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Café Belgica (2016) Review

© Pandora Film

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In den einzelnen Filmlandschaften Europas zählt das belgische Kino nicht unbedingt zu den bekanntesten Größen. Während Beispiele zum Kino Deutschlands, Frankreichs oder Italiens den meisten wahrscheinlich schnell auf der Hand liegen, werden viele wohl erst einmal stutzen, wenn es um die Benelux Länder geht. Liebhabern werden vielleicht einige Klassiker ins Gedächtnis schießen wie die Skandalroman-Verfilmung „Ex Drummer“ oder Rémy Belvaux‘ bitterböse Mockumentary „Mann beißt Hund“, dessen Hauptdasteller Benoît Poelvoorde einen der bekanntesten Namen Belgiens darstellt. Sonstige (Co-)Produktionen wie die Giallo-Reminiszenz „Amer“, „Bullhead“ „Zwei Nächte sind kein Tag“ oder Gaspar Noes „Love“ lassen sich auch eher in Richtung des anspruchsvollen und skurrilen Kinos einordnen. Es ist also kaum überraschend, dass der belgische Film an sich vielleicht nicht den größten Bekanntheitsgrad besitzt, denn die wenigsten dieser Beispiele sind massen- oder gar familientauglich. Ausnahmen bilden vielleicht Komödien wie „Das brandneue Testament“ (ebenfalls mit Benoît Poelvoorde), aber der Großteil wird doch eher in den Programmkinos „untergehen“.

Diese Tradition wird fortgesetzt mit „Café Belgica“ des flämischen Regisseurs Felix van Groeningen (nicht einmal einen deutschen Wikipedia-Eintrag gibt es dazu). Mit seinem Durchbruch „The Broken Circle“ im Jahr 2009 sicherte er sich in Cannes positive Stimmen und gewann einen Publikumspreis auf der Berlinale. „Café Belgica“ ist nunmehr sein fünfter Langspielfilm, der auf dem Sundance Filmfestival 2016 den „Best Director, World Cinema Dramatic Section“-Preis ergattern konnte.

Zentrale Figuren der Handlung sind die Brüder Jo und Frank, die eigentlich gar nichts gemein haben. Frank ist energetisch, übergreifend und zusehends leichtsinniger. Er lebt mittlerweile ländlich mit seiner jungen Familie, der er recht wenig Aufmerksamkeit schenkt. Jo dagegen ist schüchtern, ruhiger und deutlich empathischer. Dass sich ihre Wege mit der Zeit getrennt haben, ist nicht weiter verwunderlich, aber als Jo die Gelegenheit bekommt, seine eigene Bar zu leiten, steht Frank prompt wieder an seiner Schwelle. Hier beginnt die Story des titelgebenden Café Belgica; das gemeinsame Kind der entfremdeten Brüder und die letztliche Chance für die Wiedervereinigung. Eine Geschichte um die üblichen Verdächtigen: Liebe und Hass, Idealismus und Korruption, Aufstieg und Fall und zu guter Letzt eine große Prise Kokain.

© Pandora Film

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Schon im Trailer war zu erkennen, wovon „Café Belgica“ lebt. Denn die dritte zentrale Figur ist die Musik. Die diversen Auftritte sind galant und einnehmend inszeniert; sie verwandeln den jungen Club in die im Film benannte „Arche Noah der Feiernden“. Viel Zeit und Mühe wurde dem Soundtrack und seiner Inszenierung geschenkt und das ist merklich zu spüren. Kamera und Lichtsetzung lassen die Acts auf der Leinwand in unmittelbarer Lebendigkeit erstrahlen. Generell lässt sich audiovisuell am Film sehr wenig mäkeln. Auch die Darsteller, besonders die Hauptrollen, sind absolut einwandfrei und passen sich nahtlos in die Welt des Café Belgica ein. Das größte Problem ist die eigentliche Handlung des Films, denn sie ist schlichtweg zu bekannt. Die idealistische Geburt des städtischen Clubs und das absehbare Scheitern durch die Differenzen und Ignoranz des Brüderpaares ist eine Geschichte, die schon mehrmals auf einer Leinwand zu sehen war. Man braucht sich nur an Martin Scorseses „Casino“ zurückzuerinnern und hat damit schon alle Seherfahrung, die genügt, um vorherzusagen, wie „Café Belgica“ zu Ende geht. Natürlich befindet man sich in einem komplett anderen Metier, aber die so kompetent inszenierte Clubgeschichte hält leider zu wenige Überraschungen parat. Gegen Ende spitzen sich die Ereignisse immer weiter zu, Eskapaden und Streits geben sich fast im Minutentakt die Klinke in die Hand und von der Mühe, die sich für den Aufbau und die Musik genommen wurde, ist hier nicht mehr viel zu spüren. Leider fällt es dem Film damit schwer, über seine doch recht langen 127 Minuten völlig bei der Stange zu halten und man wird ihn letztlich schneller vergessen haben, als man es anfangs erwarten würde.

© Pandora Film

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Denn am Ende bleibt es ein sehr gut inszenierter und eigentlich auch ambitionierter Film über die junge Clubszene (schließlich ist das Café Belgica in den Grundzügen auch einem echten Club nachempfunden), der sich viel aufbaut, aber schließlich wie das Belgica selbst der Last nicht standhält, recht schnell in sich zerfällt und zu wenig Innovationen in der Story bereithält, um seiner Inszenierung gerecht zu werden. Auswahl und Umsetzung der Musik sollte dabei aber noch einmal lobend erwähnt werden und wer nach einer immersiven Musikerfahrung sucht, könnte mit „Café Belgica“ durchaus seine Freude haben. Es reicht aber vielleicht auch, sich den Soundtrack auf CD ins Regal zu stellen.

Die DVD kommt mit wenigen Finessen daher, beinhaltet auch fast keine Extras.

Autor: Janosch Steinel

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