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Die Tribute von Panem – Catching Fire (2013) Review

Katniss Everdeen (Jennifer Lawrence) und Peeta Mellark (Josh Hutcherson) haben die 74. Hungerspiele im dystopischen Staate Panem überlebt. Und ihr gemeinsamer Sieg stellte in der bisherigen Geschichte der Spiele nicht nur ein Novum dar, weil erstmals zwei Sieger gekürt wurden, sondern auch einen Affront gegen das diktatorische System des Kapitols, welches Präsident Snow (Donald Sutherland) mit eiserner Hand um jeden Preis aufrechterhalten will. Nur durch einen (vermeintlichen?) Bluff war es Katniss und Peeta möglich, die Sympathien auf ihre Seite zu ziehen und die modernen Gladiatorenkämpfe zu überleben: indem sie sich als tragisches Liebespaar ausgegeben hatten und lieber gemeinsam Suizid begehen wollten anstatt sich als letzte verbleibende Teilnehmer gegenseitig umzubringen. Und an diesem Schicksal konnte mittels TV-Übertragung das ganze Land teilhaben. Die Sieger kehren nun in ihren Heimatdistrikt zurück und sehen sich mit dem Zorn der herrschenden Elite konfrontiert: Katniss gilt nämlich mittlerweile als Symbolfigur für die sich anbahnende Revolution und ist daher ein Dorn im Auge des Präsidenten. Kurzum: entweder spielt sie weiterhin die Verliebte und beschwichtigt die aufbegehrenden Massen oder nicht nur ihr, sondern auch allen, die ihr nahe stehen, wird zur Strafe unsägliches Leid widerfahren…

Etwas mehr als anderthalb Jahre sind nunmehr vergangen, seitdem Jennifer Lawrence zum ersten Mal in die Rolle von Katniss Everdeen, dem Mädchen, das in Flammen steht, schlüpfte und die Zuschauer weltweit scharenweise in die Kinos lockte. Mittlerweile ist Lawrence verdiente Oscarpreisträgerin (2013 als beste Hauptdarstellerin in „Silver Linings“ von David O. Russell) und Teenie-Idol. Zudem obliegt ihr weiterhin die Bürde, das „Panem“-Franchise zu tragen, an das nach dem bombastischen Erfolg des ersten Teils (ca. 408 Millionen US-Dollar an den heimischen Kinokassen, ungefähr 283 Millionen aus dem Ausland) nun natürlich sowohl qualitativ als auch finanziell hohe Erwartungen gestellt werden. Regisseur Gary Ross machte auf dem Regiestuhl Platz für Francis Lawrence (seines Zeichens Regisseur von „Constantine“, „I am Legend“ und „Wasser für die Elefanten“) und das Budget von 78 Millionen für Teil 1 wurde beim Nachfolger „Die Tribute von Panem – Catching Fire“ auf stattliche 130 Millionen hochgeschraubt. Das Studio Lionsgate war sich also verdammt sicher, dass es da ein heißes Eisen im Feuer hat und soll mit dieser Annahme natürlich auch recht behalten: Teil 2 steht dem Vorgänger in nichts nach und liefert wieder überaus gute Unterhaltung, einen Hauch von Epik, beeindruckende Bilder, eine mitreißende Geschichte, eine Jennifer Lawrence in Hochform und einen spielfreudigen Woody Harrelson als Mentor Haymitch Abernathy, der unter anderem für die gelungenen Comic-Relief-Momente zuständig ist. Und nach dem phänomenalen Boxoffice-Start im Heimat- und Ausland dürfte mit Teil 2 der Erfolg des Vorgängers wohl sogar noch übertroffen werden.

