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Das erstaunliche Leben des Walter Mitty (2013) Review

Nach fünf Jahren und fünf Filmen ausschließlich als Schauspieler ist Ben Stiller wieder als Regisseur zurück, um einen Stoff zu übernehmen, der in Hollywood lange nach einer adäquaten Visualisierung suchte. „Das erstaunliche Leben des Walter Mitty“, nach „Das Doppelleben des Herrn Mitty“ (1947) der zweite Film, der (sehr) lose auf der Kurzgeschichte „Walter Mittys Geheimleben“ von James Thurber basiert, ist jedoch ein eher untypischer Stiller-Film. Humorvoll, aber dennoch zurückhaltend, ein Film, der in den Mittelpunkt stellt, was wirklich wichtig ist.

Walter Mitty (Ben Stiller) ist ein stiller und schüchterner Mittvierziger, der beim „Life“-Magazin als Leiter der Negativ-Abteilung arbeitet, heimlich in seine neue Kollegin Cheryl Melhoff (Kristen Wiig) verliebt ist und sich gerne in ausführliche Tagträume flüchtet. Als die Zeitschrift aus Kostengründen in ein Online-Magazin umgewandelt wird, was zur Entlassung vieler Mitarbeiter führt, soll das Cover der letzten Printausgabe durch das ominöse Negativ 25 geziert werden, welches in der letzten Ladung Fotos enthalten sein müsste, die der berühmte Fotograf Sean O’Connell (Sean Penn) per Post an die Zeitschrift gesendet hat. Nur ist das entsprechende Negativ verschwunden und Walter macht sich, gedrängt durch den schmierigen Abwicklungs- manager Ted Hendricks (Adam Scott) auf eine lange Suche nach Sean und dem verschollenen Foto, die ihn zunächst nach Grönland und später in den Himalaya führt, wodurch Walter die Energie und die Möglichkeiten seines Lebens nach und nach zu schätzen lernt…

Anders als die vorigen Filme „Cable Guy“, „Zoolander“ und „Tropic Thunder“, die unter der Ägide des Regisseurs Ben Stiller entstanden, zeichnet sich „Das erstaunliche Leben des Walter Mitty“ nicht durch knalligen Brachialhumor aus, sondern schlägt deutliche leisere und vor allem feinfühligere Töne an. Zunächst sind die Figuren, vorneweg die beiden von Ben Stiller und Kristen Wiig verkörperten Protagonisten sehr einfühlsam gezeichnet und durch die Verankerung in einem sehr lebensnahen Umfeld sofort in der Lage, den Zuschauer auf ihre Seite zu ziehen. Daneben besticht der Film durch Walter Mittys Tagträume, welche sich nicht immer sofort als solche zu erkennen geben. Diese spielen auf sehr humorige, aber niemals herablassende Weise mit filmischen Vorbildern und Standardsituationen und entlarven selbige somit im Zuge eines liebevoll postmodernen Meta-Spielchens als das, was sie sind: Träume; Fiktionen, denen wir uns hingeben, die aber niemals Realität werden können, da sie dadurch den Blick auf das Wesentliche verstellen würden.

Walter Mitty ist zu Beginn des Films ein Mann inmitten der sich stets wiederholenden Gleichförmigkeit des Lebens. Dies wird wundervoll visualisiert, wenn der Protagonist am Anfang seine Wohnung in den absolut gleichförmig aufgebauten Hausflur verlässt, um anschließend aus einem Häuserblock mit vollkommen gleichförmiger Fensterfront zu treten, der wiederum in einer komplett gleichförmig gestalteten Wohnsiedlung liegt. Walter Mitty ist der sprichwörtliche „kleine Mann“, den der Film in jedweder Hinsicht zu seiner grundlegenden Thematik macht. Denn unter seiner herausragenden visuellen Oberfläche findet sich ein Aufruf, den Verdienst täglich im Takt arbeitender Menschen zu würdigen und der gesellschaftlichen Leistung jedes Einzelnen Respekt zu zollen, wie klein sie auch scheinen möge. Speziell in Zeiten der Finanzkrise ist dies ein nicht zu unterschätzendes Statement, insbesondere durch die Zeichnung des widerwärtig arroganten Managers Ted Hendricks. Hierin findet sich die erste Ebene, die Ben Stiller und Drehbuchautor Steve Conrad in den Film eingezogen haben.

Auf der zweiten Ebene ist „Das erstaunliche Leben des Walter Mitty“ einer der charmantesten Filme, die sich dem Grundsatz: „Träume nicht, lebe!“ verschrieben haben. Und dabei ist er zu keiner Zeit kitschig, was größtenteils an den stets glaubhaft gezeichneten Figuren liegt. Wichtig ist allerdings, das erwähnte Credo scharf von der typisch amerikanischen Thematik des „lebe deinen Traum, um dich selbst zu verwirklichen“ abzugrenzen, denn damit hat Ben Stillers Film nichts zu tun. Walter Mitty lebt im Laufe des Filmes nicht seine zuvor gehabten Tagträume aus, im Gegenteil, sie werden immer weniger, je weiter die Geschichte voranschreitet. Walter Mitty wird sich schlichtweg des Werts seines Lebens bewusst und lernt, dass er dessen Verlauf aktiv gestalten kann. Um ein Leben zu leben, welches einen wirklich erfüllt, muss man sich jedoch von den Zwängen der kapitalistisch orientierten Gesellschaft lösen. Sean O’Connell macht es vor und Walter tut es ihm gleich. Der Film ist ein Plädoyer, einen Ausbruch aus unserer ökonomisch geprägten Ordnung zu wagen, sich so den durch wirtschaftliche Vorgaben künstlich aufrecht erhaltenen Prinzipien zu entziehen und dadurch die Möglichkeit zu haben, wirklich frei sein zu können. Nicht umsonst spricht sich „Das erstaunliche Leben des Walter Mitty“ für eine Wertschätzung immaterieller Werte aus, wie zum Beispiel die schlichte Schönheit der Natur und nicht zufällig ist es kein Geld, sondern ein selbstgebackener Kuchen von Walter Mittys Mutter (Shirley MacLaine), mit dem sich Warlords in Krisengebieten bestechen lassen.

Ben Stiller spielt so gut wie selten und harmoniert herausragend mit der charmanten Kristen Wiig, die ihren stärksten Moment bei einem speziellen Gitarrensolo hat. Sean Penn hat zwar nicht viel Screen-Time, passt sich jedoch wundervoll ins Gesamtkonzept ein. Shirley MacLaine ist gut wie immer, spezielle Erwähnung verdienen noch der herrlich überkandidelt fiese Adam Scott, Kathryn Hahn als Walter Mittys hyperaktive Schwester sowie Patton Oswald als Mitarbeiter einer Online-Dating-Agentur, dem eine ganz eigene Rolle innerhalb der Geschichte zukommt.

„Das erstaunliche Leben des Walter Mitty“ ist ein schlichtweg fantastischer Film mit leisem und genau an den richtigen Stellen gesetztem Humor, tollen Regieeinfällen und teils atemberaubenden Naturaufnahmen. Der humanistisch geprägte Subtext passt exakt in unsere Zeit und fungiert als Hommage an die im kapitalistischen System gefangenen Menschen, die im Räderwerk des ökonomischen Gedankenguts unterzugehen drohen. Ein Film, der wahrhaft revolutionäres Potenzial in sich trägt.

Autor: Jakob Larisch

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