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Criminal Squad (2018) Review

© Concorde Home Entertainment

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Mehr als einmal schimmert Michael Mann, der Gangsterfilm-Ästhet vom Dienst, durch die Oberfläche von „Criminal Squad“; die stilsicheren Bilder einer Großstadt bei Nacht, der ausführlich ausgetragene Kampf zweier Protagonisten, einer auf der Seite des Gesetzes, einer ein gerissener Krimineller. Doch das Regiedebüt von Christian Gudegast (vorher Drehbuchautor des Vin-Diesel-Vehikels „Extreme Rage“ und der Haudrauf-Fortsetzung „London Has Fallen“) besitzt im Ganzen betrachtet durchaus genügend Eigenständigkeit, um nicht als simples „Heat“-Rip-Off abgetan werden zu können. „Criminal Squad“ ist in Zeiten von schneller-höher-weiter-teurer-(Science-Fiction-)Blockbustern und oftmals damit verbundenen CGI-Exzessen eine angenehme Abwechslung im Actionfilmsektor und schlicht ein exzellenter Gangster- bzw. Heist-Film.

Der Mann auf der Seite des Gesetzes wird gespielt von Gerard Butler, der vor dem Dreh des Films anscheinend nochmal ins Fitnessstudio musste. „Big Nick“ heißt seine Rolle, der Name ist Programm, er nimmt es mit Vorschriften nicht so genau, frisst als erste Amtshandlung den neben der Leiche liegenden Donut vom Tatort und legt sich mit dem obligatorischen FBI-Anzugträger an (der natürlich Veganer ist, herrlich). Sein Gegenspieler ist Merriman, gespielt von Pablo Schreiber, ein brillanter Ex-Elitesoldat, der den obligatorischen letzten Coup durchführen will: die „Federal Reserve“ ausrauben, was auch sonst als ambitionierter Krimineller. Umgeben werden beide von einer loyalen Crew (auf Seiten der Gangster unter anderem Curtis „50 Cent“ Jackson und O’Shea Jackson Jr.), die einen bereiten den Raub ihres Lebens vor, die anderen versuchen, genau das zu verhindern. So weit, so simpel; so weit, so effektiv.

Bevor man zu einer Besprechung des Films kommt, müssen vorneweg ein paar Worte zu den verschiedenen Schnittfassungen gesagt werden: Es gibt sowohl eine deutsche Kinofassung (124 Minuten) als auch eine US-Kinofassung (140 Minuten), beide befinden sich auf der hier besprochenen Blu-ray von Concorde Home Entertainment (zudem gibt es einen 148-minütigen Unrated Cut, der jedoch keinerlei nennenswerte Erweiterungen bietet). Der Verleih hatte zum Kinostart singulär für den deutschen Markt die US-Kinofassung um ein paar ruhige Handlungsmomente zurechtgestutzt, das mag zwar das Tempo des Films erhöhen, verleiht den einzelnen Charakteren jedoch deutlich weniger Tiefe. Die hier besprochene (und mit Nachdruck empfohlene) Variante ist daher die US-Kinofassung, da es sich dabei um jene Version handelt, die vom Regisseur entsprechend intendiert war. Erst hier lernt man nämlich im Gegensatz zur deutschen Kinofassung, das Big Nick in einem Scheidungs- und Sorgerechtsstreit mit seiner Ehefrau steckt, was seine eventuell zunächst etwas oberflächlich scheinende Figur deutlich vielschichtiger macht und sein Verhalten in einigen Situationen vielleicht nicht rechtfertigen, so aber doch zumindest erklären kann.

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Die stattliche Laufzeit ist dabei jedoch nichts, was einem Spannungsaufbau irgendwie im Wege stünde und eigentlich tut man „Criminal Squad“ auch ein wenig Unrecht, wenn man ihn als reinen Actionfilm charakterisiert. Es gibt eine Überfallsequenz zu Beginn des Films sowie eine ausführliche und krachende Schießerei am Ende, beide herausragend und mit sehr viel Wucht inszeniert, dazwischen gibt es ein Belagern der beiden Gruppen, die ausführliche Planung auf Seite der Bankräuber, die Durchführung des Raubes, die auch für den Zuschauer mit einigen unerwarteten Wendungen aufzuwarten weiß sowie auf der Seite der nicht immer ganz regelkonform agierenden Gesetzeshüter den Versuch, alle Puzzleteile zusammenzusetzen und vor allem die Gruppe der Gangster zu infiltrieren. Das alles ist, man kann es nicht anders sagen, hochgradig spannend inszeniert, da Regisseur (und Drehbuchautor!) Gudegast immer wieder etwas Neues aus dem Hut zaubert, um die Handlung am Laufen zu halten und das Ganze zudem in extrem elegante Bilder gießt. Der finale Heist (der mindestens eine halbe Stunde des Filmes einnimmt) ist dann schließlich derart raffiniert durchgeplant und ausgeführt, dass man auch als Zuschauer immer wieder überrascht wird, zumal der Film stets genau das richtige Maß an Informationen preisgibt. „Criminal Squad“ sieht aus und fühlt sich an wie aus einem Guss, Stil und Story verschränken sich mustergültig.

