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Der Marsianer – Rettet Mark Watney (2015) Review

© 20th Century Fox

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Ich liebe Ridley Scott, der Mann ist mein Held. Von seinen bislang 22 Filmen habe ich 16 gesehen, viele habe ich Zuhause im Regal stehen, die meisten habe ich so richtig abgefeiert, „Gladiator“, „Königreich der Himmel“ (nur im Extended Cut!) und „Alien“ vergöttere ich. Und klar, da gab’s dann noch „Black Hawk Down“, durch welchen er gemeinsam mit seinem Kameramann Sławomir Idziak die Actionästhetik der 2000er-Jahre maßgeblich beeinflusst hat, „Thelma & Louise“, mit dem er bewies, dass er auch Charakterportraits beherrscht und natürlich – last but not least – „Blade Runner“, der gemeinsam mit „Alien“ wohl so ziemlich alles in der Sci-Fi beeinflusst hat, was man beeinflussen kann. Für seine Verdienste um die Kunst wurde der Brite 2003 von Königin Elizabeth II. zum Ritter geschlagen, nicht weniger hat Ridley Scott verdient. Der Mann ist für mich eine lebende Legende, ein Genie, das insbesondere das Genre des Monumentalfilms und das der Science-Fiction beherrscht wie kein Zweiter. Sein letzter richtig großer Erfolg beim Publikum und bei den Kritikern liegt mit „American Gangster“ aber schon acht Jahre zurück. Das könnte sich nun ändern. Denn seine Adaption von Andy Weirs Bestseller-Roman „Der Marsianer“ ist richtig großes Kino. Fast makellos inszeniert von einem Meister seines Fachs.

Astronaut Mark Watney (Matt Damon) hat – mit Verlaub – die Arschkarte gezogen: Nach einem Unfall auf dem Mars während eines Sturms wird er von seinen Crew-Mitgliedern fälschlicherweise für tot gehalten und auf dem roten Planeten zurückgelassen. Die Kommunikationsanlage ist beschädigt, der Kontakt zur Erde gestaltet sich gelinde gesagt mehr als schwierig. So beginnt Watneys persönliches „Robinson Crusoe“-Abenteuer. Als es ihm irgendwann gelingt, wieder Kontakt zur Erde herzustellen, setzt die NASA unter der Leitung von Teddy Sanders (Jeff Daniels), Vincent Kapoor (Chiwetel Ejiofor) und Mitch Henderson (Sean Bean) alles daran, ihren Jungen wieder nach Hause zu bekommen. Doch das ist einfacher gesagt als getan…

„Der Marsianer – Rettet Mark Watney“ (Danke für den coolen deutschen Untertitel, ihr Marketing-Spezialisten! Immerhin dürfte nun jeder peilen, dass sich die Handlung des Films nicht um kleine, grüne Marsmännlein dreht…) ist ein sagenhaft unterhaltsames und von Kameramann Dariusz Wolski unendlich schön bebildertes Survival-Abenteuer-Drama geworden. Regisseur Scott gelingt es, seinen All-Star-Cast (u.a. sind noch dabei: Kate Mara, Michael Peña, Jessica Chastain, Mackenzie Davis, Kristen Wiig, Sebastian Stan, Donald Glover, Aksel Hennie) bravourös zu führen und jedem seiner Darsteller genügend Spielzeit einzuräumen, sodass niemand untergeht. Bei einigen Mimen hätte man sich zwar etwas mehr Screentime erhofft, aber insgesamt ist Scotts Handling hierbei famos, was auch auf das starke Skript von Drew Goddard zurückzuführen ist. Auch dramaturgisch und narrativ wird hier fast meisterlich gearbeitet, denn die Haupthandlung auf dem Mars wird immer sinnvoll um weitere parallele Handlungsstränge auf der Erde ergänzt, die den Zuschauer stets mitfiebern lassen, wie es denn nun gelingen möge, Watney wieder nach Hause zu holen. Minimaler Kritikpunkt hierbei: Die beiden Subplots mit der chinesischen Raumfahrtbehörde und Donald Glovers Charakter Rich Purnell, der den NASA-Mitarbeitern plötzlich eine ganz neue Denkweise eröffnet, kommen etwas abrupt und hätten vielleicht bereits im Vorhinein etwas subtiler angeteasert werden können.

