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Burning (2018/2019) Review

© capelight pictures

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Im (populären) südkoreanischen Kino scheint es ein gewisses Klassenbewusstsein zu geben, immer wieder tauchen soziale Unterschiede auf, werden thematisiert, seziert, kritisch hinterfragt in Filmen wie „Snowpiercer“ oder jüngst „Parasite“ von Bong Joon-ho, in „Die Taschendiebin“ von Park Chan-wook oder in „Burning“ von Lee Chang-dong. Letzterer ist wohl der Rätselhafteste unter den Genannten, ein Thriller, der Fragen stellt, aber kaum Antworten gibt, der sich viel Zeit nimmt, ein genaues Bild seiner Figuren zu zeichnen, dann aber doch eigentlich nichts über sie verrät.

Drei Charaktere bilden die Basis für „Burning“: zum einen Yongsu (Yoo Ah-in), der sich mit Gelegenheitsjobs mehr schlecht als recht seinen Lebensunterhalt verdient, daneben seine alte Klassenkameradin Haemi (Joen Jong-seo), die er eines Tages zufällig wiedertrifft und zum Dritten Ben (Steven Yeun), den Haemi auf einer Reise nach Afrika kennenlernt und gegen den Yongsu gewisse Aversionen hegt; sei es aus Eifersucht, da Haemi unverhohlen Interesse an Ben zeigt; sei es aufgrund der Tatsache, dass die beiden Männer aus völlig unterschiedlichen gesellschaftlichen Schichten kommen. Ben ist ein ambivalenter Charakter, er ist emotional zurückhaltend, trägt seinen Reichtum, dessen Quelle nie ganz erläutert wird, teils nach außen (so besitzt er ein Penthouse und einen Sportwagen), ist allerdings kein protziger Angeber. Es ist dieses Zurückhaltende, dieses Unterkühlte, verbunden mit einem gewissen Interesse an Yongsu und dessen Versuchen, ein Romanautor zu werden (wobei ebenfalls nie ganz klar wird, ob Bens Interesse ehrlich oder vorgetäuscht ist), das ihn zu einer uneindeutigen Figur macht. Zumal er Yongsu irgendwann eröffnet, dass er in seiner Freizeit gern Gewächshäuser abbrennt. Und dann verschwindet Haemi.

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Erinnerungen an Michelangelo Antonionis „L’avventura“ (deutscher Titel: „Die mit der Liebe spielen“, 1960) werden wach: Auch dort verschwindet eine Frau (Lea Massari), zunächst wird nach ihr gesucht, doch über den Verlauf des Filmes rückt die Suche zunehmend in den Hintergrund und der Film fokussiert sich auf das Verhältnis der restlichen Charaktere. Auch in „Burning“ wird nicht aufgelöst, was mit Haemi passiert ist, es gibt Andeutungen und Ideen, die Yongsu auf seiner Suche nach ihr sammelt, er findet Indizien, doch fehlen ihm Beweise. Gleichwohl geht es dem Film nicht darum, dieses Rätsel aufzulösen, er ist eher daran interessiert, wie die beiden jungen Männer mit der Situation umgehen, wie sie in der Folge auch miteinander umgehen, weniger, wie es eigentlich zu dieser Situation kam. Die Frage nach dem sehr zweifelhaften Hobby von Ben wird ebenfalls nie genau erörtert: Yongsu fährt einige Tage lang wie besessen alle Gewächshäuser in seiner näheren Umgebung ab, nachdem Ben ankündigt, er habe sich eines davon ausgesucht, um es abzubrennen, doch alle bleiben intakt. Mehrere Mysterien werden lanciert, aber nicht gelöst: Ist Haemi als Kind wirklich in einen Brunnen gefallen und wurde von Jongsu gerettet? Einige Figuren sind davon überzeugt, doch gab es offensichtlich in ihrer Nachbarschaft nie einen Brunnen. Besitzt Haemi tatsächlich ein Katze, auf die sie Jongsu bittet, während ihrer Reise nach Afrika aufzupassen? Man bekommt nie eine Katze zu Gesicht. Erst in einem anderen Kontext, dort könnte sie ein Schlüssel zum Haemis Verschwinden sein. Oder auch nicht.

So geheimnisvoll, wie der letzte Absatz klingen mag, stellt sich teils auch der Film seinem Publikum gegenüber. „Burning“ ist zwar keine fragmentarische Zusammensetzung einzelner Momente, sondern fokussiert sich durchaus auf seine drei und später zwei Hauptfiguren. Doch alles, was darüber hinausgeht, wird mit der Zeit außen vor gelassen. Er ist eine Charakterstudie und letztlich kein Kriminalfilm. Hierbei kommt das eingangs angesprochene Klassenbewusstsein zum Tragen. Ben und Yongsu könnten ökonomisch kaum unterschiedlicher situiert sein, was zumindest aufseiten von Yongsu eine Quelle des Misstrauens darstellt. Ben hingegen scheint vollkommen in sich ruhend und es geht eine latente Arroganz mit dieser Haltung einher, was seine Figur meist einer gewissen Distanziertheit wie auch Distanzierung unterwirft. Konsequenterweise nimmt man den vollständigen Film über Yongsus Perspektive auf die Dinge ein und es ist auch diese Perspektive, aus der sich einige der angesprochenen Rätsel erst ergeben. Die Gespräche der Charaktere sind dabei nie offen, nie ehrlich, stets schafft es Regisseur Lee, Dialogsituationen eine gewisse Uneindeutigkeit zu verleihen, immer hat man das Gefühl, es könnte jeden Moment etwas passieren, es sei letztlich alles möglich. Es ist diese Uneindeutigkeit, die inszenatorisch nur schwer zu greifen ist, welche zu weiten Teilen die ganz eigene Dynamik des Filmes generiert, dabei auch über einige wenige dramaturgische Längen hinweghilft und „Burning“ in seiner Rätselhaftigkeit zu einer faszinierenden und zudem dauerhaft äußerst elegant gefilmten Collage macht.

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Die Edition: „Burning“ erschien kürzlich von capelight pictures in ihrer bekannten Mediabook-Reihe (daneben wird allerdings auch eine Standard-DVD sowie Standard-Blu-ray angeboten). Ganz im Geiste ihrer Veröffentlichungen der Filme von Takeshi Kitano ist zudem ein Bonusfilm enthalten, ein Frühwerk des Regisseurs Lee Chang-dong, „Peppermint Candy“ aus dem Jahr 2000 (Kritik folgt), so dass sich eine 4-Disc-Edition ergibt: UHD-Blu-ray, Blu-ray, DVD und Bonusfilm (auf Blu-ray!) Als Bonusmaterial gibt es ein Making-Of, ein leider sehr kurzes Featurette über die Hauptdarsteller, mehrere Trailer sowie ein Booklet mit einem Text von Lukas Barwenczik und einen Interview mit dem Regisseur.

Autor: Jakob Larisch

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