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Es ist schwer, ein Gott zu sein (2013/2015) Review

© Bildstörung

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„Mich interessiert weiter nichts mehr als die Möglichkeit, eine Welt, eine gesamte Zivilisation von Grund auf aufzubauen.“ Damit begann vor Dekaden die Arbeit an einem Großprojekt, das zum Zeitpunkt der Fertigstellung jeglichen Rahmen effizienter Filmproduktion gesprengt hat. Sechs Jahre Drehzeit und weitere sieben Postproduktion resultieren in einem Mittelalter-Science-Fiction-Epos von gigantischen Ausmaßen. Mit „Es ist schwer, ein Gott zu sein“ hat Regisseur Aleksei German einen maßlosen Film geschaffen, ein Werk, das man aufgrund der horrenden Produktionszeit und abschreckender Lauflänge von 177 Minuten heute eigentlich nicht mehr für möglich halten würde – und doch können wir diesen faszinierenden Film im Kino bestaunen, uns davon erschüttern, begeistern, abstoßen und vollkommen einnehmen lassen.

Die Geschichte lässt sich bei der ersten Sichtung nur schwer ausmachen: Der Film basiert auf dem Science-Fiction-Roman der Strugatzi-Brüder, die sich schon für die Vorlage von Andrei Tarkowskis „Stalker“ verantwortlich zeigten – der Begriff Science Fiction ist jedoch mit Vorsicht zu genießen, rein optisch ist „Es ist schwer, ein Gott zu sein“ im tiefsten Mittelalter verortet. Auf einen fremden Planeten, dessen Lebensbedingungen und Bevölkerung unserer bekannten Erde gleichen, hat man eine Gruppe Wissenschaftler geschickt. Grund dafür: Der Planet liegt gegenüber der Erde 800 Jahre zurück, eine aufkommende Renaissance wurde brutal niedergeschlagen – der Wissenschaftler Rumata (Leonid Yarmolnik), der von nun an dort als adliger Don (bzw. Gott) residiert, hat den Auftrag, die Bewohner des Planeten zu kulturellem Wachstum zu verhelfen – einmischen in die Politik oder aber Beeinflussung der Entwicklung des Planeten durch ihm bekannte, fortschrittliche Technik ist jedoch untersagt. So beobachten wir zusammen mit Rumata eine Gesellschaft, die im kniehohen Schlamm des Mittelalters feststeckt, und sich nur schwerlich daraus erheben kann.

Damit hat Aleksei German sein eingangs zitiertes Ziel schon vollends erreicht: „Es ist schwer, ein Gott zu sein“ entwirft eine mittelalterliche Kultur, die man so noch nie auf der Leinwand sehen durfte: Die Figuren versinken in Dreck und Regenwasser, in allen Ecken der Gebäude finden sich Tierkadaver und Exkremente, deren Gestank förmlich aus der Leinwand heraustreten möchte. Ein uns bekanntes Sozialverhalten existiert noch nicht: Die verbale Kommunikation beschränkt sich auf kryptische Sätze, die Interaktion untereinander erfolgt wesentlich öfter über Schreie, Berührungen oder Gewalt. In dieser, wie in allen anderen Aspekten seines Werkes ist Aleksei German vollkommen kompromisslos – der Film ist hemmungslos brutal, schreckt vor keiner Abscheulichkeit und Grausamkeit zurück und zerstampft damit jede nostalgisch verklärte Vorstellung des Mittelalters. Ein „Braveheart“ sieht dagegen romantisch aus, ein „Game of Thrones“ fast klinisch sauber. Mit einer solchen visuellen Stärke kann sich einzig Tarkowskis „Andrej Rubljow“ messen, jedoch ist Germans Mittelalter noch beengter, noch klaustrophobischer und noch grausamer.

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Dieses unwirtliche Universum durchstreift die Kamera durchgehend in schwarz-weiß und in langen Plansequenzen, sie schwebt elegant durch die verwinkelten und verhangenen Räume, und wechselt frei zwischen weiten Aufnahmen und extremen Close-Ups. Hier verbirgt sich auch ein enorm interessanter Bruch in der Diegese: Ständig laufen Menschen an der Linse vorbei, häufig stoppen sie davor, schauen direkt hinein, grinsen oder lassen einen kurzen Kommentar ab, und verschwinden wieder in der Menge: Die Kamera macht uns tatsächlich zum Beobachter, als wären wir ein Begleiter Rumatas und die Menschen seien sich der Beobachtung bewusst. Über die enorme Laufzeit nimmt der Zuschauer seine beobachtende Funktion entweder an, sitzt irgendwann ebenso tief in den Gesetzen dieser Welt fest wie Rumata, oder aber er verlässt den Saal in die rettende Wirklichkeit und gibt sich der Kraft des Filmes geschlagen.

Wer es jedoch schafft, bis zum Ende in dem unglaublichen Kosmos des Filmes zu verharren, der wird mit einer der gewaltigsten Filmerfahrungen der letzten Jahre belohnt. Wie seine Hauptfigur, so ist auch dieses Werk wie aus der Zeit gefallen – diese Größenordnung existiert kaum noch, alle uns heute bekannten Sehgewohnheiten und Produktionsbedingungen sprechen gegen die Existenz des Filmes, und doch nahmen sich Ehefrau und Sohn des mittlerweile verstorbenen Aleksei Germans dem Projekt an und stellten es fertig. Kein Film dieses Jahr ist widerborstiger und anstrengender. Kein Film versucht den Zuschauer mehr aus seiner „comfort zone“ herauszureißen und ihn abzustoßen und doch hat es kein Film dieses Jahr mehr verdient, im Kino gesehen zu werden als „Es ist schwer, ein Gott zu sein“.

Autor: Roman Widera

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