Hinterlasse einen Kommentar

Die WSM-Top-Ten des Kinojahres 2014: Platz 4 und Platz 3

Platz 4

Markus S.: Her

Man muss schon ein taffer Typ sein, wenn man es schafft, den brillantesten und emotionalsten Moment des Kinojahres in Form eines simplen Schwarzbildes mit Off-Dialog zu kreieren. Ein berührender und immersiver Geniestreich (allerdings einer von vielen), den Spike Jonze mit „Her“ da in diesem Jahr vollbracht hat. Seine Tragikomödie ist ein sensibles Porträt, ein ehrlicher und wahrhaftiger Film über die kleinen und großen menschlichen Unzulänglichkeiten. Über uns und unsere Unfähigkeit, miteinander zu kommunizieren. Ohne Sarkasmus, ohne Wut, ohne erhobenen Zeigefinger. Ein Film über das, was uns auszeichnet. Einer, der versucht zu verstehen, anstatt zu verurteilen – und das in erlesenen Bildern.

© Paramount

© Paramount

Jakob: #Zeitgeist

Weg von einer genuin tagespolitischen Ebene untersucht Jason Reitman die Auswirkungen der zunehmenden Digitalisierung aller Lebensbereiche anhand der Kommunikation der „Generation Internet“: Jugendliche und damit die Menschen, welche eine Welt ohne die digitale Allgegenwart kaum mehr kennen. Wie dies ihre Interaktion untereinander beeinflusst und welche Konflikte sich mit der altmodischeren Elterngeneration ergeben, wird mal humorvoll, mal nachdenklich mit einer bemerkenswerten Bildsprache unter die Lupe genommen; heraus kommt ein bewegendes und eindringliches Porträt des, ja genau, des Zeitgeistes und ein Plädoyer für Vertrauen, für ein freies Erwachsenwerden, für Liebe und für zwischenmenschliche Beziehungen eines eher „analogen“ Charakters. Alte und trotzdem aktuelle Themen, auf einfallsreiche und charmante Weise neu verpackt.

Michael: A Most Wanted Man

9/11 – und die Welt hält immer noch den Atem an. Mehr als ein Jahrzehnt später sind die Auswirkungen des verheerenden Anschlags nach wie vor spürbar. Der Thriller „A Most Wanted Man“ zeigt das verdeckte und schmutzige Spiel der internationalen Geheimdienste im Kampf um unsere Sicherheit. Philip Seymour Hoffmans Spiel und der Film selbst sind geprägt von stillen Gesten mit umso größerer Tragweite. Der verdeckte Kampf gegen den Terror ist ein Spiel mit der Gefahr, bei dem es keine Gewinner gibt. Das einzige Ziel lautet: „to make the world a safer place.“ Die Schlusseinstellung wird damit zu einem unvergesslichen Höhepunkt in Philip Seymour Hoffmans Schauspielkarriere und in diesem ernüchternden Thriller.

Markus H.: Boyhood

„Boyhood“ ist auf den ersten Blick sicherlich kein Meisterwerk, schon allein wegen der teils unausgegorenen Dramaturgie. Doch einen Film über zwölf Jahre hinweg zu drehen und den Darstellern beim Altern zuschauen zu können, hat einfach großes Lob verdient, denn es gab noch nie einen so authentischen fiktionalen Coming-of-Age-Film.

David: X-Men – Zukunft ist Vergangenheit

Vielleicht war es das X-Men-Franchise, was den Weg für den immensen Erfolg der Superhelden-Filme erst geebnet hat. Und nun stoßen die X-Men ein neues Tor auf, indem sie sich von der üblichen Gangart lösen und radikal ins Mindgame-Movie eintauchen. Dass sie sich dabei hinter den Altmeistern Christopher Nolan, David Fincher und Darren Aronofsky anstellen müssen, tut der Sache keinen Abbruch. Es bleibt ein atemberaubender Film, der ohne stereotypische Figurenzeichnung auskommt und durch seine Kurzweiligkeit besticht.

© Disney

© Disney

Laszlo: The Return of the First Avenger / Captain America: The Winter Soldier

Einen Film über einen 100-jährigen Superhelden zu machen, der in die amerikanische Flagge gekleidet und nur mit einem Schild bewaffnet Nazis verprügelt, klingt sicherlich nach einer verdammt schweren Aufgabe, die man nur mit Selbstironie und Spektakel lösen könnte. Das Ganze dann als spannenden Politthriller zu inszenieren und trotzdem noch tonnenweise Humor und Schauwerte zu liefern, ist nichts anderes als eine Meisterleistung der Russo-Brüder und der Marvel Studios. Wann macht Marvel eigentlich mal einen schlechten Film?

