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Cinderella (2015) Review

© Disney

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Nun hat sich Disney wohl vorgenommen, zu jedem seiner Zeichentrick-Klassiker ein zusätzliches Realfilm-Pendant zu realisieren. Angefangen hat der Trend mit der Tim-Burton-Version von „Alice im Wunderland“, letztes Jahr folgte der dem Dornröschen-Märchen entsprungene „Maleficent“, und dieses Jahr feierte schließlich die Neuauflage von Aschenputtel auf der Berlinale ihre Premiere. Diese „Cinderella“ von Kenneth Brannagh hält sich stilistisch wie inhaltlich so sklavisch an ihre geistige Mutter aus den 1950er-Jahren, dass der Beweggrund für eine neue Adaption abseits der Lizenz zum Gelddrucken schleierhaft bleibt.

Der Inhalt des Märchens dürften hinlänglich bekannt sein, und verläuft auch hier entlang dieser Stationen: Cinderella (Lily James) lebt in einer glücklichen Familie, bis die Mutter eines Tages stirbt. Der Vater sucht sich eine neue Frau mit zwei Kindern, verschwindet dann auch von der Bildfläche, woraufhin die außerordentlich böse Stiefmutter (Cate Blanchett, die wieder allen die Show stiehlt) mit ihren Töchtern das Haus übernimmt und Cinderella zur Dienstmagd degradiert. Der Prinz des Königreiches (Robb Stark) veranstaltet einen Ball, Cinderella nimmt über Umwege dort teil, sie verlieben sich, verlieren sich, und der Prinz setzt alle Mittel in Bewegung, um seine Angebetete ausfindig zu machen.

Das klingt, als wäre es schon hunderte Male durchgekaut worden und ist es auch tatsächlich. Während „Alice im Wunderland“, im Gegensatz zum Zeichentrickfilm, den gesamten von Lewis Carroll geschaffenen Kosmos verarbeitet und bei „Maleficent“ versucht wurde, die titelgebende Figur neu zu erschließen, um eine alternative Perspektive auf das Märchen zu ermöglichen, wird hier konventionell dem Verlauf des Märchens und des Disney-Originals Folge geleistet. Dass Märchen selten neu erzählt werden, ist man gewöhnt, schließlich erscheinen jedes Jahr zahlreiche werkgetreue Adaptionen in Kino und Fernsehen, unverständlicherweise fühlt sich der Film trotz der realen Schauspieler und (mehr oder weniger) realen Schauplätze sehr „cartoonig“ an. Die visuellen Gags, die Figuren der bösen Stiefmutter und der guten Fee (Helena Bonham Carter) agieren genauso überzeichnet wie Zeichentrickfilme es erwarten lassen. Wozu eine Realfilm-Adaption, wenn sich die eingesetzten Stilmittel kaum der gezeichneten Vorbilder entheben?

© Disney

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Schauplätze und Ausstattung verhalten sich diametral zu dem Effekt, der normalerweise durch Schauspieler im Gegensatz zu künstlichen Figuren erzielt werden kann: Anstatt die Barriere der irrealen Welt zu demontieren und den Zuschauer in ein real wirkendes Königreich zu ziehen, feuert der Film von der ersten bis zur letzten Sekunde der 105 Minuten eine wahnsinnig künstlich anmutende Überfrachtung mit Eyecandys jeglicher Art auf das Publikum. Alles glänzt, leuchtet, erstrahlt in brillanten Farben. Anfangs überwältigend, bemerkt man schnell den stark artifiziellen Gehalt dieser Gestaltung. Weil es an Substanz fehlt, beziehungsweise die vorhandene Substanz weitläufig bekannt ist, muss mit übergroßem Pomp kompensiert werden. Wenig verwunderlich, dass der hohe Kitschfaktor ebenfalls mit beeindruckender Konsequenz durchgehalten wird.

Ironischerweise ist das Gesamtergebnis dadurch in all seinen inhaltlichen und stilistischen Entscheidungen in sich zumindest stimmig. Gleichzeitig hat dies zur Folge, dass der Film auch nur auf dieser Ebene funktioniert: Es fällt schwer, diesen recht naiven Ansatz zu genießen, geht man selbst nicht ebenso naiv an das Werk heran. Für kleinere Kinder, zugegebenermaßen die Zielgruppe, wird „Cinderella“ ein wunderbarer Kinobesuch sein, für die erwachsene Begleitung dürfte das Werk eher ermüdend wirken. Es verlässt sich zu sehr auf die verzaubernde Kraft der Vorlage, fügt ihr erschreckend wenig Neues hinzu – eine „remastered“-Ausgabe des Originals hätte es vermutlich auch getan. Disney zeigt sonst, vor allem durch sein Pixar Studio, wie man kindgerechte und durchaus reife, erwachsene Geschichten miteinander verbindet. Mit „Cinderella“ konnte dieser Ansatz leider nicht gelingen.

Autor: Roman Widera

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