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Der Hauptmann (2017/2018) Review

© Weltkino

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Schon die erste Sequenz gibt den Ton an: Mit einer Weitwinkelaufnahme eines Feldes beginnend, sieht der Zuschauer in den ersten Sekunden von „Der Hauptmann“ eine Gruppe von Soldaten, die in einem Jeep Jagd auf einen Einzelnen macht. Dem Deserteur (Max Hubacher) gelingt allerdings die Flucht und bald darauf ein wahrer Glücksfund: aus einem Auto am Straßenrad birgt er eine Hauptmannsuniform und verwandelt sich in die titelgebende Figur.

Noch vor der Jagdsequenz platziert sich der Film zeitlich, eine Texteinblendung liest: „Zwei Wochen vor Kriegsende“. Robert Schwentke kehrt also mit einem Film über den Zweiten Weltkrieg aus Hollywood zurück. Der Einfluss der US-amerikanischen Bildsprache ist durchaus spürbar: die Tendenz zum schnellen Schnitt in den Montagesequenzen, der spärlich eingesetzte, drückende Bass, der immer wieder als Disruption dient, die zum Teil etwas zu martialische Gewalt. Allerdings ist es auch Schwentkes für den deutschen Film untypisches Spiel, das den Film interessant macht.

Nach der Verwandlung in Hauptmann Herold beginnt die Reise durch die Front und in die Gewalt. Personifiziert wird diese in zwei Figuren: einem Gefreiten (Fredrick Lau), den Herold gewissermaßen annektiert und Aufseher Schütte (Bernd Hölscher). Immer wieder scheinen Figuren, besonders der von Frederick Lau gespielte Gefreite, das falsche Spiel zu durchschauen. Statt den „Hauptmann“ auffliegen zu lassen, drehen sie jedoch den Spieß um, und lassen die Gewalt immer weiter eskalieren. Sie stellen den seine Macht genießenden Hauptmann vor die Wahl: der Gewalt entsagen und die Maske fallen lassen oder immer weiter in die Hölle. Den Übergang vom passiven Zuschauer zum aktiven Henker zeichnet der Film als fließend. Zwar wird anfangs noch Druck auf den Hauptmann ausgeübt, ab einem gewissen Punkt ist es aber allein seine Blutgier, die zu immer weiteren Gräueltaten führt. Immer wieder vergreift sich Schwentke hier etwas im Ton. Er versucht die Gewaltexzesse mit schwarzem Humor zu zeichnen, scheint aber doch selbst zu interessiert an einer möglichst ästhetischen Aufbereitung der Taten.

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Zwar ist auch „Der Hauptmann“ nicht frei von gewissen Klischees, jedoch sind es die kleinen Einfälle, die Abweichungen vom gewohnten Weg, die das Interesse aufrechterhalten. Schwentke hält seinen Film in einem sehr ansehnlichen digitalen Schwarz-Weiß, in dem besonders die winterliche Landschaft voll Schnee und karger Bäume stark zur Geltung kommt. Leider scheint das eigene Vertrauen in die visuelle Stärke zu fehlen und von den beeindruckenden Plansequenzen wird recht schnell zum nächsten Bild geschnitten. Mehr Geduld mit gewählten Einstellungen hätte dem Rhythmus des Films gut getan.

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Ambitioniert sind hingegen jene Momente, in denen der Film die Brücke in die Gegenwart schlägt und den typischen „Es war einmal“-Charakter der Zweiter-Weltkrieg-Dramen zu umgehen versucht. Passenderweise durchbrechen diese Sequenzen die erwartete dramaturgische Struktur. Leider zieht Schwentke aber auch hier sein Konzept nur halbherzig durch und schließt eine weitere Sequenz des Exzesses an. Ein frischer Ansatz, eine ansprechende Optik, bewusste und überlegte Provokationen, und doch kein herausragender Film. Die Parabel über die Macht der Uniform und die Bestialität im gewöhnlichen Menschen wird unter dem Versuch der Satire begraben.

Autor: Martin Klein

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