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Die Weibchen (1970) Blu-ray-Kritik

© Bildstörung

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Auch die deutsche Filmgeschichte hat einige Obskuritäten zu bieten, vielleicht nicht ganz so viele wie die französischen Nachbarn („Emmanuelle“ lässt grüßen) und erst recht nicht so viele wie die Italiener (deren filmisches Schattenkabinett vom Giallo über Kannibalenfilme bis hin zum Zombie-Wahnsinn reicht), doch beginnend in den 1960er-Jahren entstand in der Bundesrepublik so einiges an Werken, was sich heutzutage als vergessen oder verdrängt erweist bzw. anderweitig nicht mehr auf dem allgemeinen filmhistorischen Radar kreist. Mehr oder minder parallel zu der Entwicklung des Neuen Deutschen Films, der sich auf stilistisch teils radikale Weise bewusst von „Papas Kino“ à la Heimatfilm abgrenzte, wurden abseits des auch heute noch gern zitierten Zirkels um Regisseure wie Rainer Werner Fassbinder, Alexander Kluge, Werner Herzog, Edgar Reitz und Volker Schlöndorff Filme produziert, deren Spannweite von „reinen“ Genrefilmen durch Auteur-Regisseure wie Roger Fritz („Mädchen: Mit Gewalt“, 1969) oder Roland Klick („Deadlock“, 1970) über Exploitationfilme wie „Hexen bis aufs Blut gequält“ (1970) hin zu einer hohen Welle von Erotik- und Sex-Filmen wie der „Lederhosen“-Reihe oder den Schulmädchen-Reports reichte. Inmitten dieses Konglomerats an filmischen Eigentümlichkeiten erblickte 1970 auch „Die Weibchen“ das Licht der Welt, mit Uschi Glas in der Hauptrolle, noch klar erkennbar vor ihrer Hinwendung zu eher konservativen politischen Standpunkten. Regisseur war der Tschechoslowake Zbyněk Brynych, der insbesondere 1962 mit dem Holocaust-Drama „Transport aus dem Paradies“ ein gewisses Ansehen gewonnen hatte und ab dem Ende der 1960er-Jahre verstärkt für das ZDF arbeitete. 1970 inszenierte er insgesamt drei deutsche Spielfilme: „O Happy Day“, „Engel, die ihre Flügel verbrennen“ und eben „Die Weibchen“, wandte sich dann Mitte der 1970er-Jahre wieder der Tschechoslowakei zu, bevor er ab den ausgehenden 1980er- bis in die 1990er-Jahre hinein erneut für das deutsche Fernsehen tätig war.

„Die Weibchen“ ist ein filmisches Musterbeispiel im Kontext des damals beginnenden Feminismus. Die von Uschi Glas gespielte Eve (definitiv ein sprechender Name) fährt zur Kur in ein Sanatorium nach Bad Marein, ein Ort, in dem sich nahezu ausschließlich Frauen befinden. Wenn einmal Männer auftauchen, so verschwinden sie in der Regel relativ schnell. Der örtliche und dauerbetrunkene Kommissar (Hans Korte) interessiert sich nicht wirklich dafür, dass Eve in diesem Zusammenhang eine Leiche entdeckt, so dass sie auf eigene Faust Ermittlungen anstellt, die sie irgendwann an die Grenzen ihres Verstandes führen. Dies schlägt sich für den Zuschauer in der teils ziemlich psychedelisch gestalteten Stilistik nieder: Fischaugen-Einstellungen (wodurch die Bilder stark verzerrt werden) wechseln mit Weitwinkelobjektiven und häufigen Nah- und Großaufnahmen, welche so die Orientierung erschweren, unterstützt von einer sich ständig in Bewegung befindlichen und gern auch einmal wild rotierenden Kamera; die Lichtsetzung ist oft bewusst künstlich und wirkt an einigen Stellen wie eine Inspiration für „Spring Breakers“; die Figuren durchbrechen mit ihren Blicken häufig die Vierte Wand; die Dialoge sind teils sehr artifiziell und die Story gestaltet sich elliptisch bis hin zu unzusammenhängend. „Die Weibchen“ erzählt somit nicht dramaturgisch kohärent, sondern ähnelt eher einem Trip. Es geht um ein bestimmtes Gefühl, einen Zustand, der vermittelt werden soll, wozu auch die sehr knappe Spieldauer von 78 Minuten beiträgt. Der Film will keine eindeutig rational zu reproduzierende Geschichte darbieten, er will sinnlich affizieren, was ihm auch durchaus gelingt. Was genau in Bad Marein mit den Männern passiert, wird oft nur angedeutet, dann aber doch auf ganz eigene Weise geklärt; es lohnt sich dafür, die Kameraführung ebenso wie Eves Recherchen und den Soundtrack speziell am Ende zu beachten, die das Bild abrunden.

