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Die Nonne (1966) Blu-ray-Kritik

© STUDIOCANAL

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1966, also vier Jahre nach Jean-Luc Godards „Vivre sa vie“ (deutscher Titel: „Die Geschichte der Nana S.“) spielt Anna Karina erneut eine Hauptrolle im Film eines Nouvelle-Vague-Altmeisters. Jacques Rivette und sein Film „Die Nonne“ („La religieuse“) haben jedoch nie die gleiche Aufmerksamkeit erhalten wie die Werke von Godard oder Francois Truffaut, den etwas bekannteren Vertretern der Bewegung. Nun veröffentlicht STUDIOCANAL eine Blu-ray mit neuer Restauration von Rivettes zweitem Spielfilm und lädt damit zum Wiederentdecken ein.

Der Film beginnt mit einer etwas sperrigen inhaltlichen Erklärung: Rivette verfilmt Denis Diderots gleichnamigen Roman frei, dieser beruht sich wiederum auf historischen Gegebenheiten. Interessanter als die anfängliche Lehrstunde ist der wirkliche Einstieg in den Film, der den Zuschauer direkt in eine Zeremonie wirft: Suzanne (Anna Karina) soll ihr Gelöbnis ablegen und ins Kloster gehen. Anfangs weigert sie sich noch und lehnt sich gegen Familie und Kirche auf, schließlich unterwirft sie sich der Mutter und tritt doch einem Orden bei. Ihr weiteres Schicksal ist eine Abfolge von Demütigungen und Versuchen des Widerstands. Wohl auch durch die Thematisierung von Sexualität im Kontext der Kirche wurde der Film sofort nach Erscheinen verboten und wurde erst 1967 wieder gezeigt.

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Ein bei Rivette häufig erwähnter Punkt sind die Laufzeiten seiner Filme. Sein Opus Magnum „Out 1“ dauert fast 13 Stunden und auch seine restlichen Werke bieten Längen von zwei bis fünf Stunden. „Die Nonne“ ist mit 140 Minuten also ein vergleichsweiser kurzer Anlauf, Rivettes produktive Nutzung der Laufzeit wird trotzdem deutlich. Während andere Regisseure Zeit teilweise extrem strecken, gibt es in „Die Nonne“ schlicht sehr viele Szenen und Ereignisse. Der Film erinnert somit in seiner Struktur an einen Roman, der sich nicht mit der simplen drei-Akte-und-zwei-Stunden Struktur des üblichen Kinos begnügt. Dadurch schafft es Rivette, eine ganze Welt voller Zwänge, Nöte und Unterwerfungen zu schaffen, ein ständiges Ränkeschmieden, bei dem Suzanna stets als Verliererin dasteht.

Stets interessant ist der Bildaufbau: Figuren werden wie in Gemälden gestaffelt, die Kamera wandert um die Akteure, der Aufbau ändert sich, die Figuren arrangieren sich erneut. Somit entsteht eine große Dynamik, die das Interesse am Geschehen aufrechterhält. Beeindruckend ist ebenfalls Rivettes Gefühl für Farbe, das allerdings erst in den späteren Teilen des Films wirklich zur Geltung kommt. Während in den anfänglichen Innenszenen das triste grau/schwarz der Klöster und Nonnenuniformen dominiert, kann man dann in den wunderbaren Kostümen und Gärten schwelgen.

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Es ist aber nicht zuletzt Anna Karinas beeindruckende Darstellung, die den Zuschauer einnimmt, die Darstellung einer Frau, die auf der Suche nach Halt nur Zurückweisung und Kälte erfährt, bis sie schließlich selbst verzweifelt; ihr anfängliches Temperament und die ungerechtfertigte Grausamkeit, die sie zu einer Hülle ihrer selbst werden lässt. All dieser Schmerz ist in ihrem stark physischen Schauspiel ablesbar. Rivettes Film besitzt Momente großer Schönheit, aber er zeigt vor allem ein System der Gewalt und Ausweglosigkeit.

Autor: Martin Klein

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