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Fast Times at Ridgemont High / Ich glaub‘, ich steh‘ im Wald (1982) Blu-ray-Kritik

© capelight pictures

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Es ist nicht nur eine sinnvolle Idee, der 1980er-Jahre-Kultkomödie „Fast Times at Ridgemont High“ eine Blu-ray-Veröffentlichung in deutschen Landen zu spendieren, es ist weiterhin ebenfalls sinnvoll, dies, wie nun geschehen, unter seinem Originaltitel zu tun und das nicht nur, da seit einigen Jahren der Trend dahin geht, immer seltener spezifische deutsche Verleihtitel bei Kinostarts zu entwickeln. Für diejenigen, die aus nostalgischen Gründen den deutschen Titel „Ich glaub‘, ich steh‘ im Wald“ bevorzugen: Er steht auf dem Blu-ray-Cover in kleiner Schrift unter dem größer gehaltenen Originaltitel. Spätestens 1982, im Erscheinungsjahr des Filmes, konnte man jedoch von einer akuten Titelkonfusion hinsichtlich US-amerikanischer Komödien sprechen, da zuvor bereits John Landis‘ College-Komödie „National Lampoon’s Animal House“ (1978) in Deutschland als „Ich glaub‘, mich tritt ein Pferd“ veröffentlicht wurde, bevor Ivan Reitmans Militär-Satire „Stripes“ (1981) drei Jahre später unter dem noch etwas dämlicheren Titel „Ich glaub‘, mich knutscht ein Elch“ in die Kinos kam, um noch ein Jahr später schließlich „Ich glaub‘, ich steh‘ im Wald“ auf das deutsche Publikum loszulassen. Schon klar: Die deutschen Verleihtitel sind vermutlich mittlerweile ebenso Kult wie die drei Filme selbst, doch haben sie natürlich nicht das geringste mit den jeweiligen Filmhandlungen zu tun, so dass man schon einmal den Überblick verlieren kann, ob es jetzt gerade John Belushi war, den Elche knutschen; Bill Murray, der im Wald steht; Sean Penn, der von einem Pferd getreten wird…oder doch alles andersherum.

Klarstellung: Sean Penn wird weder von Elchen geknutscht noch von Pferden getreten, sondern steht im Wald, oder glaubt das zumindest (wobei, wie erwähnt, der Film dies weder auf einer faktischen noch auf einer metaphorischen Ebene ausspielen würde). „Fast Times at Ridgemont High“ ließe sich dabei zunächst in den Kontext der zahlreichen Teenager-Komödien aus den ausgehenden 1970er- und beginnenden 1980er-Jahren mit teils akut sexuell aufgeladenem Unterton einordnen, wie der bereits erwähnte „National Lampoon’s Animal House“, „H.O.T.S.“ (1979), „Rock’n’Roll High School“ (1979), „Porky’s“ (1981) samt zweier Fortsetzungen 1983 und 1985, „Die letzte amerikanische Jungfrau“ (1982), „Die Klassenfete“ (1983) oder „Die Highschool-Fete“ (1983), doch würde man ihm damit etwas unrecht tun. Besser ist es, man nähert sich ihm im Kontext des Genres aus drei Gründen eher ex negativo an und das nicht nur, da er vermutlich das mit Abstand bekannteste der genannten Beispiele ist. Erstens zeigte er sich, trotz der häufigen Thematisierung von Sex in den Gesprächen der Charaktere, auf der Darstellungsebene in entsprechender Hinsicht deutlich zurückhaltender als viele seiner Genrekollegen und beschränkte seine diesbezüglichen Visualisierungen auf einige wenige Momente, womit er eher den behutsameren Stil späterer Kult-Knaller wie „The Breakfast Club“ (1985) und „Ferris macht blau“ (1986) vorwegnahm. Verbunden mit diesem veränderten Fokus wies er bei der Gestaltung seiner Figuren ein höheres Maß an Charaktertiefe auf, was, zweitens, mit der ungewöhnlichen Entstehungsgeschichte zusammenhängt: So hatte sich Drehbuchautor Cameron Crowe (der spätere Regisseur von Filmen wie „Jerry Maguire“ (1996) oder „Vanilla Sky“ (2001)) zuvor zwei Jahre lang undercover in eine Highschool eingeschleust und seine dortigen Erfahrungen in einem Roman verarbeitete, der wiederum als Basis für das Drehbuch diente. Dies gab dem Film ein ganz eigenes Maß an Authentizität, da die Figuren und die Dialoge nicht von Autoren stammten, die keinen Bezug zum entsprechenden Milieu hatten und eher darauf aus waren, den nächsten Vulgär-Gag ins Drehbuch zu hämmern, sondern (natürlich mit ein wenig dramaturgischem Schliff) auf tatsächlichen Erfahrungen und tatsächlichen Personen basierten. Drittens saß mit Amy Heckerling eine Frau auf dem Regiestuhl, was schon ganz grundsätzlich in den 1980er-Jahren eher selten vorkam. Dies schlug sich im Film insofern nieder, da er sich vom in der konservativen Reagan-Zeit, pauschal gesprochen, vorherrschenden filmischen Hauptaugenmerk auf männliche Charaktere insbesondere in sexuell unterfütterten Komödien abhob und den Blick zu gleichen Teilen auf die weiblichen Figuren sowie ihre Versuche legte, entsprechende Erfahrungen sammeln zu können.

