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Cake (2014) Review

© Warner Bros.

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Rachel goes Oscar? Nach jahrelanger Präsenz in mehr oder minder interessanten, jedoch meist recht erfolgreichen RomComs war man im letzten Winter ziemlich überrascht, plötzlich Jennifer Aniston neben gesetzteren Namen wie Julianne Moore im Rennen um die großen Darsteller-Awards zu sehen. Eine Nominierung für den Golden Globe war drin, für eine Erwähnung bei den Academy Awards hat es für „Cake“ dann doch nicht gereicht und die Leistung von Aniston geriet zügig in Vergessenheit. Dass der Film in Deutschland im April startet, zwei Monate nach den wichtigen Verleihungen, schadet der kollektiven Wahrnehmung zusätzlich. Ein durchaus solides Charakterdrama, das hier vermutlich vor dürftig besetzten Kinosälen gezeigt werden wird.

„Cake“ lässt sich Zeit, um dem Zuschauer ein umfassendes Bild der Situation um die verbitterte Claire zu liefern. Er beginnt mit ihrer Teilnahme an einer Selbsthilfegruppe. Ihr Gesicht ist verhärtet, ihr Körper mit nur langsam verheilenden Narben übersät, ihre Kommentare sind kalt und zynisch, wenn überhaupt lässt sie Menschen nur noch auf rein körperlicher Ebene an sich heran. Einen Großteil ihrer Zeit verbringt sie verspannt liegend, wenn sie mit im Auto mit heruntergelassenem Sitz transportiert wird oder in ihrem Bett. Die Umstände klären sich in den folgenden 102 Minuten – simultan erfahren wir, warum Claire gefallen ist und beobachten, wie sie versucht, wieder aufzustehen. 

Dabei helfen ihr ein recht namhafter Cast, auch wenn diese Namen, abgesehen von Adriana Barraza, nicht unbedingt mit schwerer Dramenkost assoziiert werden. Barrazza hat nach Aniston den größten Anteil der Screentime, als Haushälterin und (versuchende) Seelsorgerin. Dazu gesellen sich Anna Kendrick als Halluzination eines verstorbenen Mitglieds von Claires Selbsthilfegruppe, sowie Sam Worthington, deren Ehemann, den Claire im Mittelteil trifft. Tatsächlich lässt sich aus dieser Konstellation – depressive Frau trifft Witwer – schon ein großer Teil der Handlung vorhersehen, leider gibt sich „Cake“ auch nicht viel Mühe, diesen sehr abgedroschenen Dramen-Topos mit Überraschungen zu kaschieren. Das stört nicht zu sehr, die Konzentration liegt offensichtlich darauf, Frau Aniston möglichst viele Gelegenheiten zu geben, ihr dramatisches Schauspiel unter Beweis zu stellen. Dass die Oscarnominierung verwehrt blieb, mag aber unter anderem an der äußert gewöhnlichen Plotstruktur liegen. 

Abseits von Inhalt und Schauspiel lässt sich die Produktion mit einem Wort beschreiben: solide. Kamera und Schnitt verhalten sich so, wie es das Sujet erwarten lässt, nur in seltenen Momenten streng komponiert, mit vielen Versuchen, nah an den Gesichtern der Akteure zu bleiben. Das ist nicht sonderlich innovativ, fügt sich aber wenigstens in die ziemlich (ironischerweise trotz mehrfacher Traumsequenzen) illusionsfreie und unaufgeregte Atmosphäre ein. Durchbrochen wird das Ganze in manchen Momenten durch interessante Zwischenschnitte von Suizid-Momenten oder den Halluzinationen davon, die in diesem recht ruhigen Kontext eines Charakterdramas beinahe wie Schockmomente wirken, und auch so in die Handlung gewoben sind.

So bleibt die Antwort auf die Frage, warum man sich trotz der Auszeichnungsarmut dieses auf Auszeichnungen geeichte Werk anschauen sollte: die Leistung von Jennifer Aniston. Unabhängig davon, ob man Kritiker oder Fan ihres Werkes ist, in einer solchen Verfassung, mit einer derart kraftvollen Performance hat man sie lange nicht gesehen. Da ihr der Film gehört und es auch minimal kurze Momente gibt, in denen sie nicht die Leinwand einnimmt, rechtfertigt diese Leistung schon die Sichtung von „Cake“. Dass man den Film mit seinem Handlungsgerüst in all dieser Fülle an guten Charakter- und Schicksalsdramen um die Award-Season herum schnell vergessen hat, verwundert nicht, dazu ist er zu berechenbar. Das Schauspiel von Jennifer Aniston wird dem Zuschauer noch für eine Weile im Kopf bleiben, diese Leistung ist zu unrecht untergegangen.

Autor: Roman Widera

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