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Der Tod kennt keine Wiederkehr (The Long Goodbye, 1973) Blu-ray-Kritik

© Koch Films

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Philip Marlowe (Elliott Gould), Privatdetektiv, wird mitten in der Nacht von seiner Katze geweckt. Die Katze ist hungrig und sie isst nur eine bestimmte Marke Katzenfutter. Diese Marke hat Marlowe nicht mehr im Haus und er bricht prompt zum Supermarkt um die Ecke auf, um ein paar Dosen zu kaufen, obwohl es mitten in der Nacht ist, denn die Katze miaut vehement, sie besteht darauf. Als er wiederkommt, ist sie verschwunden.

Marlowe hat nur zwei Freunde: Seine Katze, die er gut kennt und Terry Lennox (Jim Bouton), bei dem er sich zunehmend unsicher ist. Lennox besucht ihn in derselben Nacht und bittet, nach Mexiko gefahren zu werden, Marlowe geht zähneknirschend auf die Bitte ein. Seine beiden Freunde verlangen in dieser Nacht viel von ihm. Er ahnt es noch nicht, aber auch beide werden in dieser Nacht verschwinden. Am nächsten Tag steht die Polizei vor der Tür – Lennox‘ Frau wurde tot aufgefunden. Marlowe wird aufs Revier geschleift und verhört. Er beteuert, dass Lennox unschuldig ist, er kann es einfach nicht glauben, dass sein bester Freund ein Mörder sein soll. Einige Tage später ein weiterer unerwarteter Besuch: Lennox hat Gangsterboss Marty Augustine (David Arkin) Geld gestohlen und Augustine will von Marlowe wissen, wo es ist. Marlowe kommt glimpflich davon und findet sich bald verstrickt in die Angelegenheiten einer blonden femme fatale, Eileen Wade (Nina van Pallandt) und ihrem Ehemann Robert Wade, einem gescheiterten, trunkenen Schriftsteller (beeindruckend gespielt von Sterling Hayden).

„Der Tod kennt keine Wiederkehr“ bzw. „The Long Goodbye“ (so der englische Originaltitel), zeigt uns die moralisch korrupte Gesellschaft Hollywoods mit ihren dunklen Geheimnissen, die niemanden zu interessieren scheinen und einer aufrichtigen, ja vielleicht notwendigerweise tief zynischen Person bedürfen, die in ihnen herumstochert um sie ans Licht zu bringen. Und so taumelt diese Person, Philip Marlowe, durch das nächtliche Los Angeles auf der Suche nach der Wahrheit…

Der Antworten auf Fragen suchende, durch die Stadt ziehende Private Investigator ist eine genretypische Figur des hard-boiled-Detektivromans der 1920er- und des Film Noir der 1930er- bis 1950er-Jahre. Allen voran Raymond Chandlers Philip-Marlowe-Reihe, zu der auch die Romanvorlage von „The Long Goodbye“ zählt, hat dem Private Eye zum Status als Noir-Grundausstattung verholfen. Obwohl New Hollywood und Blockbuster-Genrekino die vom klassischen Hollywood-Erzählkino etablierten Motive und Dramaturgien hinterfragt, parodiert und aktualisiert haben, ist der zynische, hartgesottene Privatdetektiv immer noch eine stereotype Männerfigur des Neo-Noir. Der nachdenkliche, zynisch-philosophische innere Monolog der Romanvorlagen wird in den Adaptionen meist als Voice-Over umgesetzt, auf das Geschehene zurückblickend wie in „Double Idemnity“/“Frau ohne Gewissen“ (1944), oder lakonisch über die Handlung murmelnd, wie in der Kinofassung von „Blade Runner“ (1982). Eine alternative Adaptions-Lösung findet sich genauso häufig, wenn nicht sogar häufiger: Im Retro-Noir-Klassiker „Chinatown“ (1974) (wie auch prägend in der Director’s- und Final-Cut-Version von „Blade Runner“) bleibt der (Anti-)Held stumm. Wir ahnen, dass hinter der gerunzelten Stirn Gedanken wohnen, wir schließen aus der säuerlichen Miene auf die Weltanschauung, die diese Gedanken antreibt, im Vordergrund bleibt aber eine dichte, verregnete Atmosphäre der Ambiguität – vor uns steht eine dezidiert filmische Figur, schweigsam und sich als Projektionsfläche für maskuline wie feminine Phantasien anbietend. Sie bringt nur hin und wieder den obligatorischen trockenen Scherz über die Lippen oder bellt Fragen, während irgendwer am Kragen gepackt und gegen den nächstbesten Zeitungsstand gedrückt wird.

