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Conjuring 2 (2016) Review

© 2016 WARNER BROS. ENTERTAINMENT INC. AND RATPAC-DUNE ENTERTAINMENT

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James Wan ist seit Jahren ein zumeist sicherer Garant für Box-Office-Hits im Horrorbereich: „Saw“, „Insidious“, „Insidious 2“ sowie „Conjuring“ legen davon eindrucksvoll Zeugnis ab. Weil letztgenannter Film im Jahr 2013 allerdings ein phänomenaler Erfolg gewesen ist (318 Mio. US-Dollar Einspiel weltweit bei gerade einmal 20 Mio. an Produktionskosten) muss natürlich auch zu diesem Hit (neben dem 2014 erschienenen Spin-Off „Annabelle“) ein offizielles Sequel erscheinen. Und zwar getreu dem Motto: Nochmal mehr vom selben, aber diesmal bitte etwas größer! Diese Formel geht allerdings nur bedingt auf – was primär an der Genre-Ausrichtung liegt, denn beim Horrorfilm sind es doch eher die leisen Töne, die zu überzeugen wissen, oder wie seht ihr das?

Der Prolog von „Conjuring 2“ beginnt mit der Aufarbeitung des Amityville-Falles von 1974 durch das Geisterjäger-Ehepaar Lorraine (Vera Farmiga) und Ed Warren (Patrick Wilson) im Jahr 1976 im Staat New York. Lorraine wird der Recap der schrecklichen Ereignisse allerdings zu viel, als sie eine verstörende Vision vom Tod ihres Ehemanns durch eine dämonische Gestalt erhält. Sie lassen den Fall ruhen, die TV-Auftritte laufen auch eher schlecht als recht und so beschließen die beiden auf Drängen Lorraines hin, den paranormalen Kram zumindest im Bereich der Feldforschung erst mal auf Eis zu legen. England, 1977: Die junge Janet Hodgson (grandios: Madison Wolfe), die mit ihren drei Geschwistern (Lauren Esposito, Benjamin Haigh, Patrick McAuley) und ihrer Mom (Frances O’Connor) in der Enfield Road in London lebt, wird von einem ruhelosen Geist heimgesucht und der Terror wird von Mal zu Mal intensiver. Natürlich müssen sich die Wege der Warrens und der Hodgsons im weiteren Verlauf der Handlung irgendwann kreuzen und es entfaltet sich der ultimative Kampf Gut gegen Böse vor den Augen des Publikums, inklusive dämonischer Verschwörung!

© 2016 WARNER BROS. ENTERTAINMENT INC. AND RATPAC-DUNE ENTERTAINMENT

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Nun ja, nach dem Kinobesuch bin ich zwar nicht wirklich enttäuscht, aber doch ein wenig ernüchtert. Dabei hat Wans neues Horrorwerk durchaus viel Gutes zu bieten. „Conjuring 2“ erfindet das Rad jedoch nicht neu und präsentiert daher eher vieles vom Altbewährten, was z.B. bereits in Teil 1 gut funktioniert hat. Die elaborierte Bildgestaltung (John R. Leonetti wurde durch den nicht weniger guten Don Burgess ersetzt) kann erneut getrost als denkwürdigstes Element des Filmes angesehen werden: Lange Kamerafahrten durchs ganze Haus hindurch transportieren das Gefühl konstanter Bedrohung und Angreifbarkeit durch dämonische Unterwanderung von der Leinwand auf den Zuschauer. Auch das Spiel mit dem Zeigen-und-Nicht-Zeigen von Bedrohungen gelingt wunderbar, wenn die Kamera oft ganz nah an den Figuren dran bleibt und somit erst einmal den Bildausschnitt so sehr verengt, dass uns und den Figuren keine Übersicht gewährt wird. Garniert wird das Ganze noch durch ein paar POV- und Top-Shots. Die brillanteste Idee ist jedoch das Gespräch zwischen Ed Warren und dem Geist (Bob Adrian), der immer wieder von Janet Besitz ergreift. Quasi in einer einzigen Einstellung und mit Hilfe unterschiedlicher Schärfebereiche kann sich hier subtiler Horror grandios entfalten.

