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Die 22 (bislang) denkwürdigsten Momente des Kinojahres 2013 (1/2)

Achtung Spoilergefahr!

1. Silver Linings

Pat (Bradley Cooper) und Tiffany (Jennifer Lawrence) gehören zusammen. Das ist dem Zuschauer auch eigentlich relativ schnell klar. Doch wie es die Regeln des Genres eben wollen, dauert es bis zum Schluss, bis es die beiden Protagonisten endlich selbst begreifen und es sich auch eingestehen. Und wenn es dann soweit ist und die nichts ahnende und eigentlich zutiefst enttäuschte Tiffany beginnt, den Brief von Pat laut vorzulesen und erkennt, dass er an sie gerichtet ist und nicht an Pats Exfrau, dann ist das einer der schönsten Momente des Kinojahres. Und einer der skurril-romantischsten, weil Pat ihn selber zu Ende vorträgt.

You wrote that a week ago?”

Yes, I did.”

You let me lie to you for a week?”

I was trying to be romantic.”

You love me?”

Yeah. I do.”

“Okay.”

Berührend und unverkrampft. Und dank der großartigen und dynamischen Kameraführung geradezu märchenhaft schön.

2. Django Unchained

Ganz ehrlich? Ich fand “Inglourious Basterds” eigentlich viel stärker, aber nichtsdestoweniger ist Quentin Tarantino auch mit seinem neusten Werk ein mega-unterhaltsamer Film geglückt, trotz einiger Längen. Für Zitierwütige ist der neue Tarantino ohnehin mal wieder die reinste Goldgrube. Jetzt schon legendär ist der bereits aus dem Trailer bekannte Gastauftritt von Franco Nero, doch Jonah Hill läuft ihm mit seinem Cameo definitiv den Rang ab. Was soll man auch tun, wenn beim Ku-Klux-Klan keiner fähig ist, richtige Kapuzen zu machen? “Anybody bring any extra bags?” Hier gewinnt der Begriff Demaskierung eine ganz neue Dimension. “I’m just asking!” Eine grandiose Parodie.

Doch nicht minder brillant ist die Szene als Calvin Candie (Leonardo DiCaprio) Dr. King Schultz (Christoph Waltz) dazu auffordert, ihm doch bitte die Hand zu schütteln.

You really want me to shake your hand?”

I insist.”

Well, if you insist.”

Als wäre dieser Dialog nicht schon lustig genug, muss Schultz im Anschluss den Sklavenbesitzer natürlich auch noch erschießen und schelmisch hinzufügen: “I’m sorry. I couldn’t resist.” Um es mit den Worten von Courtney Cox in „Scream 4“ zu sagen: „How meta can you get?“

3. Der Geschmack von Rost und Knochen

Nein, es ist nicht der Unfall von Stéphanie (Marion Cotillard). Es geht noch nicht mal um sie in der emotionalsten Szene des Filmes. Ali (Matthias Schoenaerts) ist mit seinem Sohn Sam (Armand Verdure) auf einem zugefrorenen See unterwegs. Dass das nicht gutgehen kann, weiß der Zuschauer sofort. Es ist nur ein Moment der Unachtsamkeit, der die Idylle brutal zerstört: Das Eis unter dem Kind bricht ein. Der Junge droht zu ertrinken. Alles scheint verloren. Doch der Vater gibt nicht auf. Beugt sich nicht dem Schicksal. Mit bloßen Händen, mit roher Gewalt zerschlägt er die Eisdecke und zieht seinen Sohn aus dem Wasser. Auch wenn die Szene prinzipiell aus dem Handbuch für Melodramatik stammt, ist sie fesselnd wie kaum eine zweite in diesem Kinojahr. Die Kamera hält alles erbarmungslos fest. Fast zwei Minuten pure Gänsehaut beim Zuschauer, zwei Minuten „Atem anhalten“ und hoffen. Wie heißt es doch so schön in „Batman Begins“: „Stärke ist nichts, Wille ist alles.“ Und die Liebe zu seinem Sohn lässt Ali ein Wunder vollbringen. So viel Kraft. So viel Energie. So viel Gewalt. Zum ersten Mal angewendet, um zu schützen, zu retten, zu lieben. Nicht um zu zerstören, denn das ist hierbei nur Mittel zum Zweck. Die Gewalt ist hier nur Nebensache. Hier geht es um Schuld und unbändigen Willen. Makellos und kraftvoll inszeniert von Jacques Audiard.

4. Zero Dark Thirty

Gleich zwei Momente aus Kathryn Bigelows Kriegs-Thriller haben es in diese Liste geschafft.

Zum einen wäre das der wohl coolste Moment des Kinojahres: Dem von James Gandolfini verkörperten CIA-Direktor soll ein Modell vom vermeintlichen Wohnsitz Osama Bin Ladens gezeigt werden, um dann darüber zu entscheiden, wie spionagetechnisch mit dieser Information weiterhin zu verfahren sei. Maya (Jessica Chastain), die Agentin, die den Sitz ausfindig machen konnte, sitzt still außerhalb der Gesprächsrunde. Als sie sich einmischt, wird sie gefragt, wer sie denn eigentlich sei. „I’m the motherfucker who found it“, gibt sie lässig zur Antwort. Cool as fuck. In your face, gentlemen!

