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Das Floß! (2015/2016) Review

© Julia Becker & Julia C. Kaiser Produktion

© Julia Becker & Julia C. Kaiser Produktion

Der Langfilmwettbewerb des Filmfestivals Max-Ophüls-Preis 2015 hat einige Kammerspiele in seinem Programm, aber kaum ein Werk konnte diese beengte Raumgestaltung mit soviel positiver Energie füllen wie der Film „Das Floß!“ von Regisseurin Julia C. Kaiser. Kaiser schickt ihre ungewöhnliche Ensembletruppe auf einen intensiven Junggesellinnenabschied, der zu großen Teilen nur auf einem winzigen Boot spielt. Den Freiraum zum Atmen schafft sich das Werk durch seine hervorragenden Darsteller und die überraschende Situationskomik aber immer wieder selbst.

Katha (Julia Becker) und Jana (Anna König) sind verliebt und auch eine große Hochzeit soll demnächst folgen. Was dem jungen Paar zu ihrem ganz großen Glück jedoch noch fehlt, ist ein gemeinsames Kind. Ein Samenspender ist auch schon gefunden und der gemeinsame Plan scheint perfekt. Bevor jedoch für die beiden Frauen der harte Alltag beginnt, soll noch einmal richtig auf den Putz gehauen werden. Kathas bester Freund Charly (Till Butterbach) hat sich zu diesem Anlass etwas ganz Besonderes ausgedacht und entführt seine Freundin kurzerhand, um mit ihr ein gemeinsames Wochenende auf einem kleinen Boot zu verbringen. Zu dieser illustren Zweiergruppe gesellen sich dann noch Kathas Arbeitskollege Ken (Rhon Diels), ihr kleiner Bruder Tobi (Christian Natter) und der Samenspender Momo (Jakob Renger), den Katha besser kennenlernen soll. Der ist dieses ungeplante Zusammentreffen jedoch mehr als unangenehm und der eigentlich lustige Floß-Trip entwickelt sich für sie schnell zu einem Karussell der Peinlichkeiten und unausgesprochenen Wahrheiten.

Viele Zuschauer mögen mit Kammerspielen wohl eine düstere Atmosphäre verbinden, in der sich die Figuren irgendwann verlieren und ihre dunkelsten Seiten zum Vorschein kommen. Für viele Filme mag dieser Umstand sogar zutreffen, ist das Kammerspiel doch das perfekte Mittel, um psychologisch schwierige Themenkomplexe aufzuarbeiten. Julia C. Kaisers Film ist dagegen aber ein helles und überaus angenehmes Langfilmdebüt geworden, was man allein schon daran merkt, dass beinahe der ganze Film auf einem Floß spielt, welches unter dem freien Himmel über das Wasser gleitet. Das bedeutet natürlich nicht, dass sich Kaiser vor der Abhandlung von Beziehungsproblemen drückt, nein, gerade diese spielen in dem Werk eine elementare Rolle. Sie nähert diesen komplexen menschlichen Schwierigkeiten aber von einer spielerischen Seite und offenbart dabei ein Humorpotential, das in diesem Festivalprogramm seinesgleichen sucht. Kaum ein Gag zündet nicht und das Timing eben dieser könnte besser nicht sein. Umso bemerkenswerter ist es, dass viele Szenenabläufe und Dialoge improvisiert wurden und nur der grundlegende Handlungsrahmen feststand. Es ist wohl DIE Stärke des Films, das losgelöste Spiel der Hauptdarsteller nicht ins Leere laufen zu lassen, sondern immer wieder so zu forcieren und zusammenzufügen, dass beim Zuschauer kein Gefühl der Beliebigkeit in den Szenen entsteht. Stattdessen manifestiert sich bei dem Publikum der Eindruck eines natürlichen und homogenen Schauspielensembles, welches die Handlung mit jedem Gespräch etwas vorantreibt.

Auch die visuelle Gestaltung unterstützt die grundlegende Filmstruktur und gewährt mit vielen langen Plansequenzen den Schauspielern erst genügend Raum, um ihr Improvisationspotenzial voll auszuschöpfen. Gegen Ende scheut sich das Werk aber ebenfalls nicht davor, mit sinnvollen Parallelmontagen den Spannungsbogen etwas anzuziehen.

Was man mit Improvisation in einem Film alles anstellen kann, das zeigt Julia C. Kaisers neues Werk „Das Floß!“ auf eine beeindruckende Art und Weise. Das natürliche Spiel der Protagonisten und die zahlreichen sehr gut getimten Gags sind die großen Stärken des Kammerspiels. Die Tragik-Komponente des Werks, die vor allem gegen Ende das Zepter übernimmt, profitiert von dieser Vorarbeit, sodass am Ende ein Film steht, der sowohl handwerklich als auch inhaltlich frisch, innovativ und sehr geerdet erscheint. „Das Floß!“ ist ein wunderbarer Film über die kleinen und großen Probleme von Partnerschaften geworden, der sich mit wenigen Mitteln ganz viel Wirkungskraft erkämpft.

♥♥♥♥ (4/5)

Autor: Max Fischer

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