„Catching Fire“ knüpft, wie eingangs erwähnt, direkt an das Ende von „Die Tribute von Panem – The Hunger Games“ an und denkt die eingeschlagene Plotline konsequent weiter: Katniss wird unfreiwillig zum Symbol des Widerstands gegen das menschenverachtende Regime und muss daher nach der Pfeife des Kapitols tanzen, um sich und ihre Lieben zu beschützen. Was bedeutet, dass sie und Peeta weiterhin das große Liebespaar spielen müssen und dass sie ihre Liebe gegenüber ihrem besten Freund Gale (Liam Hemsworth) nicht wirklich ausdrücken und ausleben darf. Richtig dick kommt es für die junge Frau dann aber erst, als die speziellen Bedingungen für das Jubel-Jubiläum der 75. Hungerspiele angekündigt werden: Alle 25 Jahre werden die Spiele unter besonderen Bedingungen ausgetragen, was beim diesjährigen sogenannten Quarter Quell dazu führt, dass die Teilnehmer der 24 Distrikte diesmal aus dem Pott der Gewinner ausgelost werden. Da Distrikt 12 bisher mit Haymitch, Katniss und Peeta erst drei Gewinner stellen konnte und jeder Distrikt sowohl einen weiblichen als auch einen männlichen Tribut schicken muss, ist für Katniss sofort klar, dass sie wieder in die Arena steigen wird und das, obwohl die junge Frau immer noch traumatisiert ist von den schrecklichen Erfahrungen bei ihrer letztjährigen Teilnahme. Nach circa der Hälfte des Films sehen sich Katniss und Peeta, der sich natürlich freiwillig meldete, um seine Angebetete zu beschützen, erneut mit 22 anderen Tributen im Kampf auf Leben und Tod konfrontiert. Doch diesmal sind sie nicht allein: wie der Titel des Films schon andeutet, hat der Widerstand nun symbolisch Feuer gefangen und wie wir spätestens seit „V wie Vendetta“ wissen sind Ideen ja bekanntlich kugelsicher. „Vergiss nicht, wer der wahre Feind ist!“ – der Ratschlag von Haymitch soll sich im Lauf der zweiten Filmhälfte als besonders relevantes Mantra herausstellen, welches über Sieg und Niederlage entscheiden wird: Der Kampf gegen das Unterdrücker-System von Panem hat begonnen.

Dass Regisseur Francis Lawrence ein Fachmann für imposante Bilder ist, hat er vor allem mit „Constantine“ und „I am Legend“ bereits eindrucksvoll unter Beweis gestellt. So gelingen ihm auch in seiner neuesten Arbeit wieder einige besonders imposante Bilder, die vor allem vom nunmehr höheren Budget enorm profitieren: Die digitalen Effekte fügen sich viel homogener als noch im ersten Teil ins Geschehen ein und sogar das CGI-Feuer kann sich diesmal absolut sehen lassen. Mehrmals gelingt es ihm, sowohl immens spannende als auch emotional packende Bilder auf die Leinwand zu zaubern und der Story dadurch eine geradezu epische Dimension zu verleihen. Die Dankesrede von Katniss und Peeta in Distrikt 11, die Auspeitschung von Gale, die Auswahl der Tribute im Heimat-Distrikt der beiden Helden und die Präsentation der Teilnehmer in der Hauptstadt sind diesbezüglich als Highlights zu werten. Im Gegensatz zu Regie-Vorgänger Gary Ross zeichnet sich Lawrences Film durch einen langsameren Schnittrhythmus und eine ruhigere Kameraführung aus, was der Epik natürlich zu Gute kommt, aber die Unmittelbarkeit und Dynamik des ersten Teils manchmal etwas vermissen lässt. Nichtsdestoweniger geht dieses Konzept vollkommen auf und macht es dem Zuschauer natürlich auch einfacher, dem Geschehen zu folgen, da eine konventionellere Art der Inszenierung gewählt worden ist. Das Drehbuch der beiden Oscarpreisträger Simon Beaufoy (für „Slumdog Millionär“) und Michael Arndt (für „Little Miss Sunshine“) darf insgesamt als sehr solide Adaption gewertet werden und viele der emotionalen Momente (vor allem die, welche die Reaktionen der Massen in den Distrikten beinhalten), sowie die Szenen, in denen Katniss mit ihren traumatischen Erfahrungen während der 74. Hungerspiele konfrontiert wird, dürfen als besonders gelungen bezeichnet werden.

Einige kleine Kritikpunkte muss sich das neue Abenteuer von Katniss Everdeen allerdings gefallen lassen. Zum Einen natürlich die Tatsache, dass „Catching Fire“ das Grundgerüst des ersten Teils in der zweiten Filmhälfte wieder aufgreift und die beiden Helden erneut in die Arena schickt. Das ist zwar legitim und funktioniert auch dank komplett neuer Bedingungen, Herausforderungen und starkem Finale richtig gut, doch diese Vorgehensweise muss sich den Vorwurf gefallen lassen, dass hier natürlich der zentrale Plotpoint des Vorgängers an und für sich nur – wenn auch überaus gelungen – recycelt wird. Zum Anderen die teilweise arg ungute Erinnerungen an „Pearl Harbor“ weckende Dreiecksgeschichte Katniss-Peeta-Gale, die natürlich der ursprünglichen Zielgruppe geschuldet ist, die wohl primär weibliche Jugendliche zwischen 13 und 16 Jahren beinhalten dürfte. Allerdings hat Romanautorin Suzanne Collins auch einfach ein unbestreitbares Talent für das Erzählen ungemein unterhaltsamer Geschichten, die ihre Romantrilogie auch über die eigentliche Zielgruppe hinaus für ein breiteres Publikum zugänglich macht, was an der erfolgreichen Übersetzung ins Medium Film und an den Rekordumsatzzahlen der literarischen Vorlage deutlich festzumachen ist. Das zugrundeliegende Thema der Roman-/Film-Reihe – die Frage danach, was denn nun wahr und was lediglich gespielt ist – zieht sich auch durch „Catching Fire“ und hält noch so manche Überraschung und unerwartete Erkenntnis für die Zuschauer parat.