© 20th Century Fox

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Dennoch ist Scott ein grandioser Film gelungen, der trotz des dramatischen Geschehens, das immer wieder durch Rückschläge gekennzeichnet ist und so die Fallhöhe der Protagonisten beständig oben hält, unwiderstehlich leichtfüßig ist und damit beim Zuschauer direkt eine optimistische Grundeinstellung aufbauen kann. Auch wenn es nur den einen zentralen Konflikt gibt (die Tagline bringt’s hierbei auf den Punkt: „Bring him home!“), kleinere Zwistigkeiten unter den Figuren nie das große Ganze so wirklich in Gefahr zu bringen drohen und die psychologische Ebene relativ unbeleuchtet bleibt, so stört all dies wenn überhaupt nur marginal. Da ich aber trotz Fanboy-Attitüde versuchen möchte, Scotts neues Werk so objektiv wie möglich zu evaluieren, will ich diese Kritikpunkte allerdings nicht außen vorlassen, denn an den betreffenden Stellen wäre eventuell auch noch etwas mehr drin gewesen. Der erzählerische Fokus wurde jedoch anders gelegt und das ist auch gut so. „Der Marsianer“ ist zwar kein waschechtes Feel-Good-Movie geworden, dennoch sind solche Anleihen unverkennbar vorhanden, was allerdings auf die grundlegende Botschaft bzw. Thematik des Filmes zurück zu führen ist: Ridley Scotts neuer Film huldigt der Raumfahrt, der Wissenschaft, dem Pioniergeist und dem unbändigen Überlebenswillen des Menschen. Somit könnte man Alfonso Cuaróns „Gravity“, Christopher Nolans „Interstellar“ und Scotts „Der Marsianer“ aktuell als neues (Hard-)Sci-Fi-Triumvirat bezeichnen. „Gravity“ ist metaphorisch veranlagt und setzt sich mit Traumabewältigung auseinander. „Interstellar“ hingegen ist ein philosophisch angehauchtes Familiendrama. Und „Der Marsianer“ komplettiert das Trio als womöglich wissenschaftlichster und euphorischster Film unter diesen drei Werken, der vielleicht ein wenig verkitscht, aber gerade deswegen auch so unwiderstehlich charmant dem mal gütig-empathischen und mal kämpferischen menschlichen Wesen ein Denkmal errichtet. Dort wo mich „Gravity“ und „Interstellar“ mit Ehrfurcht zurück gelassen haben, hat mich „Der Marsianer“ in gewisser Weise mit Glückseligkeit erfüllt.

„Der Marsianer“ ist Sci-Fi-Kino nahe der Perfektion, inszeniert von einem der ganz Großen seiner Zunft. Auch die Comic-Relief-Momente passen hervorragend ins Gesamtkonzept (egal ob verbal oder visuell), die popkulturellen Anspielungen sind unfassbar lustig, die 3D-Tiefenwirkung gelingt an einigen Stellen sehr gut (Stichwort: Schwerelosigkeit und Sturm) und Ridley Scotts Regie-Einfälle sind absolut hervorragend. Hierbei verdienen sich die Musik-Montagen mit Disco-Hits der 1970er-Jahre sowie die sinnvoll eingesetzten Zeitraffer besonders lobende Erwähnungen. Allerdings noch schnell ein kleiner Kritikpunkt am Rande: Die Informationsvergabe durch Watneys Gedanken oder Video-Aufzeichnungen geht an einigen wenigen Stellen etwas allzu offensichtlich vonstatten, ist im Großen und Ganzen jedoch mehr als gelungen. Ich bin zwar kein Prophet und gebe demnach auch wohl keine sonderlich verlässlichen Prognosen ab, aber bei der Oscarverleihung 2016 dürften Sir Ridley, Drehbuchautor Goddard, Kamera-Genie Wolski und Produktionsdesigner Arthur Max ein gehöriges Wörtchen mitzureden haben. 9/10

 Autor: Markus Schu

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