 

Platz 3

© Universal Home Entertainment

© Universal Home Entertainment

Markus S.: Boyhood

„Um was geht’s hier eigentlich?“ Um alles. Um uns. Linklater ist mit „Boyhood“ ein wunderschönes Filmexperiment gelungen. Ein Werk, das uns irgendwie das Gefühl gibt: Wir sind nicht allein. Ein Generationenporträt, eines, das zwar „boy“ im Titel trägt, aber doch auch irgendwie universell übertragbar ist, oder nicht? Weil es sich um die Sorgen und Nöte von Heranwachsenden dreht, um die Frage: Wo ist eigentlich mein Platz? Und spätestens in dem Moment, in welchem der Song „Hero“ von „Family of the Year“ ertönt, entfaltet sich eine solch wundervoll-melancholische und zeitgleich beruhigende Atmosphäre, dass man sich einfach nur verstanden und geborgen fühlt.

Jakob: The Grand Budapest Hotel

Wes Anderson bleibt seinem Stil treu und inszeniert eine Achterbahnfahrt voll mit skurril-grandiosen Einfällen, während er sich einmal quer durch die Stereotypen-Geschichte zitiert. Die Starbesetzung sucht ihresgleichen, eine fulminant-schelmische visuelle Idee jagt die nächste, während der Film virtuos zwischen seinen Erzählebenen hin- und herspringt, die natürlich in verschiedenen Bildformaten gehalten sind, je nach dem erzählten Zeitpunkt. Absurder Humor „at its very best“ mit der aberwitzigsten Ski-Verfolgungsjagd aller Zeiten.

Michael: Philomena

Basierend auf der wahren Geschichte der Philomena Lee zeigt Film die Suche einer Mutter nach ihrem Sohn, der ihr von Nonnen in einem Kloster weggenommen wurde. Hilfe erhält sie von dem Reporter Martin Sixsmith, der ihre Geschichte veröffentlichen will. Die beiden Hauptfiguren – der Zyniker und die einfache Dame – entpuppen sich als wunderbares Buddy-Gespann. Und genau in dieser Spannungslage bewegt sich auch der Film. Obwohl das Anliegen des auch als Produzent auftretenden Hauptdarstellers Steve Coogan deutlich ist, ein äußerst repressives System zu kritisieren, glänzt „Philomena“ durch eine äußerst ausgewogene Darstellung mit leisem Humor und unaufdringlicher Tragik. Der innerlich wütende Film wühlt ohne große Gesten, aber durch großes Schauspiel und eine starke Inszenierung auf und hallt deswegen noch lange nach.

Markus H.: Who Am I

Das Werk, das mir den Glauben an die deutsche Filmindustrie zurückgegeben hat. „Who Am I – Kein System ist sicher“ kann nahezu mit seinen amerikanischen Vorbildern „Fight Club“ und „The Usual Suspects“ mithalten, ohne sie dabei zu kopieren. Kein Film hat mich dieses Jahr so positiv überrascht!

David: The LEGO Movie

Wenn Nostalgie auf Moderne trifft, wird es entweder kitschig oder verdammt genial. In diesem Fall feiert sich Lego nicht nur selbst, sondern nimmt nebenbei noch etliche andere Franchises aufs Korn. Ideenreiche Bilder, Selbstironie und ein smarter dritter Akt helfen einer sonst formelhaften Heldenreise auf die Beine. Die berühmten Plastikfiguren sind dabei nicht nur niedlich und enorm witzig, sondern die rasant erzählte Story berührt außerdem den Zuschauer. Everything is awesome!

Laszlo: X-Men – Zukunft ist Vergangenheit

Sogar mir als eingefleischtem Comic-Film-Fan wird der Hype und die Anzahl der Filme bisweilen zuviel. Aber was soll man denn auch machen, wenn (fast) jeder dieser Filme immer wieder die Qualität der Vorgänger übertrifft und dem Hype gerecht wird? Ganz einfach: Zurück lehnen und Spaß haben! Die aktuelle Mutanteninstallation ist vielleicht der beste Film des besten Comicfranchises aller Zeiten, bietet das ganz große Spektakel, nimmt sich aber bisweilen auch zurück, um die für einen solchen Blockbuster viel zu gute Besetzung wirken zu lassen und ist alles in allem ein fast fehlerloses Popcorn-Meisterwerk.

Leave a Reply