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Der Schaum der Tage (2013) Review

Das jüngste Werk von Ausnahmeregisseur Michel Gondry sorgte bereits vorab für heftige Kontroversen, da Gondry nach der französischen Auswertung erneut zur Schere griff und den Film für die internationalen Märkte rund 36 Minuten kürzte. Für die Kritiker Grund genug, dem Film dramaturgische Schwächen zu attestieren, vor allem aber wird die mangelnde Werktreue zur Romanvorlage Boris Vians, der in Frankreich zum Kultklassiker avancierte, angeprangert. Unter besten Voraussetzungen – nämlich in Unkenntnis des Romans – halten sich zwar die besagten kleineren Mängel der Dramaturgie, die die Geschichte im Ganzen etwas unrund erscheinen lassen, „Der Schaum der Tage“ besticht aber durch den Einfallsreichtum und den unverkennbaren Stil des Regisseurs.

Bonvivant Colin (Romain Duris) verfügt über ausreichend finanzielle Mittel, um seinen Lebensunterhalt bestreiten zu können, ohne arbeiten zu müssen. In einer Art surrealem Parallelentwurf unseres Paris genießt er die Vorzüge des Lotterlebens und vertreibt sich die Zeit mit den kulinarischen Köstlichkeiten seines Kochs/Anwalts Nicolas (Omar Sy) und seiner neuesten Erfindung, dem Pianococktail. Als er erfährt, dass nicht nur Nicolas eine Freundin, sondern auch sein bester Freund Chick (Gad Elmaleh) eine Dame kennengelernt hat, beschließt Colin, sich nun auch einmal zu verlieben, um seiner zwar urplötzlich einsetzenden, aber nicht minder unerträglichen Einsamkeit ein Ende zu bereiten! Auf einer Party wird ihm Chloé (Audrey Tautou) vorgestellt, die das einzige Auswahlkriterium – nämlich hübsch genug zu sein – erfüllt. Nachdem das Herz der Angebeteten schnell erobert ist, da sich Colin ja gar nicht mal so schlecht anstellt, läuten bald die Hochzeitsglocken. Doch nicht alles bleibt zuckergussrosig in der surrealen Welt: Bei einem winterlichen Einbruch in der Hochzeitsnacht atmet Chloé eine Schneeflocke ein, die in ihrem linken Lungenflügel zu einer Seerose heranwächst. Während diese an der zarten Frau blüht und gedeiht, droht Chloé langsam zu verwelken. Fortan scheut Colin keine Kosten und Mühen, um seine Braut zu retten – ob es ihm gelingt?

Schaum der Tage 2

Wer aufgrund der romantischen Liebesgeschichte großes Gefühlskino erwartet, ist unter Umständen schief gewickelt, denn „Der Schaum der Tage“ verzichtet auf schwülstige Liebeserklärungen und tränenreiche Abschiede. Wie für das Melodram üblich, trägt Gondry vieles auf visueller Ebene aus und setzt auf einen reichen Stil, umso ungewöhnlicher erscheint daneben der Verzicht auf eine Affektsteuerung durch dramaturgische Kniffe und eine besonders einfühlsame Figurenzeichnung. Diese erscheinen trotz ihrer liebenswürdigen Spleenigkeit manchmal fast als Nebendarsteller an der Seite der Bilder, denn so oft reißen nicht die Protagonisten den Zuschauer mit, sondern vielmehr das bunte Treiben – sei es Colins Türklingelkäfer, der sich nur abstellen lässt, wenn man ihn kaputt macht oder sein Haustier, die kleine Menschenmaus, die in einem Röhrengang durch das Haus wuselt, in dem es einiges zu entdecken gibt. Fast fühlt  man sich wie ein Kind, das die Welt neu entdeckt und von Gondry auf Erkundungstour in sein Kuriositätenkabinett eingeladen wird. Das Reizvolle an „Der Schaum der Tage“ ist der Überschuss in den Bildern, der ein ums andere Mal, die Aufmerksamkeit auf sich zieht und kleine Wunder offenbart, die die eigentlich einfach gestrickte Handlung aufblühen lassen und den Zuschauer für diese begeistern. Affektinszenierung, wenn man denn davon sprechen möchte, ergibt sich hier vor allem über die visuelle Komposition: Mit der Stimmung ändert sich auch das Design und mit der dunkleren Gestaltung stellt sich beim Zuschauer auch das Mitgefühl für die Liebenden ein. Die emotionale Teilnahme am Stil, weniger dem Schicksal der Charaktere mag keinesfalls den mangelnden Fähigkeiten des Regisseurs geschuldet sein, sondern wirkt ungemein erfrischend und gerade auf dem generischen Terrain innovativ. Gondry manipuliert den Zuschauer nicht, er zwingt diesen nicht in den großen Gefühlsausbruch, sondern lässt ihn gewähren und ungewohnt frei entscheiden, inwieweit er sich identifizieren oder distanzieren möchte. Dabei entbehrt „Der Schaum der Tage“ keineswegs den hochemotionalen Momenten und sympathischen Charakteren. Die Besetzung hätte kaum besser gewählt werden können, auch wenn diese durch die starken Abweichungen zum Roman eifrig kritisiert wurde. Gerade Kindfrau Tautou präsentiert uns mit Chloé zwar nichts Neues, verschmilzt aber die liebenswürdige Sonderbarkeit einer Amélie mit der körperlichen Zerbrechlichkeit der Camille aus „Zusammen ist man weniger allein“ so, dass sie hervorragend mit dem Timbre des Films harmonieren. Eben eine Liebesgeschichte, die Melodien von Dur bis Moll schreibt.

