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Die Eiskönigin – Völlig unverfroren (2013) Review

Es war einmal im beschaulichen (und skandinavisch angehauchten) Königreich Arendelle: Elsa (Dialog: Dina Kürten; Gesang: Willemijn Verkaik) und Anna (Dialog: Yvonne Greitzke; Gesang: Pia Allgaier), die beiden Töchter des Königspaares, waren als Kinder unzertrennlich, was sich jedoch schlagartig ändern sollte, nachdem Elsa beim gemeinsamen Herumalbern ihre kleine Schwester versehentlich in größte Gefahr gebracht hatte. Die junge Prinzessin besitzt nämlich die Gabe, Eis und Schnee herbei zu zaubern und traf versehentlich während der kindlich-unbedachten Ausübung ihrer Magie ihre kleine Schwester mit eben jener. Daraufhin wäre diese fast zu Eis erstarrt und gestorben, hätten der König und die Königin ihre jüngste Tochter nicht sofort zu den gutmütigen und ebenfalls magisch begabten Waldtrollen gebracht, die den Fluch von ihr nehmen konnten. Fortan geht Elsa ihrer Schwester zusehends aus dem Weg, um diese nie wieder zu gefährden und bemüht sich, ihre Fähigkeiten im Zaum und geheim zu halten. Doch bei der Krönung Elsas zur Königin von Arendelle soll es geschehen, dass durch einen unbedachten Fauxpas seitens Annas all die unterdrückten Gefühle und Fähigkeiten von Elsa zum Vorschein kommen, woraufhin sie versehentlich das ganze Land in tiefsten Winter taucht und aus Angst vor den Bewohnern, die sie fortan als Hexe bezeichnen und als absonderliche Bedrohung wahrnehmen, in die Berge flieht. Nun liegt es an Anna, ihre Schwester zu finden, zur Rückkehr ins Königreich und zum Aufheben des Banns zu bewegen. Nur gut, dass sie dabei auf die Unterstützung von Eisarbeiter Kristoff (Leonhard Mahlich), seinem Rentier Sven und dem von Elsa zum Leben erweckten Schneemann Olaf (als symbolisches Mahnmal ihrer gemeinsamen unbeschwerten Kindheit und der Schwierigkeit, Auseinanderstrebendes zu einen) zählen kann. Möge das neuste Disney-Abenteuer beginnen.

„Die Eiskönigin – Völlig unverfroren“ (was soll eigentlich der unnötige deutsche Wortspiel-Zusatz?) von Chris Buck und Jennifer Lee ist der neueste selbst produzierte CGI-Animationsfilm aus dem Hause Disney und steht ganz in der Tradition der großen Zeichentrick-Klassiker des Studios, was dieser insbesondere durch seinen enormen Charme und den umfangreichen Einsatz von Musical-Einlagen untermauert. Auch die Tatsache, dass der Film lose auf Hans-Christian Andersens Märchen „Die Schneekönigin“ basiert, ist als Rückbesinnung auf die Ursprünge der Disney-Studios zu werten. Dem Zuschauer wird Animation auf technisch höchstem Niveau präsentiert, die auch vom Design her teilweise absolut fantastisch aussieht. Der Plot gestaltet sich erwartungsgemäß natürlich eher simpel, was allein an seinen Grundzügen bereits festzustellen ist: Im Prolog wird die Grundlage für den Konflikt gelegt, welcher im Klimax durch die Kraft der Liebe gelöst wird, sodass die Bösewichter der Geschichte im Epilog natürlich ihre gerechte – aber kinderfilmbedingt milde – Strafe erhalten. Allerdings muss man der Erzählung durchaus zu Gute halten, dass sie weit weniger klischeebeladen ist, als man es prinzipiell von Disney gewöhnt ist: Heldin Anna darf als relativ emanzipierte Figur betrachtet werden, die ihren Liebsten gen Ende nicht aus dramaturgischen Gründen, sondern story-irrelevant küsst und dem Bösewicht am Schluss sogar selber eine reinhauen darf. Ihr an Rotkäppchen angelehnter Kampf mit einer Meute angriffslustiger Wölfe tut dabei sein Übriges.

Schwerer wiegt hingegen die Tatsache, dass sowohl der Bösewicht als auch der zentrale Grundkonflikt nicht genügend ausgearbeitet und mit dem nötigen Background ausgestattet worden sind. Gerade beim Konflikt fragt man sich, worin denn die konkrete Schwierigkeit bei seiner Beilegung eigentlich besteht. Kaschiert oder viel eher wett gemacht wird dieser Umstand aber über ausdrucksstrake Bilder, die die zunehmende Verbitterung, Vereinsamung und Angst von Elsa auf eindrucksvolle Art und Weise visualisieren. Die zumeist großartigen Musical-Einlagen und die tollen Nebencharaktere sorgen im Gesamtkonzept für die notwendige Verve, die dem Werk auch wundervoll zu Gesicht steht. Gerade Schneemann Olaf (Hape Kerkeling mit starker Synchronleistung), Rentier Sven, der Herzog von Pitzbühl und ein Krämer mit schweizerischem Dialekt sorgen humortechnisch immer wieder für Highlights. Die facettenreiche Komik glänzt mit einer prima funktionierenden Balance aus knuffigem Slapstick, lustigen Dialogen, Anspielungen auf Filmklischees und komplett unerwarteten und zum Teil anarchisch angehauchten Gags, die von einigen (lediglich soliden) Standard-Witzen nicht sonderlich getrübt wird. Insgesamt gestaltet sich der Humor zwar tendenziell wenig subtil, jedoch tut dies dem Spaß am Leinwandgeschehen keinerlei Abbruch.

