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Die Zeit der Geier (1967) Blu-Ray-Kritik

© Koch Media

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Vor fast fünfzig Jahren lieferte Nando Cicero mit „Die Zeit der Geier“ einen Beitrag zum damals blühenden Genre des Italo-Westerns ab. Moralische Grauzeichnungen bei den Hauptfiguren, das trashige Niveau einer Fließbandproduktion und ein hohes Maß an Schießereien und Gewalt konnten sich als Merkmale dieser Filmgattung herausarbeiten und damit auch kleinere Filme abseits von den großen Western Leones oder Corbuccis für ein Nischenpublikum bis heute interessant halten. Im Zuge seiner „Western Unchained“-Reihe liefert Koch Media nun für diese Fans auch eine Blu-ray der ungekürzten ab FSK-16-Fassung.

Auf der Farm des Viehzüchters Don Jaime Mendoza (Eduardo Fajardo) herrscht ein harter Arbeitsalltag unter strengem Regime, dem sich der Casanova Kitosch (George Hilton) durch Drückebergertum und Schäferstündchen zu entziehen versucht. Dass dies für den Sturkopf, der sich auch durch Schikanen und Prügelstrafen nicht auf Linie bringen lässt, nicht lange gut gehen kann, liegt auf der Hand und so nimmt Kitosch kurzerhand reißaus. Auf seiner Flucht erhält er überraschend Hilfe von dem eiskalten Verbrecher Joshua Tracy (Frank Wolff). Fortan schweißt die beiden die gemeinsame Suche nach dem schnellen Glück und dem Begleichen offener Rechnungen zusammen, beides begleitet von viel Blei und noch mehr Toten. Aber auch zwischen Kitosch und Tracy scheint es sehr bald schon zu gefährlichen Unstimmigkeiten zu kommen.

Mit dem durch Eastwood oder Bronson populär gemachten, schweigsamen Revolverhelden kamen allerlei Ideen und Experimente ins Western-Genre und gerade der Italo-Western wollte sich mit seinem Zynismus gegen das Saubermann-Image des coltschwingenden Helden wehren. Und zu so großen und denkwürdigen Szenen dies auch führen kann und konnte, kann die Kehrseite der Medaille gerade in kleineren Produktionen mit niedrigeren Budgets schnell und störend zum Vorschein kommen. Ein zynischer Held, oder wie im Falle von „Die Zeit der Geier“ ein Gespann aus gleich zwei schießwütigen Cowboys, birgt immer die Gefahr, Zuschauersympathien und noch wichtiger, Zuschauerinteresse, zu verlieren, was die Geschichte rund um die Figuren angeht. Fatal, wenn dann auf inszenatorischer und produktionstechnischer Seite nicht mit entsprechenden Mitteln oder Können ausgleichend etwas fürs Auge geliefert werden kann. Ciceros Rache-Western fällt in eben genau diese Kategorie und dürfte daher nur absoluten Genre-Fans erschließbar werden. Denn obwohl Hiltons Kitosch als auch Wollfs Joshua Tracy eine gute Figur in ihren Rollen machen, ersterer als junger, energetischer Outlaw, für den es keine Regeln zu geben scheint, zweiterer als kaltherziger, zerfressener Opportunist, sind beide nicht in der Lage, wenn schon keine Sympathien, dann wenigstens Interesse für das Schicksal ihrer Figuren zu entwickeln. Daran hat sicher auch das dünne Skript sein Zutun, da der gesamte Plot eher von Station zu Station mäandert statt einer klaren Stimmung folgen zu wollen. Per se sicher nichts schlechtes und schließlich weiß der Film gegen Schluss auch einen Bogen zurück zu seinen Anfängen zu schlagen, um einen runden Eindruck zu erwecken, allerdings hilft die Ziellosigkeit im Mittelteil ebenfalls nicht dabei, dass Interesse beim Zuschauer hoch zu halten.

Wo die großen Spaghetti-Western also in ihrer inszenatorischen Wucht, einer fulminanten Musik-Untermalung (hier ist immerhin Kitoschs Thema eine eingängige Melodie) oder einer dichten Atmosphäre punkten konnten, war all dies einer kleinen Produktion wie „Die Zeit der Geier“ natürlich verwehrt. Dennoch bieten die typischen Landschaftspanoramen auch abseits von inszenatorischem Schnickschnack sicher was fürs Auge und in gegebenem Rahmen wissen die zahlreichen Schießereien Fans sicher zu überzeugen. Das Highlight dürfte dabei ein Überfall auf einen Goldtransport zur Mitte des Films hin abgeben, an dem gleich drei Parteien beteiligt sind, aber auch hier muss sich der Zuschauer auf einen eher gemütlichen Schlagabtausch einstellen und nicht auf eine Verfolgungsjagd à la „Stagecoach“. Und wer wegen des Labels „Brutalo-Western“ sich Zeit für die Geier nehmen will, sollte dies unter Vorbehalt tun: Denn natürlich ist, was 1967 als brutal und sadistisch galt, heute eher harmlos. Selbst in den großen Schießereien bleibt „Die Zeit der Geier“ ungefährlich, ein zynisches Massensterben wie in „Django“ oder Peckinpahs „The Wild Bunch“ findet sich hier eher nicht. Dazu außerdem: Selbst in der gut synchronisierten deutschen Fassung kommt es ab und an zu italienischen Einschüben mit deutschen Untertiteln, was der neuen Schnittfassung geschuldet sein dürfte. Dies beschränkt sich aber auf einige wenige Szenen und ist nicht weiter störend, auch wenn die Übergänge teils äußerst ruppig ausfallen.

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Damit ist, es sei abschließend nochmals gesagt, Ciceros „Die Zeit der Geier“ ein Italo-Western für Fans und Komplettisten, die mit Wolff/Hiltons Gangster-Gespann ihren Spaß haben könnten, selbst wenn die großen Highlights fehlen sollten. Wer den Western seiner Jugend nachhängt, bekommt mit dieser Blu-ray-Fassung das wohl bestmöglichste Bild und eine gehörige Portion Nostalgie – vielleicht nicht für die großen Revolutionäre des Genres, die einstmals die Liebe zum Western bei einem zu wecken wussten, aber vielleicht zum Spätprogramm des verregneten Samstagabends und ganzen Themennächten voller „Er war die Kugel nicht wert“ und „Blaue Bohnen für ein Halleluja“.

Autor: Simon Traschinsky

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