Schaum der Tage 3

Mit „Der Schaum der Tage“ widmet sich Gondry wie bereits in „Vergissmeinnicht“ (2004) und „The Science of Sleep – Anleitung zum Träumen“ (2006) erneut einer ungewöhnlichen Romanze, da verwundert es kaum, dass er sich auch stilistisch vor allem an letzteren annähert und damit zu seinen französischen Wurzeln zurückkehrt. Gondry steht für Traumwelten, sowohl in „The Science of Sleep“, als auch „Vergissmeinnicht“ thematisiert er explizit das Schlafen. Der Traum öffnet die Pforten für zwei weitere Charaktersitika von Gondrys Oeuvre: Surrealismus und Psychoanalyse. Beidem zollt er durch Filmzitate in „Der Schaum der Tage“ Tribut. Wie selbstverständlich durchschreitet Gondry verschiedenste Kapitel der Filmgeschichte und lässt sich vom italienischen Kino der 1960er Jahre ebenso inspirieren, wie dem des tschechischen Regisseurs Jan Švankmajer. Die Animationen der kulinarischen Verrücktheiten, die den Beginn des Films markieren sind unverkennbar an die Stop-Motion-Tricks des Surrealisten Švankmajer angelehnt: Während in Švankmajers schwarzhumorigen Filmen das Fleisch am Boden entlangtänzelt und ein erneutes Eigenleben entwickelt, winden sich bei Gondry die Aale und Makrelen in Tricktechnik auf Silbertabletten und in Wasserhähnen. Nach Federico Fellinis „8 ½“ (1963) zitiert Gondry nebenbei ganz unaufdringlich die Schlüsselsequenz aus Bernardo Bertoluccis paradigmatischem 68er-Film „Partner“ (1968), in dem sich der Doppelgänger des schizophrenen Giacobbe in Form eines bedrohlichen Schattens abspaltet und spielt damit nicht nur auf die albtraumhafte Wendung der Geschichte an, die wie Giacobbe und sein Alter Ego zwei Seiten aufweist, sondern auch auf die Psychoanalyse. Und wer sich mit Jean-Paul Sartre (oder bleiben wir in der Sprache des Films: Jean-Sol Partre) auskennt, der dürfte an der Interpretation von Gondrys neuestem Streifen noch größere Freude empfinden!

Nun darf man noch gespannt sein auf die DVD-Veröffentlichung, in der sich zeigen wird, ob die kleinen Abschweifungen in Nebenhandlungen, ein Blick auf die anderen Leben, die so beschleunigt und kurz abgehandelt erscheinen, dem Film nicht doch gut getan hätten. Die Kinofassung überzeugt fürs Erste, vor allem aufgrund des Erfindergeists des Franzosen.

Autorin: Felicitas Hilge

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