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„Fast Times at Ridgemont High“ ist folglich kein Film mit obsessiv erzwungenem Haudrauf-Humor, sondern eine schlicht wunderbare Komödie, die ihren Witz mit teils durchaus nachdenklichen Momenten stimmig zu kontrastieren vermag (Stichwort: Thematisierung von Abtreibung), was mit ein Grund für die bis heute ungebrochen große Anhängerschaft des Filmes sein dürfte. Eine Handlung im Sinne einer klassischen Dramaturgie besitzt er dabei nicht, sondern fußt auf einem grandios miteinander interagierenden Ensemble und stellt eher eine Collage aus den Wegen der einzelnen Figuren dar, die sich in verschiedener Weise kreuzen, wobei der gemeinsame Nenner ist, dass sie alle Schüler der titelgebenden Ridgemont High sind. Da wäre zunächst der wandelnde Konzertkarten-Schwarzmarkt Mike Damone (Robert Romanus), dessen Alltagsverhalten von betonter Coolness geprägt ist und der seinem Kumpel Mark, Spitznahme „Rat“ (Brian Backer) immer wieder Tipps für den Umgang mit Frauen gibt. Rat ist jedoch ein eher introvertierter Typ und sehr verliebt in Stacy Hamilton (Jennifer Jason Leigh), die fast schon krampfhaft versucht, sexuelle Erfahrungen zu sammeln, wobei sie von ihrer in dieser Hinsicht angeblich (!) deutlich erfahreneren Freundin Linda (Phoebe Cates) ständig implizit unter Druck gesetzt wird. Linda ist wiederum die Traumfrau von Stacys Bruder Brad (Judge Reinhold), der sein Abschlussjahr eigentlich in vollen Zügen genießen will, sich aber lediglich die ganze Zeit von Job zu Job hangelt. Und schließlich stolpert noch der zum Kult-Charakter gewordene, dauerhaft bekiffte Jeff Spicoli (Sean Penn) durch den Film, der sich ständig mit seinem etwas verknöcherten Geschichtslehrer Mr. Hand (Ray Walston) anlegt, was seinen Höhepunkt in einer äußerst amüsanten Pizza-Szene findet. In kleinen Nebenrollen sind darüber hinaus übrigens Nicolas Cage und Forest Whitaker zu sehen.

Dieser Film vermag die Gratwanderung zu leisten, Nostalgie für die 1980er-Jahre zu evozieren, auch dann, wenn man sie selbst gar nicht miterlebt hat, jedoch gleichermaßen diese Nostalgie in Teilen wiederum zu bedienen. „Fast Times at Ridgemont High“ ist ein stimmiges Porträt seiner Zeit und ein Sprung zurück in eine Epoche, als man noch umstandslos den Filmtitel in knalliger Neon-Metallic-Schrift quer über die Leinwand ballern konnte; als man sich noch traute, eine Teenager-Komödie mit einem R-Rating versehen in die Kinos zu bringen, also keine Probleme hatte, die Originalität des Stoffes zu wahren und dafür weniger Zuschauer in Kauf nahm (das wäre beim heutigen ökonomisch getriebenen PG-13-Wahn beinahe undenkbar); als eine Komödie im Kontext eines eigentlich wenig dezenten Genres es vermochte, dennoch eine charmante Unaufdringlichkeit zu wahren und die emotionalen Hintergründe seiner Figuren stets im Blick zu behalten. An dieser Stelle sei auch noch der exorbitante 80s-Soundtrack erwähnt, der seinen nicht unerheblichen Teil zur nostalgischen Stimmung beiträgt.

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Um den Bogen zurück zum Anfang zu schlagen: Endlich liegt dieses völlig zu Recht als Kultfilm gefeierte Werk auch in Deutschland in HD vor. Das Bild dürfte dabei dem der US-Blu-ray entsprechen und sieht dementsprechend fantastisch aus, als Bonus gibt es den obligatorischen Audiokommentar mit Regisseurin Amy Heckerling und Drehbuch-autor Cameron Crowe sowie das bereits auf den DVD-Veröffentlichungen enthaltene und sehr unterhaltsame 40-minütige Featurette „Reliving Our Fast Times at Ridgemont High“ / „Zurück zur Ridgemont High“, das aus Interviews (fast) aller Beteiligten sowie zu den jeweiligen Aussagen passenden Film-ausschnitten besteht und einige interessante Einblicke in die Produktionsgeschichte gibt. Derartige Veröffentlichungen wie die vor-liegende Blu-ray von „Fast Times at Ridgemont High“ sind richtig und wichtig und sollten entsprechend Unterstützung erfahren in einer Zeit, in der immer weniger Katalogtiteln großer Studios eine anständige Blu-ray-Auswertung zuteil wird und es gerade in Europa an kleinen Labels hängenbleibt, diese Teile der Filmgeschichte für insbesondere denjenigen Teil der Nachwelt zu konservieren, der sich im Hinblick auf die Frage, welcher Film zu welchem Zeitpunkt geschaut werden kann, nicht in ein Abhängigkeitsverhältnis zu Video-on-Demand-Diensten begeben möchte.

Autor: Jakob Larisch

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