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Edge of Tomorrow (2014) Review

Edge of Tomorrow 1

All You Need is Kill.“ „Edge of Tomorrow.“ „Live.Die.Repeat.“ Alle drei Titel bezeichnen denselben Film mit Tom Cruise und Emily Blunt. „All You Need is Kill.“ heißt die dem Film zugrunde liegende japanische Light Novel von Hiroshi Sakurazaka und war auch ursprünglich als Filmtitel vorgesehen. Das klang vielleicht etwas zu martialisch und wurde irgendwann in das kryptischere „Edge of Tomorrow“ umbenannt. Doch was dem geneigten Zuschauer am ehesten in Erinnerung blieb, war die Tagline, die die Prämisse des Films perfekt auf den Punkt bringt: „Live.Die.Repeat.“ Vor kurzem habe ich in einer Kolumne gelesen, dass der Name „Edge of Tomorrow“ wohl etwas zu sperrig gewesen sei und dass daher auch das Marketing nicht richtig funktioniert habe – man wäre demnach eventuell besser gefahren, hätte man die Tagline gleich als Titel verwendet. Fürs Heimkino wird Doug Limans neuste Regiearbeit daher nun auch etwas anders vermarktet. „Live.Die.Repeat.“ prangt in großen Lettern auf dem DVD/BluRay-Cover, am unteren Ende steht dann irgendwo „Cruise/Blunt/EdgeOfTomorrow.“ Gemessen an seinem Produktionsbudget von circa 180 Millionen US-Dollar ist „EoT“ mit einem Einspiel von rund 370 Millionen ein mehr als solider BoxOffice-Run gelungen, aber wer weiß: Vielleicht wäre mit einem anderen Marketing tatsächlich ein höheres Ergebnis zu erzielen gewesen? Schade, dass die Verantwortlichen nicht in der Zeit zurückreisen können, um diesen Umstand zu verändern und dem sensationell geilen „EoT“ damit womöglich einen noch weitaus größeren Erfolg zuteilwerden lassen zu können…

Wer das allerdings kann, ist Major William Cage (Cruise), Marketing-Fachmann und Presse-Offizier der amerikanischen Streitkräfte, der die Fähigkeit des Zeitreisens (bzw. des „resets“) unfreiwillig auf dem Schlachtfeld erhalten hat. Wie es dazu kam? Die sogenannten Mimics, eine Alienrasse, die die Erde erobern will (warum? egal!), haben bereits weite Teile Eurasiens okkupiert, nach einem erfolgreichen Gegenschlag seitens der Menschen in Verdun wollen die vereinten Streitkräfte der Welt nun in einer alles entscheidenden Schlacht an den Stränden Nordfrankreichs einen Sieg über die teuflischen Invasoren erzwingen, um sie dann in weiteren Gefechten vollends zurückzudrängen. General Brigham (Brendan Gleeson) befiehlt Major Cage bei dieser Offensive mit einem Kamerateam den Sieg der Menschen zu dokumentieren, um im Anschluss die unzähligen Toten in den Medien besser vermarkten zu können. Da Cage allerdings keine bzw. kaum Kampferfahrung vorzuweisen hat, widersetzt er sich dem Befehl und hält es zudem für einen cleveren Schachzug, dem General zu drohen, ihn hinterher in den Medien zum Sündenbock zu stilisieren, sollte dieser seinen Befehl nicht zurücknehmen. Daraufhin lässt Brigham den Major allerdings von der Militärpolizei verhaften und zum Private degradieren. Tags darauf wacht Cage – gebrandmarkt als Fahnenflüchtiger – auf einem Militärstützpunkt auf und wird von Master Sergeant Farell (Bill Paxton) in die Einheit J gesteckt, um dann am folgenden Tag schwer bewaffnet in Hightech-Exoskeletten den Sieg in der Normandie davon zu tragen. Doch das Gefecht gerät zum Massaker: die Streitkräfte geraten in einen Hinterhalt der Mimics und sind dem Untergang geweiht. Bevor Cage allerdings das Zeitliche segnet, tötet er einen Alpha-Mimic, mit dessen Blut er in Berührung gerät, sodass er dessen Fähigkeit zum Zeitreisen erhält. Gefangen in einer Zeitschleife wacht Cage nun nach jedem Sterben wieder am Stützpunkt auf und wird mit den freundlichen Worten „Steh auf, du Penner!“ begrüßt. Als er auf dem Schlachtfeld bei einer seiner zahlreichen „Wiedergeburten“ irgendwann den Sergeant Rita Vrataski (Blunt) rettet und ihr von seinen Fähigkeiten berichtet, sagt sie ihm, er solle sie nach seinem erneuten Sterben unbedingt aufsuchen. Scheint Vrataski etwa der einzige Mensch zu sein, der Cages Story glaubt?

