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Dallas Buyers Club (2013) Review

Den Whiskey im Glas, die Kippe im Mund und ein Stier zwischen den Beinen – und das im übertragenen Sinne. Denn Ron Woodroof ist diese Art von Kerl, durch den unser Image vom konservativen Südstaatler erst groß geworden ist. Er säuft, kokst, vögelt, spielt und hat den ganzen Spaß, den nur echte Männer haben. Ein moderner Cowboy eben. Zumindest, bis bei ihm HIV diagnostiziert wird.

Denn Aids war 1985 kaum erforscht und galt als “Schwulenkrankheit”. Für einen bekennenden Macho mit durch und durch homophoben Freunden ein doppelt so harter Schlag, der selbst Ron buchstäblich in die Knie zwingt. Nicht nur, dass er also in absehbarer Zeit sterben wird, auch Freunde, Beruf und Gesinnung werden von innen nach außen gekrempelt.

„Dallas Buyers Club“ ist jedoch kein Film über den Tod, sondern vielmehr über das Leben. Das dramatische Potential entfaltet sich dabei auf einen Schlag. 30 Tage bleiben Ron nach der wenig zuversichtlichen Prognose der Ärzte. Uns wird klar, dass die Sache so oder so kein gutes Ende nehmen wird. Doch gerade diese Widrigkeiten bringen eine Figur hervor, die an Willensstärke mit jeder Szene dazugewinnt. Ron Woodroof präsentiert sich der Welt als Kämpfer, als waschechter Rodeo, der sich immer wieder in den Sattel schwingt – und selbst, wenn es das letzte Mal sein soll.

Aids – das ist für ihn bislang nur ein Wort gewesen. Und von einem Wort lässt sich Woodroof nicht unterkriegen. Als ihm das Krankenhaus in Dallas keine Medikamente verschreiben kann, die seine restliche Zeit ein wenig hinauszögern würden, zapft er neue Quellen an. In Mexiko findet Ron Medikamente, die in Amerika überhaupt nicht zugelassen wurden, allerdings viel wirkungsvoller sind. Mit dem Kofferraum voller “Eigenbedarf” beginnt er sich nicht nur selbst zu therapieren, sondern auch anderen helfen zu wollen. Die Kritik am Gesundheitssystem und vor allem an den Pharmaziekonzernen ist dabei deutlich zu spüren. Allerdings bleibt sie erträglich, nicht zuletzt weil es keinen durchtriebenen Antagonisten seitens der pharmazeutischen Unternehmen gibt – HIV bleibt der einzige Antagonist und die Geschichte konzentriert sich stets auf Ron.

Und so entstand das Prinzip der sogenannten Buyers Clubs, die damals in allen großen Städten aufkeimten. Sozusagen eine rechtliche Grauzone, bei der man nicht mit Medikamenten handelt, weil man sie nicht verkauft. Man verkauft Mitgliedschaften und jedes Mitglied bekommt die Medikamente kostenlos. Die Nachfrage ist hoch. Die HIV-Ansteckungen steigen. Doch als wenig aufgeschlossenem, schwulenfeindlichem Cowboy wird Ron nicht gerade die Tür eingerannt. Hier kommt Rayon ins Spiel. Der Transsexuelle baut dabei jedoch nicht nur die Verbindungen zu neuen Mitgliedern auf, sondern macht aus Ron Stück für Stück einen besseren Menschen. Und das geschieht in einer derart brillanten Form, ohne Vorschlaghammer oder Moralkeule, das jede Szene mit Ron und Rayon für sich allein genommen preisverdächtig ist.

Diese Wirkung ist nicht nur dem ausgezeichnetem Drehbuch geschuldet, was auf der Lebensgeschichte des echten Ron Woodroof aufbaut, sondern auch der schauspielerischen Leistung. Matthew McConaughey als Ron Woodroof und Jared Leto als Rayon haben sich die Golden Globes redlich verdient und sollten für diese Ausnahmeperformance auch mit dem Oscar bedacht werden – und das nicht wegen der gewaltigen Gewichtsabnahme oder der Darstellung eines Transsexuellen. Es besteht eine zarte und sehr leise Spannung in den Szenen der beiden, die den Zuschauer tief berührt. Eine wirklich herausragende Harmonie. Leider tritt Jennifer Garner als die behandelnde Ärztin und Love-Interest von Ron derart plump auf, dass jegliche Szenen mit ihr entweder weinerlich oder gähnend langweilig ausgehen.

Doch dafür wartet der Film auch mit technischen Raffinessen auf. Gerade die Szenenübergange sind teilweise radikal, aber immer ausnahmslos spannend geschnitten. Die Tongestaltung folgt der zerklüfteten Fassade von Ron und penetriert uns mit seiner subjektiven Wahrnehmung. Tinnitus und ein dumpfes Raunen überlagern oft die Szenen, sodass sich das Sounddesign an den eingefallenen Gesichtern, die die Kamera einfängt, orientiert.

Dabei wird kein Bild von Hoffnungslosigkeit oder Depression gezeichnet. Es ist zwar ein Film über Fehler und Eingeständnisse, aber auch über Reue und Wiedergutmachung. Ron resümiert sein Leben im Angesicht des Todes. Er will, dass sein Leben etwas bedeutet. Und genau dieses universelle Moment trägt den gesamten Film.

Autor: David Daubitz

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