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Der große Gatsby (2013) Review

Nicht zum ersten Mal macht sich der australische Regisseur Baz Luhrmann an eine monumentale Literaturverfilmung, nicht zum ersten Mal arbeitet er dabei mit Leonardo DiCaprio zusammen. War jedoch „William Shakespeares Romeo + Julia“ (1996) ein zeitlos fantastisches Spektakel, welches seine Faszination aus der Mischung von knallbunter „CSI: Miami“-Optik und den klassischen Shakespeare-Texten zog, ist sein neuestes Werk „Der große Gatsby“ lediglich ein glattgebügeltes Hollywood-Schauspiel, welches vor allem eines ist: zu lang!

Der erfolglose Autor Nick Carraway (Tobey Maguire) zieht in den beginnenden 1920er-Jahren nach New York, um sein finanzielles Glück an der Börse zu versuchen. Er wird Nachbar des reichen und mysteriösen Jay Gatsby (Leonardo DiCaprio), der regelmäßig rauschende Partys feiert, bei welchen sich zumeist die komplette Stadtprominenz New Yorks blicken lässt. In der Nähe wohnt auch Nicks Cousine Daisy (Carey Mulligan) mit ihrem Mann Tom (Joel Edgerton). Ihre Ehe ist nicht die glücklichste; er hat eine regelmäßige Affäre, sie hingegen hütet ein Geheimnis, welches ihre eigene Vergangenheit mit der des rätselhaften Gatsby verbindet…

In seiner bereits angesprochenen Verfilmung des Romeo-und-Julia-Stoffes fand Luhrmann noch die genau richtige Mixtur zwischen Style und Substanz. In „Der große Gatsby“ wirft er nun einen Großteil seiner inhaltlichen Sinnhaftigkeit zugunsten eines vermeintlichen Bilderrausches gleich von vornherein über Bord. Die eigentlich recht clevere dramaturgische Grundsituation des in Rückblenden erzählenden Carraway, der mit seinem Bericht in einer Art Meta-Spiel gleichzeitig den zugrunde liegenden Roman verfasst, wird nur unzureichend genutzt und wirkt eher wie ein aufgesetztes Beiwerk. Wichtige inhaltliche Passagen und Dialoge werden als nötig scheinendes Pflichtprogramm viel zu schnell abgehandelt, ihnen werden ausufernde visuelle Abschnitte entgegengesetzt, in welchen sich der Film zu sehr in seinen Bildern sowie der damit einhergehenden übertriebenen 3D-Effekthascherei ergeht, die über die Zeit ein gewisses Störpotenzial entwickelt. Teilweise drängt sich der Eindruck auf, dass der vorrangige Sinn des Films schlichtweg darin bestünde, spektakulär erscheinende Sturzflug-Kamerafahrten oder ausschweifende CGI-Panoramen 3D-gerecht in Szene zu setzen.

Das Ganze ließe sich eventuell noch als „l’art pour l’art“-Bilderrausch einstufen, dafür ist der Film jedoch beileibe zu lieblos gestaltet. Dass die Szenerie zu großen Teilen aus dem Computer stammt, lässt sich zeitweise nicht schönreden und die den Trailern zu entnehmenden visuellen Sensationen der Gatsby-Partys nehmen im Film gerade einmal etwa zehn Minuten ein. Auch das im ersten Viertel des Films vorherrschende Schnittgewitter stört extrem und wirkt so, als hätten die Cutter kurzzeitig die noch nicht eingearbeiteten Praktikanten auf die Schnittplätze losgelassen. Permanent wird aus noch nicht vollendeten Bewegungen herausgeschnitten, viele Einstellungen dauern dabei nicht länger als zwei Sekunden. Wen „Der große Gatsby“ nach dem Musikvideoschnitt-Beginn ohne dazugehöriges Musikvideo noch nicht verloren hat, der darf sich auf das immerhin gelegentlich sehr interessante Kontrastspiel zwischen 1920er-Jahre-Diegese und aktuellen musikalischen Werken vom Schlage Jay-Z oder Lana Del Rey fokussieren.

Als sich Gatsby und Daisy schließlich zum ersten Mal treffen, nimmt der Film kurz immerhin etwas an Fahrt auf, was jedoch nicht zuletzt an dem mit dieser Szene einhergehenden Humor zusammenhängt. Leider kann der Regisseur die Linie nicht beibehalten und verfällt kurze Zeit später wieder in flache Bilder ohne Inhalt, welche dem Zuschauer die 142 Minuten Laufzeit nur zu sehr bewusst machen. Prinzipiell ergeht sich der Film damit genau in dem, was er inhaltlich vorgibt, zu kritisieren: Ein Oberflächenrausch ohne Tiefgang, ein Schein ohne Sinn. Als ironisches Stilmittel geht Luhrmanns Umgang mit der Vorlage dabei jedoch auch nicht durch, dafür nimmt der Australier sich und seine Bildekstase viel zu ernst. „Der große Gatsby“ kann maximal als Werbeveranstaltung für die Romanvorlage durchgehen, denn die mutmaßlich aus dem Roman zitierten Stellen sind fantastisch und heben sich vom Rest des Drehbuchs massiv ab.

Das Highlight des Films, welches selbigen vor der totalen Verflachung rettet, ist sein Hauptdarsteller. Leonardo DiCaprio agiert herausragend und spielt fast mühelos den Rest der Darsteller an die Wand. Tobey Maguire muss sich weiterhin mit seinen limitierten mimischen Möglichkeiten herumschlagen, wirkt als eigentlicher Erzähler jedoch über die meiste Zeit ganz passabel. Carey Mulligan bekommt leider nur eine ungenügende Plattform, was vermutlich mit dafür verantwortlich ist, dass ihr beim Spiel keinerlei Schwierigkeiten anzumerken sind. Joel Edgerton kann sich ebenfalls sehen lassen, auch er krankt jedoch an mangelnder Screen-Time.

In Gestalt von „Der große Gatsby“ kommt nicht der nächste Luhrmann-Kracher daher, der Film wirkt eher wie eine lästige Pflichtübung des Regisseurs: Seht her, auch ich bin in der Lage, einen 3D-Film zu inszenieren! Leider gelingt es ihm über weite Strecken nicht, seine Bilder von der bloßen Schablone zu lösen und mit visueller Substanz oder gar Inhalt zu füllen. Nicht zuletzt aufgrund des großartigen Protagonisten ist dieser Film von vorne bis hinten eine ungenutzte Chance. Auch in Hollywood sollte sich eventuell einmal herumsprechen, dass hinter „weniger“ ab und an „mehr“zu finden ist.

Autor: Jakob Larisch

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