„Edge of Tomorrow“ ist ein unglaublich smarter und clever erzählter Sci-Fi-Actioner, zu dem Regisseur Doug Liman wie die Faust aufs Auge passt, hat dieser doch bereits einen Action-Thriller („Die Bourne Identität“), einen Sci-Fi-Actioner („Jumper“) und auch eine Actionkomödie mit männlich/weiblichem-Hauptdarstellerduo („Mr. & Mrs. Smith“) auf dem Konto. Im Action-Genre kennt der Mann sich aus, auch wenn die drei erwähnten Filme natürlich nicht allesamt die gleiche Qualität besitzen, jedoch stets mit ihren Schauwerten zu überzeugen wussten – sein „Bourne“-Film jedoch darf wohl als rundum gelungen angesehen werden. Mit diesem und auch mit dem leise daherkommenden Polit-Thriller „Fair Game“ konnte Liman zudem unter Beweis stellen, dass er auch eine gute Geschichte erzählen kann, sofern ihm das Drehbuch dazu überhaupt die Möglichkeit gewährt, was es im Falle von „EoT“ auch tut: Das Skript aus der Feder von Christopher McQuarrie, Jez und John-Henry Butterworth macht nämlich so gut wie alles richtig. Die Prämisse „Military-Sci-Fi-Action + Alien-Invasion + Und täglich grüßt das Murmeltier“ funktioniert in allen Belangen sehr gut. Ich hatte zuvor zwar die Befürchtung, dass das Ganze etwas zu militaristisch daherkommen könnte, doch das ganze Macho-Gehabe wird durch die zahlreichen Humoreinschübe, die sich immer wieder aus den Zeitreise-Elementen ergeben, sehr gut konterkariert. Eindrucksvoll ist hierbei vor allem die Tatsache, dass sich die Geschichte eigentlich um niemanden schert außer um William Cage und Rita Vrataski: Die beiden sowie die Action-Schauwerte stehen im Mittelpunkt des Films und lassen ohnehin kaum Platz für martialisches Militärgehabe. Liman und seine Autoren legen den Fokus auf ihr gut harmonierendes Hauptdarstellergespann, auf ihr Setting, die enorm stylische Action und ihre clevere Geschichte.

Edge of Tomorrow 2

Man mag von Tom Cruise als Privatperson ja weiterhin halten, was man will, aber als Leading Man im Blockbusterbereich gehört der Mann immer noch zu den ganz Großen: Humorvolle Momente, nachdenkliche Szenen und auch kriegerische Passagen meistert der charismatische Darsteller mit links. Doch auch Emily Blunt als gestählte Kriegsheldin weiß rundum zu überzeugen. Seien es die Action, die Effekte, das Kreaturen-Design, das Militär-Equipment, die tolle Kameraarbeit von Dion Beebe, der knallende Klangteppich oder der Score von Christophe Beck: Alles fügt sich hier wunderbar zusammen und auch die leisen Momente mit romantischen Anklängen wirken niemals forciert, sondern im Kontext vernünftig eingebettet. Zudem weist der Plot ein enorm gutes Pacing auf und bietet immer wieder interessante Story-Wendungen. Wenn man an diesem Film überhaupt etwas kritisieren kann, dann sind es die vielleicht etwas zu over-the-top inszenierte Actionsequenz in Paris, sowie die einen Tick zu zufällig und quasi „out of nowhere“ daherkommende Erfindung, um die Mimics doch noch in die Knie zwingen zu können.

In „Die Konstitution des Wunderbaren“, einem Sachbuch zum Sci-Fi-Film, schreibt Autor Simon Spiegel, dass Zeitreise-Geschichten immer Meta-Stories über das Geschichtenerzählen seien, was in „EoT“ natürlich ebenfalls zutrifft. Die „Trial & Error“-Dramaturgie langweilt auch niemals und überrascht zudem immer wieder mit neuen Ideen; zusätzlich bricht sie letzten Endes die Heldenreise auf ihre Quintessenz herunter und akzentuiert nochmal die bittersüße, leise Romanze zwischen den beiden Protagonisten – der Abspannsong illustriert das außerdem nochmal (wenngleich auch etwas allzu offensiv, aber nicht minder schön und zufriedenstellend). Alles in allem ist Doug Limans Spektakel natürlich tief in der „Katastrophenfantasie“ nach Susan Sontag verwurzelt, die damit u.a. auf Invasions-Sci-Fi-Filme Bezug nahm: Filme, in denen außerirdische Aggressoren dazu führen, dass die Menschheit ihre Konflikte beiseitelegt, um sich auf einen gemeinsamen Feind zu konzentrieren – quasi ein „guter“, ein legitimierter Krieg. Doch der kluge Zeitreiseplot und der Fokus auf die zwei (von der Militär-Gesellschaft eher ausgestoßenen) Hauptfiguren und deren intimere Geschichte sind das Herz und die Seele des bombastisch bebilderten und actionlastigen Zukunftsszenarios.

„Edge of Tomorrow“ ist im Kern so klassisch wie eine Helden-Geschichte nur sein kann: Erlösung, Wiedergeburt, Liebe etc. – alles vorhanden. Verknüpft mit dem Zeitreise-Element gelingt es dem optisch enorm beeindruckenden Sci-Fi-Actioner den Zuschauer kontinuierlich gut zu unterhalten. Der eingestreute schwarze Humor und die augenzwinkernden, sowie teils satirischen Seitenhiebe auf übertriebene(s) Militär-Heroentum und –Propaganda inklusive Querverweisen auf reale ehemalige Kriegsschauplätze (Verdun, die Normandie) passen zudem wunderbar ins Gesamtbild. Auf den Mecha-Kram mit den Exoskeletten muss man sich einlassen, um den Film goutieren zu können, ich als alter Anime-Crack und „Neon Genesis Evangelion“-Fanboy war hiervon natürlich hellauf begeistert. In seinem Genre ist „Edge of Tomorrow“ die 10/10, auch genreübergreifend gebe ich mal mindestens eine 9/10 und euch Lesern hiermit eine unbedingte Empfehlung mit auf den Weg: WATCH.CELEBRATE.REPEAT. – Limans neuer Streifen ist einer der besten Blockbuster des Kinojahres!

Autor: Markus Schu

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