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Cinestrange Filmfestival – Tag 3: „Road to Perdition“ (2015), „Worry Dolls“ (2016) und „The Texas Chainsaw Massacre 2″ (1986)

© Yaser Talebi

© Yaser Talebi

Road to Perdition (Iran 2015)
Dieser Film hat nichts mit dem gleichnamigen Kriminalfilm aus dem Jahre 2002 mit Tom Hanks in der Hauptrolle zu tun, stattdessen beschreiten hier zwei iranische Männer die „Straße in die ewige Verdammnis“. Nachdem sie aus einem verunglückten Auto eine halbe Million US-Dollar stehlen und das Geld verstecken, sehen sie sich nicht nur den Ermittlungen der Polizei ausgesetzt, sondern befinden sich zugleich im Fadenkreuz eines eiskalten Killers, der als einzige von vier Personen den Autounfall überlebt hat und das Geld nun für sich beansprucht. Iranische Filme sind hierzulande nicht sehr oft gesehen, die Story ist jedoch eher konventionell erzählt und inszeniert, so dass das maßgeblich andere geografische Setting letztlich der einzige Faktor ist, welcher den Film von beispielsweise US-amerikanischen Genrekollegen abhebt. Der Handlungsstrang um den Killer ist dabei durchaus interessant, da dieser als eine Art unbesiegbare Unterwelt-Legende gilt, so als hätte Liam Neeson aus „Taken“ / „96 Hours“ die Seiten und das Land gewechselt. Hier vermag der Film ein gewisses Spannungspotenzial zu erarbeiten, da man nie genau weiß, welchen zumeist sadistischen Schritt der sehr überzeugend gespielte Antagonist als nächstes vollzieht, um sein Ziel zu erreichen. Ebenso bringen die Ermittlungen der Polizei immer dann konstruktiv die Story voran, wenn versucht wird, herauszufinden, was an der Unfallstelle passiert ist und um wen es sich eigentlich genau bei dem Killer handelt, der die zwei Protagonisten jagt. Diese beiden sind jedoch ironischerweise das zentrale Problem des Filmes, da der eine ein ewiger Unsympath bleibt und einem als Zuschauer irgendwann nur noch auf die Nerven geht, während der andere, der nach und nach Gewissensbisse aufgrund der begangenen Tat bekommt, zwar schon eher Identitifikationspotenzial bietet, sich dann aber wiederum trotzdem durch nahezu dauerhaft stupides und wenig nachvollziehbares Verhalten auszeichnet. Eine forcierte emotional aufgeladene Backstory und jede Menge pathetischer Sinnsprüche laden den Film obendrein mit völlig überflüssigem Drehbuch-Ballast auf. Recht guter Ansatz, aber sehr holprig umgesetzt. „Road to Perdition“ hat noch keinen deutschen Veröffentlichungstermin und besitzt nicht einmal einen IMDb-Eintrag.
© Worry Dolls Productions