Die Neuzugänge Philip Seymour Hoffmann, Jeffrey Wright, Sam Claflin und Jena Malone verstärken den überaus spielfreudigen Cast aus dem ersten Teil, bei dem vor allem Hauptdarstellerin Lawrence, Woody Harrelson und Stanley Tucci als TV-Moderator Caesar Flickerman wieder besonders überzeugen. Doch auch alle anderen Darsteller wie Liam Hemsworth, Elizabeth Banks, Donald Sutherland und Josh Hutcherson liefern gute Performances ab. Nur Lenny Kravitz als Cinna hat gelegentlich etwas mit seiner nur bedingt gelungenen deutschen Synchro zu kämpfen, was aber eigentlich nicht weiter ins Gewicht fällt. James Newton-Howards musikalische Untermalung überzeugt erneut und auch die dem Gladiatoren-Konzept immanente Brutalität wird in den Grenzen des PG-13- bzw. FSK 12-Ratings überzeugend visualisiert, ohne den Eindruck eines zu sehr weichgespülten Hollywoodfilms zu erwecken. Im Gesamtkonzept fällt weiterhin positiv auf, dass auch Kostüme und Maske stimmiger integriert worden sind: Alles wirkt etwas weniger trashig, aber zum Glück nicht weniger absonderlich als im Vorgänger. Ein letzter Punkt, der bei den kommenden zwei „Panem“-Filmen (ja, der Abschlussroman wird natürlich in zwei Filme aufgeteilt) durchaus noch Verbesserungspotenzial birgt, ist die Schauspielführung. In etlichen Szenen beweist Miss Lawrence ihre ganze Klasse (Stichwort Aufzug), doch ein ums andere Mal schrammt sie in den hochemotionalen Szenen ihres Charakters nur haarscharf an der Lächerlichkeit vorbei. Gerade wenn Katniss ihren Gefühlen hemmungslos und tränenreich freien Lauf lässt oder auch bei der Szene, die direkt im Anschluss zur Bedrohung durch den Giftnebel stattfindet, wirken ihre vor Trauer, Schmerz und Angst verzerrten Gesichtszüge latent übertrieben und unglaubwürdig. Möglicherweise ist aber auch diese Tatsache der deutschen Sprachfassung zur Last zu legen, denn dass Lawrence emotionale Szenen mit Bravour meistern kann, hat sie bei ihrer mit dem Oscar prämierten Performance als psychisch labile Tiffany in „Silver Linings“ mehr als eindrucksvoll unter Beweis gestellt. (Auch hierzu noch ein kleiner Tipp am Rande: David O. Russells Meisterwerk unbedingt in der englischen Originalfassung genießen.)

Alles in allem bietet der zweite Teil der „Tribute von Panem“-Reihe aber fast rundum zufriedenstellendes Blockbusterkino: „Catching Fire“ sieht ziemlich schick und stylisch aus, ist enorm unterhaltsam, höchst emotional und durch die Bank solide bis grandios gespielt. Der insgesamt individuellere und prinzipiell interessantere visuelle Ansatz von Gary Ross ist einer traditionelleren Inszenierungsweise gewichen, die primär die emotionale Seite der Vorlage hervorhebt und die epische Dimension dieser betont. Doch auch dieses Konzept geht voll und ganz auf, auch wenn man eine eigene Handschrift des Regisseurs und gelungene Regieeinfälle wie im Vorgängerfilm (Stichwort Beginn und Ende der Hungerspiele) zumeist vergeblich sucht. Dennoch ist Francis Lawrences Film eines der Mainstream-Entertainment-Highlights des Kinojahres 2013. Nicht mehr, aber auch nicht weniger.

Autor : Markus Schu

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