Im Finale gipfelt der Film dann in einem mitreißenden und berührenden Showdown, der zwar wiederum Fehler in seiner dramaturgischen Konzeption offenbart, weil die Lösung des Konflikts einfach nicht griffig genug ist, dieses Manko aber durch seine emotionale Wucht wieder ausgleichen kann, wodurch das etwas simpel geratene Dénouement nicht allzu negativ ins Gewicht fällt. Disney präsentiert uns also alles in allem einen visuell und emotional mitreißenden, enorm humorvollen Film für die ganze Familie, der zwar Schwächen in der Dramaturgie offenbart, was auch daran ersichtlich wird, dass einige allzu standardisierte Situationen und Figuren wie z.B. der Eiswächter einfach nicht so gut mit dem Rest des Films in Einklang stehen, dies aber mit viel Charme und einer liebenswerten Heldentruppe voll und ganz auszugleichen versteht. Die erwähnten Fehler müssen allerdings ganz klar als verpasste Chancen im Story-Gerüst gewertet werden und hinterlassen einen leicht faden Beigeschmack: Viele Konflikte werden nur relativ lax behandelt und nicht genügend herausgearbeitet, zu Gunsten einer straffen Erzählung werden diese daher oftmals nicht näher beleuchtet oder weiter fortgeführt. Gerade beim Schurken hat man daher die Möglichkeit verpasst, seinem Charakter so etwas wie Seele und mehr Tiefe zu verleihen. Im Ausgleich dazu wird aber endlich mal wieder die 3D-Technik teilweise richtig gut eingesetzt, was insbesondere bei den Eis- und Schnee-Animationen zum Tragen kommt.

„Die Eiskönigin“ atmet unverkennbar den Geist großer Disneyklassiker und hinterlässt einen absolut positiven Gesamteindruck. Die hauseigenen Animationsfilme des Studios befinden sich wieder auf einem guten Weg, was am aktuellen Beispiel ersichtlich wird, das traditionelle Disney-Grundzutaten modern aufbereitet und dem Publikum so ein Lächeln ins Gesicht zaubert. Dass die Helden der Geschichte glücklich bis ans Ende ihrer Tage weiterleben, war ja von Beginn an zu erwarten. Doch gerade diese märchenhafte Ausrichtung der Geschichte entlässt den Zuschauer mit einem zufriedenen Gefühl aus dem Kino: Bei aller klirrenden Kälte auf der Leinwand wird es dem Betrachter nämlich von Minute zu Minute wärmer ums Herz, was auch der majestätisch-mythischen Musik zu verdanken ist, die die Handlung einleitet und abschließt und somit quasi als musikalische Klammer fungiert. Was dann am Ende übrig bleibt, ist ein im besten Sinne klassischer Disneyfilm, eine der positivsten Überraschungen des Kinojahres und zudem ein klarer Oscar-Mitfavorit. Hätten sich die Macher nur etwas mehr getraut und von einigen konventionellen Story-Pfaden gelöst, dann hätte uns ein neuer wahrhaft großer Animationsfilm ins Haus gestanden. So bleibt es bei einem starken Film, dem aber der letzte Funke Eigenwille und Komplexität fehlt, um ihn als modernen Klassiker adeln zu können. (Tipp: Am Ende noch sitzen bleiben, es folgt eine Post-Credit-Szene!)

Anmerkung:

Traditionell gibt es vorm eigentlichen Hauptfilm noch einen animierten Kurzfilm zu sehen, der auch dieses Mal wieder auf ganzer Linie überzeugt. Im Mittelpunkt von „Get a Horse!“ steht die slapstickhafte Auseinandersetzung von Micky Maus und seinen Freunden mit dem mürrischen Kater Karlo. Das Besondere daran ist, dass handgezeichnete, zweidimensionale schwarz-weiß Animationen mit farbenfrohen computergenerierten Bildern kontrastiert und kombiniert werden, wobei auch die 3D-Technik narrativ zum Einsatz kommt. Das ungemein unterhaltsame Werk lässt sich durchaus als selbstreferentielle Verbeugung vor der Magie des Kinos, den eigenen Traditionen und der Historie des Maus-Studios, versehen mit einem selbstbewussten Blick in die (technische) Zukunft deuten. Ein gewitztes, kleines Meisterwerk.

Autor: Markus Schu

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