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Ist „Die Weibchen“ ein Exploitationfilm? Roger Corman, der große US-Exploitation-Produzent und -Regisseur sagte einst, solche Filme könnten gar nicht anders, als immer zumindest ein wenig sozialkritisch zu sein, schon allein aufgrund ihres teils subversiven Außenseiter-Produktionshintergrundes. Dass bei „Die Weibchen“ politische Zwischentöne mitschwingen, lässt sich nicht leugnen, der Feminismus dient bei ihm als Folie für eine sehr radikale politische Vision, die jedoch trotz ihrer Nähe zum legendären S.C.U.M.-Manifest von Valerie Solanas durchaus auch als ihr Gegenteil gelesen werden kann. Auf eigenartige Weise steht der Film zwischen allen Stühlen, seine teils experimentell anmutende Erzählweise wie Stilistik stellen ihn nicht in die Nähe von Exploitationfilmen, die trotz oder gerade wegen der kreativen Freiheiten der Macher stets auf eine möglichst hohe ökonomische Verwertbarkeit achten mussten. Dies ist einer der Leitgedanken von Exploitation: Ein bestimmter erfolgreicher (meist filmischer) Trend wird durch ähnlich gelagerte Filme ausgebeutet, um auf diese Weise kommerziell profitieren zu können. Doch mag man bei „Die Weibchen“ einen bestimmten filmischen Trend nicht erkennen, auf den der Film Bezug nimmt, ebenso ist fraglich, ob bei der Produktion der ökonomische Erfolg primär im Vordergrund stand. Dazu ist der Film auch für die beginnenden 1970er-Jahre, wie gesagt, eigentlich zu experimentell. Ein weiterer Leitgedanke von Exploitation ist jedoch die „Ausschlachtung“ expliziter Szenen der Darstellung von Sex oder Gewalt. Hier geht „Die Weibchen“ teils weiter, als man es damals gewohnt gewesen sein dürfte, im Kontext seiner Entstehungszeit könnte das eine oder andere insbesondere für deutsche Verhältnisse eventuell durchaus provokant gewirkt haben, wobei er nie in drastische oder wahnsinnig aufdringliche Gefilde abgleitet. Da der Exploitationfilm aber zu jener Zeit in Europa quasi noch nicht voll entwickelt war, ließe sich „Die Weibchen“ aufgrund immerhin einzelner exploitativer Elemente zumindest hinsichtlich der Dinge, die er zu zeigen und zu thematisieren bereit war, in den weiteren Kontext von dessen Geburtszeit stellen.

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Am Ende ist es gerade diese Unmöglichkeit der Einordnung, welche „Die Weibchen“ so faszinierend macht. Der Film ist psychedelisch, sleazy und durchgeknallt, in einigen Belangen vielleicht sogar radikal. Nicht zuletzt seine knackige Laufzeit sorgt dabei für ein relativ hohes Tempo und ein Aufeinanderfolgen von Schauwert auf Absurdität auf visuelle Spielerei oder deren Kombination. So oder so: Es ist sehr zu begrüßen, dass derart vergessene Teile der (deutschen) Filmgeschichte durch eine würdige Veröffentlichung wie die hiesige von Bildstörung zumindest in Ansätzen ihre Öffentlichkeit finden, auf diese Weise die schon immer vorhandene künstlerisch-gesellschaft-liche Vielfalt aufzeigen und einer einseitigen Kanonisierung von Filmgeschichtsschreibung entgegenwirken.

Autor: Jakob Larisch

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