© Worry Dolls Productions

Worry Dolls (Alternativtitel: The Devil’s Dolls, USA 2016)
Worry Dolls stammen aus Guatemala, es sind kleine handgemachte Puppen (siehe obiges Bild), denen Kinder ihre Sorgen erzählen können, um seelischen Ballast abzuwerfen. Um diese tatsächlich existierende magisch-spirituelle Grundidee herum spinnt Regisseur Padraig Reynolds mit seinem programmatisch betitelten Werk nun eine Mischung aus Slasher-, Splatter- und Exorzismusfilm: Vier solcher Puppen gehörten einem jahrelang gejagten Serienkiller und gelangen, als dieser bei seiner Verhaftung erschossen wird, über ein Missverständnis an vier verschiedene Personen, unter anderem an Chloe (Kennedy Brice), die Tochter des in jenem Fall ermittelnden Polizisten Matt (Christopher Wiehl). Mit den Puppen geht jedoch eine merkwürdige Form der Besessenheit einher, welche ihre Träger in einem Rausch ihrer größten Ängste zu brutalen Mördern werden lässt. Hand aufs Herz: „Worry Dolls“ ist ein brillanter Horrorfilm, ebenso straight wie stark inszeniert und enorm spannend von der ersten bis zur letzten Minute. Die Dramaturgie funktioniert ohne jeglichen Schnickschnack: Matt muss die mit den Puppen einhergehenden Mordfälle zunächst in Verbindung miteinander und dann mit seiner Tochter bringen, während er parallel tatsächlich davon überzeugt werden kann, dass es sich hierbei um Vorgänge handelt, die nicht mit einer rationalen Weltsicht zu vereinen sind. Zunächst ist es sehr angenehm, dass Charaktere eines Horrorfilms einmal in der Lage sind, vernünftig zu handeln, wenn es die Situation gebietet. „Worry Dolls“ besitzt keine forciert-künstlich erzeugten retardierenden Momente, in denen Figuren irgendetwas enorm Dummes tun, nur um auf diese Weise verzweifelt die Dramaturgie etwas zu strecken. Auch benötigt Matt, als er sich den Stand der Dinge von einer mit der Situation vertrauten Person erklären lässt, keine fünf Minuten, bis er aufgrund einer sehr überzeugenden Aktion ihrerseits akzeptiert, dass es sich um einen Fluch handelt, der seine Tochter befallen hat, ohne dass das Ganze irgendwie hektisch wirken würde. Stattdessen erspart einem der Film diese immer wieder lästige halbe Stunde, in welcher der Protagonist mit seinem Unglauben den Zuschauer nervt, der es bereits besser weiß, sowie im Anschluss an ein Ereignis, das ihm die Augen öffnet, mit seinen dann korrekten Erklärungsversuchen der Geschehnisse wiederum auf taube Ohren bei seinen pragmatisch-„normalen“ Mitmenschen stößt, während von vornherein klar ist, dass diese ebenfalls irgendwann eines Besseren belehrt werden. So schafft sich „Worry Dolls“ Raum für die konsequente Ausarbeitung der Story und ein permanentes Drehen an der Spannungsschraube, während die jeweiligen Momente, in denen die Puppenbesitzer den Grad an maximaler und damit mörderischer Besessenheit erreichen, herausragende Einzelszenen darstellen, die auch dann noch spannend sind, wenn bereits klar ist, wie der Hase läuft, da sie stets aufs Neue kreativ und erfindungsreich in Szene gesetzt werden. Durch diesen Wechsel zwischen den Nachforschungen von Matt und der Darstellung der Wege, welche die einzelnen Worry Dolls genommen haben, baut sich ein packender Rhythmus auf, der in einem zwar recht konventionellen, aber nichtsdestotrotz schlüssigen und kohärenten Finale mündet. Der Film ist darüber hinaus in einigen Momenten sehr blutig inszeniert (wodurch Splatter-Fans auf ihre Kosten kommen), was jedoch keinesfalls selbstzweckhaft daherkommt, sondern schlicht die gezeigte Gewalt mit der erzählten Gewalt synchronisiert und der okkult angehauchten Story einen Grad an zynischem Realismus verleiht. Obacht: Abspannszene, die eine gewisse Signifikanz aufweist! Ein deutscher Veröffentlichungstermin ist derzeit nicht bekannt, wäre bei einem derart grandiosen Film allerdings Pflicht.
© Turbine Medien

© MGM / Turbine Medien

The Texas Chainsaw Massacre 2 (USA 1986; Retrospektive)
Diese Fortsetzung eines der wohl einflussreichsten Horrofilme aller Zeiten, „The Texas Chainsaw Massacre“ (1974), fristete ebenso wie der erste Teil in Deutschland lange Zeit ein Dasein auf der Liste der aus strafrechtlichen Gründen wegen Gewaltdarstellung verbotenen Filme. Nachdem das Potsdamer DVD-Label Turbine Medien sich mehrere Jahre durch diverse Gerichte geklagt hatte, um das 1974er-Original hierzulande in seiner ungeschnittenen Fassung legal sowie mit Altersfreigabe verfügbar zu machen, was schlussendlich von Erfolg gekrönt war, nahm man sich nun die ebenfalls von Tobe Hooper inszenierte Fortsetzung vor und erreichte auch hier die Aufhebung der Beschlagnahme; an der Streichung vom Index der jugendgefährdenden Medien wird gerade gearbeitet. „The Texas Chainsaw Massacre 2″ schlägt dabei einen komplett anderen Grundton an als das grandiose dreckig-fies-nihilistische Original. Er ist vielmehr eine quasi satirische Auseinandersetzung mit seinem Vorgänger, ein anarchisch-durchgeknallter Film, in welchem Tobe Hooper alle Register inszenatorischer Abgedrehtheit zieht und sein merklich höheres Budget vollkommen ausnutzt. Dennis Hopper ist der Onkel eines der im ersten Teil umgekommenen Jugendlichen, welcher aus Rache die Familie von Leatherface jagt, ebenfalls eine Rolle spielt die Radiomoderatorin Stretch (Caroline Williams), welche per Telefon akustische Zeugin eines Mordes von Leatherface und dessen Bruder Chop-Top (Bill Moseley) wird. Speziell das etwa halbstündige Finale, in welchem Stretch von der degenerierten Familie gefangen genommen wird und Dennis Hopper ihr mit drei (!) Kettensägen zu Hilfe eilt, ist vom Produktionsdesign bis zur Inszenierung derart kreativ-irrsinnig gestaltet, dass man sich mehrfach fragt, was bei den Beteiligten wohl vorher für Suchtmittel im Umlauf waren. „The Texas Chainsaw Massacre 2″ ist vollkommen überdreht, sehr unterhaltsam und feierte auf dem Cinestrange Filmfestival seine Rückkehr auf die große Leinwand.

Autor: Jakob Larisch

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