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Dunkirk (2017) Review

Im Frühjahr 1940 erfolgt der Befehl der obersten britischen Heerleitung, die französische Stadt Dünkirchen zu evakuieren, da die darin stationierten Soldaten von der deutschen Wehrmacht eingekesselt worden sind. Verzweifelt warten die Soldaten auf ihre Rettung, doch deutsche Bomber greifen gnadenlos jedes Marineschiff der Briten an, welches zur Evakuierung absetzt. Christopher Nolans neues Werk „Dunkirk“ erzählt die bis dato kaum beachtete, verzweifelte Evakuierung von 338226 Soldaten am Strand von Dünkirchen, die ihr Überleben nicht mehr in der eigenen Hand haben. Fernab der großen heroischen und strategisch wichtigen Schlachten des Zweiten Weltkriegs sehen wir nichts von Heldenmut und Opferbereitschaft, die Hollywood gerne in den Mittelpunkt solcher Geschichten stellt. Stattdessen sehen wir kampfesmüde Soldaten, die schlicht dem sicheren Tod durch die deutschen Truppen entkommen möchten, welche sie eingekesselt haben. Der Tod in dem Szenario ist allgegenwärtig, wird aber von den Soldaten zunächst nicht wahrgenommen. Wenn eine Bombe Kameraden zerfetzt, wird keine Kraft für Trauer und Angst verschwendet, der Flucht aus Dünkirchen wird die einzige Priorität zugesprochen. Stattdessen begegnet uns die Angst jedes Mal, wenn die Rettung zum Greifen nahe war und sich dann doch wieder in Rauch aufgelöst hat. Ein namentlich nicht genannter Soldat (Cillian Murphy) weigert sich mit aller Macht gegen die Rückkehr an den Strand von Dünkirchen, an dem er wenige Stunden zuvor seine Kameraden um Ruhe und Geduld gebeten hat, und um Vertrauen auf den Evakuierungsplan der Vorgesetzten.

Der Film konzentriert sich ausnahmslos auf die Evakuierung der Soldaten, nutzt dabei die Perspektive von Personen auf dem Land, zu See und aus der Luft. Je nach Dauer der Beteiligung der jeweiligen Personen an der Evakuierung verharrt der Film in der entsprechenden Perspektive. Daher verbringt der Zuschauer die meiste Zeit mit Soldaten, die am Strand zunächst lethargisch und abwesend, später aber verzweifelt auf ihre Rettung warten. Sobald die Soldaten sich auf den Schiffen auf dem Weg nach Hause befinden, fällt die Anspannung bei den Beteiligten sichtlich. Erst nachdem die Schiffe durch deutsche Jagdbomber angegriffen und zum Sinken gebracht werden, bricht mit einem Mal die Panik unter den Soldaten aus. Auch wenn uns Nolan die Bilder von ertrinkenden oder sterbenden Soldaten größtenteils erspart, erzielen die minutenlangen Sequenzen, hinterlegt mit einem brillanten Tonschnitt, die gewünschte Wirkung. Die Verzweiflung der Soldaten, die aus den Inneren der sinkenden Schiffe nicht mehr herausfinden und ihrem Schicksal überlassen werden, ist greifbar.

Auf einem Schiff, welches dem Rettungsgesuch der britischen Armee an die Zivilbevölkerung nachkommt, die Evakuierung von Dünkirchen mit privaten Booten und Schiffen zu unterstützen, befinden sich Mr. Dawson (Mark Rylance), sein Sohn Alex (Harry Styles) und dessen Freund George (Barry Keoghan). Sie wollen zu der Rettung ihren Teil beitragen und machen sich auf den Weg in das Kriegsgebiet. In der Luft erhält der Zuschauer Einblick in das Innenleben des Soldaten Fionn Whitehead (Tom Hardy) und seinen Kameraden der Royal Air Force. Nolan beginnt gleichzeitig mit der Narration aus den verschiedenen Perspektiven, jedoch beginnen die Handlungsstränge nicht zur selben Zeit, es gibt Zeitsprünge in der Narration, ohne diese groß zu thematisieren. Lediglich die Wiederkehr zu bereits gezeigten Sequenzen, jedes Mal aus einer anderen Sicht, machen dies dem Zuschauer verständlich.

Verglichen mit seinen direkten Vorgängern ist Nolans „Dunkirk“ ein eher kleines Projekt, welches sich sowohl durch die Lauflänge des Films als auch dessen Werbebudget belegen lässt. Trotzdem stand dem Ausnahmeregisseur ein Budget von 150 Millionen Dollar zur Verfügung, welches er in das Setting investierte. Schiffe, Flugzeuge und Explosionen sind nicht am Computer mittels CGI entstanden, sondern echt oder lebensechte Attrappen. Nolan, ohnehin kein Fan von CGI, hebt sich hierdurch von seinen Kollegen ab und beweist, wieso eine Entscheidung für die altbewährten Methoden auch seine Vorteile haben kann. Natürlich sind so keine aufwendigen Schlachten möglich, aber durch den großartigen Schnitt von Lee Smith wirken die Sequenzen dennoch realistisch und bedrohlich.

Im Erzählstil weicht Nolan, der auch immer einen großen Einfluss auf die Drehbücher seiner Filme hat, von seinen vorherigen Werken ab. Es gibt keine in sich zerrissene Hauptfigur, deren Bekämpfung seiner inneren Dämonen einen Hauptteil der Geschichte einnimmt. Durch die verschiedenen Perspektiven gibt es verschiedene Hauptfiguren, über deren Motivationen man wiederum nichts erfährt. Nolan verzichtet auch auf die für ihn typischen Gespräche zwischen zwei oder mehreren Charakteren, die dem Zuschauer wichtige Handlungsstränge in einer Art sokratischem Dialog erklären sollen; auf Verbales wird in „Dunkirk“ generell weitestgehend verzichtet. Darüber hinaus ist das Ende zwar durch den historischen Hintergrund offengelassen, Nolan jedoch wertet jedoch das Geschehene und schließt somit die Erzählung ab. Hauptsächlich geschieht dies im Umgang der Zivilbevölkerung mit den zurückgekehrten Soldaten.

Großartige Bilder, ein solider Score und viele schauspielerische Glanzleistungen machen „Dunkirk“ zu einem wahren Meisterwerk. Nolan macht vieles richtig und fast nichts falsch. Lediglich an der einen oder anderen Stelle kann er dann doch den Patriotismus nicht verhindern, der solchen Filmen immer anhaftet. Souverän: 9/10

Autor: Mamon Hassani

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