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„The Long Goodbye“ (1953) ist Chandlers vorletzter fertiggestellter Roman, sein sechster insgesamt. 1973 hat ihn Robert Altman verfilmt. Handlung und Protagonist wurden in die 1970er-Jahre verlegt, Marlowe wird dabei von Gould und Altman ironisch gebrochen: Etwas zu häufig zündet er sich an den absurdesten Oberflächen sein Streichholz an. Die inneren Monologe Marlowes ihm in den Mund zu legen, sie ihn laut aussprechen zu lassen, verstärkt seine ironisch-zynische Haltung. Gould redet fast ununterbrochen mit sich selbst. Marlowe ist hier kein leise Leidender mehr wie noch bei Bogart/Hawks. Gould gibt ihm eine Prise Roger Moore, lässt ihn schmunzeln und spöttisch kommentieren. Höflich lehnt er die Hasch-Brownies ab, die ihm eine Nachbarin anbietet, sie seien schlecht für seine Zähne, ebenso muss er auf die getrockneten Aprikosen von Mrs. Wade verzichten, er bekäme von so etwas Verstopfung. Ein liebenswert hypochondrischer, etwas emaskulierter, leise vor sich hin witzelnder Marlowe also. Auch wenn er jede absurde Situation kommentiert mit „I’m ok with that“ (eine von Gould improvisierte Zeile), so ist er doch durchweg der Einzige, der nicht über alles hinwegsehen kann, der sich stört an dem, was geschieht und wie es geschieht, der sein Gewissen bewahrt in der seltsamen liberalen Spaßgesellschaft zwischen Strandpartys und halbnackt Yoga praktizierenden Hippie-Kommunen. Marlowe, stets in Anzug und Krawatte, scheint mehr der Zeit der Romanvorlage verhaftet, dem American Empire der 1950er-Jahre, ihm ist das Los Angeles nach Vietnam und Nixon fremd. Seine Irritation bleibt an der Oberfläche, genau wie seine Integration – er kann sich nicht wirklich einfinden und identifizieren, bleibt lakonisch auf Distanz und murmelt seine bissigen Kommentare vor sich hin. Zweimal nur bricht das Ungemach lautstark aus ihm hervor: Als er auf der Polizeiwache drei Tage lang festgehalten wird, und später, als er verzweifelt versucht, die Beamten dazu zu bewegen, die Untersuchungen im Fall Lennox wieder aufzunehmen. Hier bricht Gould/Marlowe kurzzeitig in Schimpftiraden gegen die korrupte Polizei aus, auch diese ironisch gebrochen: „I’m gonna call Ronald Reagan or something!“

Der Soundtrack des Films, komponiert von einem noch ganz aus seinen Jazz-Anfängen arbeitenden John Williams, variiert einen Titelsong („The Long Goodbye“) in unterschiedlichen Versionen, angepasst an Schauplatz und Situation der jeweiligen Szene. Wenn Marlowe nachts Katzenfutter kauft, hören wir den Song als Kaufhaus-Musik, in Mexiko spielt ihn eine Mariachi-Band und bei einem Begräbnis-Umzug eine Marschkapelle. Ein Barkeeper übt das Stück auf dem Klavier, es ertönt aus dem Autoradio und ist sogar als Türklingel der Wades zu hören. Das Motiv zieht sich so durch den gesamten Film und hüllt ihn in konstante, jazzige Atmosphäre.

Marlowe irrt durch das Hollywood der 1970er-Jahre, verfolgt von einer Melodie, verfolgt auch von einer Kamera: Altmans Auge gleitet hin und her, das Breitbild ist ständig in voyeuristischer Suchbewegung. Es entsteht eine fluide, ungezwungene Atmosphäre, fern von präziser Szenenauflösung oder elaborierten Plansequenzen. Die für Altman seit „McCabe & Mrs. Miller“ (1971) typische Verwendung von Zoom-Objektiven ermöglicht den Schauspielern maximale Bewegungsfreiheit, da die Szenen jeweils nur einmal eingeleuchtet werden müssen und das einschränkende Achten auf Schärfe und komplexes Blocking quasi vollständig wegfallen. Die Darsteller erwecken die Figuren zum Leben; improvisierter, realistischer Dialog überlappt sich.

Altman und sein Kameramann Vilmos Zsigmond perfektionieren außerdem eine Technik der Filmbelichtung, bei der ein Filmstreifen vor- bzw. nachbelichtet, also vor oder nach dem Dreh zusätzlichem Licht ausgesetzt wird. Die Technik nennt sich Flashing und beeinflusst beim Farbfilm die Kontrastwiedergabe: Schatten werden farblich differenzierter und besonders helle Teile des Bildes weniger grell wiedergegeben. Es entsteht ein natürlicher, cremiger Pastell-Look. Das Verfahren eignet sich besonders für „The Long Goodbye“, da Großteile der Handlung in der brütenden südkalifornischen und mexikanischen Sonne spielen. Flashing nimmt den Szenen am Strand die Kontrasthärte und ermöglicht Innenaufnahmen mit hellen Fenstern im Hintergrund gleichbleibend natürliches Aussehen. Es ist denkbar, dass der Film wegen dieser Ästhetik in schlechteren Digitalisierungen teilweise zu dunkel aussieht; der fast makellose Blu-ray-Scan der hier vorliegenden Version zeigt ihn allerdings in angemessener Differenziertheit.

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Die Edition: Das von Koch Media vorgelegte Mediabook enthält den Film als Blu-ray und als DVD, sowie eine zusätzliche DVD mit Bonusmaterial. Enthalten sind Interviews mit Elliott Gould und Kameramann Vilmos Zsigmond sowie ein Featurette zu den Dreharbeiten. Zusätzlich gibt es Interviews mit David Thompson, Tom William und Maxim Jakubowski, die Hintergründe zur Romanvorlage und zu Altmans Vorgängerfilmen bieten. Die Edition erscheint am 27. Juni 2019.

Autor: Paul Quast

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