Natürlich kommt Wans neuester Streifen aber auch nicht ohne die obligatorischen Jump-Scares aus – das geht zwar prinzipiell voll in Ordnung, aber man weiß, dass der Regisseur das auch subtiler und schlicht und ergreifend besser kann. Klar, man zuckt zusammen, wenn die Tonebene schlagartig eskaliert und ja: manchmal arbeitet Wan hier auch entgegen gängiger inszenatorischer Klischees, aber es könnte eben mehr davon geben. Mehr von diesen Momenten, die Klischees unterlaufen und mit der Erwartungshaltung des Zuschauers bis zuletzt spielen, um dann das gesamte Genre um neue Facetten zu erweitern. Wan hat darauf aber meistens einfach keinen Bock – und das ist auch okay so, schmälert allerdings den gruseligen Gesamteindruck. Denn ein richtiges Unwohlsein wird somit fast nie erreicht. „Conjuring 2“ ist dann auch eher Schocker als Grusler und viel zu oft viel zu explizit. Und trotzdem: Das Sequel zum Kinohit von 2013 ist sauber inszeniert, oftmals ultra-effektiv und angereichert mit vielen guten Ideen. Auch das Drehbuch weiß  insbesondere in den leisen Momenten immer wieder wirklich zu überzeugen, gerade wenn es um das typische Horror-Thema der dysfunktionalen Familie geht. Auch der verstärkte Einsatz surrealer Szenen ergänzt das bereits Bekannte um zumindest ein paar neue Facetten. Und der Objekt-Fetischismus des Regisseurs kommt auch hier wieder zum Tragen. Was ich mich allerdings erneut fragen muss: Wie kann es eigentlich sein, dass Kinder im Horrorfilm meistens so cool bleiben? Als kleiner Junge hätte ich mir schon in die Hose gekackt, wenn im Haus nur der Dielenboden gequietscht hätte…

© 2016 WARNER BROS. ENTERTAINMENT INC. AND RATPAC-DUNE ENTERTAINMENT

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Die kitschigen Momente in „Conjuring 2“ schmälern jedoch oftmals den positiven Eindruck, den die leisen, emotionalen Momente des Films hinterlassen haben und wirken somit störend und deplatziert. Und insgesamt muss man einfach festhalten, dass der Film zu lang und zu aufgeplustert daher kommt. Das wird bei einem unfassbar übertrieben und unglaubwürdig erscheinenden narrativen Brückenschlag genauso ersichtlich wie bei den mäßigen CGI-Effekten – trotz der Tatsache, dass diese in einigen Szenen kreativ eingesetzt werden und teilweise sogar wie Stop-Motion anmuten, entfalten sie selten die intendierte horrible Wirkung. Auch einige Deus-Ex-Machina-Momente stören den Gesamteindruck, weil sie tatsächlich dramaturgisch so offensichtlich eingesetzt werden, dass man sich fragt, warum sich der Film trotz Überlänge in solch wichtigen Momenten nicht einfach die nötige Zeit für plausible Übergänge nimmt.

So wirkt Wans neuer Film an etlichen Stellen einfach viel zu groß für das, was er letztendlich sein möchte oder sein sollte. Die intime Geschichte wird zu Gunsten des Spektakels in einen durchaus spannenden Budenzauber verwandelt, der sich zwar letztendlich als spektakuläre, aber nicht wirklich in Erinnerung bleibende Achterbahnfahrt entpuppt. Der Genre-Experte Wan bereichert den Horrorfilm im Endeffekt nur um wenige neue und innovative Elemente. Natürlich muss er nicht jedes Mal ein Wagnis eingehen und etwas noch nie Dagewesenes präsentieren, aber ein Mann seines Formats hat einfach mehr drauf – das hat er schon oft genug bewiesen. Schade, dass er es nur allzu selten zeigt und sich nicht mehr (zu)traut. Nichtsdestoweniger bleibt Wan natürlich im aktuellen US-amerikanischen Genre-Mainstream das Maß aller Dinge. Mehr als 6/10 sind aber leider trotzdem nicht drin.

Und übrigens: Auch dieser Film basiert mal wieder auf wahren Ereignissen, diesmal auf dem paranormalen Fall des sogenannten „Enfield-Poltergeists“ bzw. „Spuks von Enfield.“ Ob’s damals im wahren Leben wohl auch so hart gescheppert hat mit allerlei derartigem Firlefanz? Shit. Me. Not.

Autor: Markus Schu

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