Der zweite Moment gerät hingegen sehr emotional. Nachdem Maya ihren Job erfolgreich beendet hat, steigt sie in ein riesiges Flugzeug. Als einzige Passagierin. Der Pilot fragt, wo sie denn hinmöchte. Sie weiß es nicht. Tränen verlassen ihre Augen. Sie weiß es nicht. Denn es gab etliche Jahre nichts anderes für sie. Was bleibt, ist Leere. Jahrelange Aufopferung. Dann der unerwartete Erfolg, der Durchbruch, der Jackpot. Jetzt, da es geschafft ist, weiß sie nicht wohin. Fühlt sie sich so leer, weil sie nun kein Ziel mehr hat? Oder weil sie begreift, was die akribische Suche aus ihr und allen anderen gemacht hat? Genau deshalb ist Bigelows Film so wichtig.

5. Immer Ärger mit 40

Pete (Paul Rudd) und Debbie (Leslie Mann) haben Eheprobleme. Er will nicht erwachsen werden und sie nicht älter. Zu allem Überfluss wird Debbie dann auch noch schwanger. Judd Apatow ist eine wundervolle Tragikomödie gelungen, die in ihrem stärksten Moment die Ehe und eigentlich die Liebe an sich auf ihre Quintessenz herunter bricht. „Will you marry me?” wird zu „Will you carry me?” Hier mit dem Zusatz “You’ve been carrying me all this time.” Ganz leise und nicht mit dem Holzhammer kommt diese kleine, aber feine Szene daher und stiehlt all den „Titanics“, „Dirty Dancings“ und Nicholas-Sparks-Verfilmungen dieser Welt die Show. Und der Humor kommt dabei auch nicht zu kurz:

“Goddamn it, why am I crying like this? Something is wrong with me.”

“You’re pregnant.”

“Oh. Yeah.”

Eine Rom-Com, wie sie sein sollte.

6. Spring Breakers

Man kann von Harmony Korine halten was man will. Von „Spring Breakers“ auch. Ist das jetzt alles prätentiös oder brillant? Ist das jetzt „voll in die Fresse“ oder doch irgendwie subtil? Keine Ahnung, was das alles jetzt konkret ist, bei mir hat der Film zwar einen positiven, aber trotzdem insgesamt etwas zwiespältigen Eindruck hinterlassen. In der besten Szene des Films wünschen sich Brit (Ashley Benson), Cotty (Rachel Korine) und Candy (Vanessa Hudgens) von Alien (James Franco), dass er etwas auf dem Klavier spielt, das „fucking inspiring“ ist. Die Wahl fällt auf „Everytime“ von Britney Spears. Selten wurde ein Song so brillant kontrapunktisch eingesetzt und ein Musikvideo so durch den Kakao gezogen. Eine groteske Satire über Drogen, Bitches und Pimps. Waffen, Neonfarben und die Generation YOLO. Hier kriegt jeder sein Fett weg. I see what you did there, Harmony. Aber ganz sicher bin ich mir da auch nicht.

7. Iron Man 3

Muss man darüber noch viele Worte verlieren? Wahrscheinlich weiß ohnehin jeder, auf welche Szene ich hinaus möchte und ja, diesmal ist es tatsächlich sehr offensichtlich. Die Enthüllung des wahren Ichs des Mandarins (Ben Kingsley) ist eine der lustigsten Szenen des Jahres und gehört mit absoluter Sicherheit in die Kategorie WTF?! „I wouldn’t go in there for 20 minutes!“ Hilarious.

8. Der große Gatsby

So viele talentierte Menschen vor und hinter der Kamera und dann doch nur ein mittelmäßiges Endprodukt. „Gatsby“ bietet allerdings auch einige herausragende Einzelmomente, die hauptsächlich der Brillanz von Leonardo DiCaprio zu verdanken sind. Auch in der denkwürdigsten Szene des Films ist er – neben der wundervollen Carey Mulligan – auf der Leinwand zu bestaunen. Und zwar wie er als Titelheld im Begriff ist, seine große Liebe Daisy vor einem schrecklichen Autounfall zu bewahren, indem er ihr ins Lenkrad greift, bevor sie eine Frau – die zudem die Geliebte ihres Mannes ist – überfährt. Doch zu spät: In Zeitlupe enthüllt Baz Luhrmann in dieser Szene, dass nicht Gatsby selbst – wie zuvor angenommen –, sondern Daisy die Unfallfahrerin gewesen ist. Glassplitter, Blut, vor Entsetzen geweitete Augen, die über das Auto hinweg fliegende Myrtle (Isla Fisher) und dazu der alles überragende Musikeinsatz, der die Szene kongenial untermalt und kommentiert. Liebe macht blind. Gatsby wird das noch spüren und es wird ihn teuer zu stehen kommen. In diesem tragischen Moment zeigt Luhrmann, dass er es meisterlich versteht, Dramatik und Tragik auf Zelluloid zu bannen.

9. Fast and Furious 6

Ja, wo soll ich anfangen beim sechsten Teil der Rasersaga? Ein krasser Twist, ein traurig-emotionaler Moment und eine überraschende Mid-Credit-Szene. Aber nein, keine dieser Szenen soll hier explizite Erwähnung finden, sondern der womöglich zugleich blödeste als auch epischste (CGI-)Stunt des Jahres. Letty (Michelle Rodriguez) springt von einem Panzer, der im Begriff ist, eine Brücke herunterzustürzen. Dom (Vin Diesel) reagiert und crasht mit seinem Auto in die Leitplanke, um im Flug Letty davor zu bewahren, ebenfalls in den Tod zu stürzen. Beide landen dann auf der Windschutzscheibe/Motorhaube eines Autos. Ist das jetzt bekloppt oder brillant? Fest steht: So viel Blödsinn hab ich selten so gefeiert. Epischer Scheiß.

„Woher wusstest du, dass da ein Wagen sein würde, der unseren Sturz bremst?“

„Ich wusste es nicht.“

LIKE A BOSS.

Autor: Markus Schu

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