Ebenso interessant wie der Film selbst ist auch die Ebene seiner Rezeption. Viel Kritik musste „Criminal Squad“ von Seiten der Filmkritik einstecken, zu viele Männer, zu viel Testosteron, zu viel Machogehabe, das waren die zentralen Vorwürfe. Richtig ist: Es kommen nicht viele Frauenfiguren vor, wobei zumindest auf deutscher Seite dies auch an der zurechtgeschnittenen Kinofassung liegt, die im Gegensatz zur US-Version (wie angedeutet) Big Nicks Frau und seine beiden Töchter komplett außen vor lässt. Richtig ist auch, dass die Protagonisten auf beiden Seiten in der Regel einen enorm großen Bizeps-Umfang haben, mit markigen One-Linern nicht geizen und folglich gewisse Stereotypen vor sich hertragen. Hierzu sei jedoch angefügt, dass es sich trotz eindeutiger Bezugnahmen nicht insofern um einen „Actionfilm alter Schule“ handelt, als dass trotz aller physischen Eindrücklichkeit die Figuren auf beiden Seiten nicht in Richtung von Bodybuilder-quasi-Superhelden wie den 1980er-Jahre-Ausgaben von Sylvester Stallone oder Arnold Schwarzenegger tendieren, sondern schlichtweg kräftige Polizisten und kräftige Bankräuber darstellen, die (ohne das Milieu wirklich zu kennen) vermutlich in dieser Form auch nicht ganz aus der Luft gegriffen sind. Ließ sich die Darstellung von Actionhelden in den 1980er-Jahren eher als eine Form des Übermenschen betrachten (allerdings ohne Nietzscheanische Beiklänge), so handelt es sich bei den Kerlen aus „Criminal Squad“ schlicht um Männer, die nicht zuletzt aus beruflichen bzw. professionellen Gründen wahrscheinlich ein paar Mal öfter trainiert haben als der Durchschnittsbürger. Weder sind ihre (konkreten) Handlungen im Rahmen direkter Auseinandersetzungen besonders unrealistisch in der Form, als dass sie auf einmal in der Innenstadt Geschütze in Form von Raketenwerfern oder Panzerfäusten auffahren würden oder im Alleingang ganze Heerscharen von Gegnern ausschalten, noch werden sie als unzerstörbar dargestellt und könnten unnatürlich viel einstecken (was für die Helden der 1980er wiederum eine Voraussetzung war). Teamwork ist ein wichtiger Bestandteil dieses Films, auch das ein Gegensatz zu den häufigen Einzelkämpfern früherer Dekaden.

Und selbst wenn es sich hierbei um Stereotypen handelt: Das ist in einem Kinofilm vollkommen in Ordnung. Film muss in keiner Weise die Realität abbilden; nicht umsonst wird und wurde Hollywood immer wieder als „Traumfabrik“ bezeichnet (ohne diesen Begriff nun zwingend auf den vorliegenden Film anzuwenden). Die Ironie dabei ist, dass „Criminal Squad“ vermutlich mit der Einbindung weiblicher Charaktere in das Polizisten-, zumindest aber in das Bankräuber-Team nicht einmal zwingend realistischer geworden wäre. Viel Merkwürdiges wurde in dieser Hinsicht in Kritiken zu diesem Film geschrieben (ein interessantes Best-Of findet sich hier beim Kollegen Wolfgang M. Schmitt), doch den Vogel abgeschossen hat die Allgemeine Zeitung. Zitat in (fast) voller Länge: „Denn neben Adrenalin regiert hier vor allem Testosteron und führt dazu, dass sich peinlich aufführende Mega-Machos ironiefrei gegenseitig mit derben Sprüchen an die Gurgel gehen. Und deswegen gibt es in der mit 140 Minuten unnötig langen Männerparty auch nur drei Frauen mit sehr kleinen Sprechrollen. Das ist langweilig und geht heutzutage gar nicht mehr.“ (Quelle: hier). Nun ist es glücklicherweise nicht an einem rheinhessischen Provinzblatt, zu entscheiden, was heute „geht“ und „nicht geht“, aber es sollte einem doch zu denken geben, wenn eine Zeitung indirekt der Meinung ist, dass man im Sinne eines common sense mal kurz den Werkbereich der grundgesetzlich geschützten Kunstfreiheit einschränken könnte. Denn diese bedeutet, dass es auf Seiten des Künstlers bzw. der Künstlerin liegt, wie das Kunstwerk gestaltet ist, mit welchen Mitteln man arbeitet, welche Faktoren man einbindet (und damit außen vor lässt), was man tut und was man nicht tut. Auf Seiten des Wirkbereiches kann man einzelne Kunstwerke (so auch „Criminal Squad“) in der Folge selbstverständlich kritisieren, aber doch bitte mit Gründen, die ihre eigene Definition als solche auch erfüllen.

