, sondern verknüpft diese „geschäftlichen Äußerungen“ auch immer wieder mit den praktischen Erfahrungen der Asylsuchenden. So ist es zum Beispiel interessant zu sehen, wie sich die Flüchtlinge untereinander bei alltäglichen Erledigungen helfen und Tipps zum richtigen Auftreten bei Sachbearbeitern austauschen. Lobenswert ist in diesem Kontext zu erwähnen, dass Kahlmeyer meist einen sehr neutralen Blick auf diese Vorgänge wirft und nur selten den Anschein einer Wertung vermittelt. Zwar gibt es mehrere Szenen, in denen dem Zuschauer bewusst ein gewisser Spielraum bei der Bewertung der aktuellen Flüchtlingssituation gewährt wird, dieser wird jedoch so offen ausgelegt, dass sich jeder seine eigene Meinung bilden kann.

Überraschend anzumerken ist ebenso, dass sich das Werk trotz seiner bedrückenden Thematik eine humoristische Note beibehält, die vielen Szenen die Schärfe nimmt und so, glücklicherweise, das Bild des normalen Asylanten nicht übermäßig dramatisiert und verfremdet. Dass auch Flüchtlinge gerne Xbox spielen und sich auch mal dabei aufregen, ist ein Bild, das unsere Massenmedien natürlich nicht zeigen. Dieses Bild wäre vielleicht aber gerade wichtig, um bei der Bevölkerung ein neues Identifikationspotenzial zu generieren, welches unsinnige Vorurteile schon im Keim erstickt. Genau diese Bilder sind es dann auch, die Kahlmeyer wieder und wieder erzeugt und dafür muss man ihm danken.

Auch auf der visuellen Ebene weiß die Dokumentation zu überzeugen. Die Kamera ist immer nah an den Protagonisten dran, um ihre Gefühlslage bestmöglich einzufangen. In sehr intimen Momenten lässt sie den Menschen aber auch Freiraum und entgeht so dem Urteil einer erzwungenen Aufdringlichkeit.

Wie aktuell eine Dokumentation sein kann, ist vielleicht nach der Sichtung des Wettbewerbsbeitrags „Die Unsichtbaren“ die falsche Frage. Vielmehr müsste gefragt werden, wie GUT eine Dokumentation ein aktuelles Thema behandeln kann? Regisseur Benjamin Kahlmeyer gibt auf die Frage eine beeindruckende Antwort, die man sich nicht entgehen lassen sollte. Mit einer geerdeten Inszenierung raubt das Werk einer emotional geführten Debatte über Flüchtlinge jegliches Sprengpotenzial und konzentriert sich auf die Probleme, die tatsächlich auch solche sind. Kahlmeyer und sein Team greifen dabei natürlich keine neuen Probleme der Flüchtlingspolitik auf, aber die Transparenz der Darstellung vieler Verfahrenswege kann vielleicht dafür sorgen, im Bewusstsein der Menschen neuen Barrieren vorzubeugen.

♥♥♥♥ (4/5)

Autor: Max Fischer

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