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Denn warum das „heutzutage gar nicht mehr [geht]“, dies erläutert der zitierte Artikel nicht. Die implizite Bezugnahme auf vermeintlich allgemeine gesellschaftliche Anschauungen scheint zu reichen. Doch wann immer ein common sense zu common wird, besteht zumindest grundlegend die Gefahr, das alles außerhalb davon als „nicht gehend“ gebrandmarkt wird und damit wäre man bei einem autokratischen Verständnis von Kunst angelangt. Kunst braucht den Diskurs, ja; man darf und muss über Kunstwerke diskutieren, in welcher Weise sie welche gesellschaftlichen Facetten aufnehmen und auch beeinflussen können. Aber wenn, um auf den konkreten Fall zurückzukommen, dies darin besteht, lediglich anzuprangern, dass nur „Mega-Machos“ gezeigt werden und kaum Frauenfiguren vorkommen, dann geht dies an der Realität und dem Sinn von Kunst vorbei.

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Die Frage ist dabei weniger, ob der Film schlechter geworden wäre, wenn man auf einer oder auf beiden Seiten eine Frauenfigur hinzugefügt hätte, die ebenfalls gut schießen, prügeln und sich raubeinig unterhalten kann, denn das wäre er bei einer akkuraten dramaturgischen Einbindung vermutlich keinesfalls gewesen. Die Frage ist vielmehr, ob man den Film einfach Film sein lassen kann. Denn „Criminal Squad“ „geht“ ebenso gut wie beispielsweise das „Ghostbusters“-Reboot (2016), in dem die von Chris Hemsworth verkörperte und einzig nennenswerte männliche Figur über weite Strecken des Films einzig dazu da ist, dass sich über sie lustig gemacht werden kann. Beide Filme sind im Sinne eines offenen Kunstverständnisses vollkommen in Ordnung, beides „geht“. Wie man das Einzelne dann findet, bewertet, ggf. kritisiert, das bleibt Sache eines offenen Diskurses, der jedoch in jedem Fall ermöglicht werden und bleiben muss. Natürlich sollte man „Criminal Squad“ nicht als Handlungsanleitung lesen (wofür auch immer), aber genau an dieser Stelle setzt eine Aufgabe von Analyse und (guter) (Film-)Kritik an: die Wirkmechanismen von Kunst aufdecken, sie erläutern, verborgene (und vielleicht auch gar nicht so verborgene) Bedeutungsschichten zum Vorschein bringen, auf Dinge hinweisen, Reflexionsfähigkeit erhöhen. Dann müsste man auch nicht mehr so dermaßen platt und geistlos „argumentieren“, wie es die Allgemeine Zeitung in ihrer Kritik zu „Criminal Squad“ tut. An deren Ende wird noch ein weiterer Holzhammer herausgeholt, der sich auf die eingangs erwähnte Nähe zu Michael Manns Meisterwerk „Heat“ bezieht: „In Anlehnung an einen der größten Klassiker des Genres von Michael Mann aus dem Jahr 1995, in dem Al Pacino und Robert De Niro als gleichwertige Gegenspieler aufeinandertrafen, könnte man aber auch einfach sagen: ‚Criminal Squad‘ ist ‚Heat‘ für Arme.“ Unabhängig von der Frage, was der Finanzstatus der Rezipienten mit ihrem Filmgeschmack zu tun hat und ob sich diese beiden Faktoren überhaupt in einen Topf werfen lassen, kann man dem entgegnen: „Criminal Squad“ ist keinesfalls „Heat“ für Arme. „Criminal Squad“ ist „Criminal Squad“. Und das ist gut so.

Autor: Jakob Larisch

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