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Das Geheimnis von Kells (2009) Review

In der Kategorie „Bester Animationsfilm“ waren bei der 82. Oscarverleihung im März 2010 die Disney/ Pixar-Produktion „Oben“, Disneys „Küss den Frosch“, 20th Century Fox’ „Der fantastische Mr. Fox“ und Focus Features’ „Coraline“ nominiert. Also ein computeranimierter Film, ein klassischer Zeichentrickfilm und zwei Stop Motion Werke, eines mit Puppen und eines mit Knetfiguren. Aber Moment mal… Da fehlt doch noch ein Film… Es dürfen ja schließlich maximal fünf Filme nominiert werden und in dem betreffenden Kinojahr war dies sogar der Fall. Die Rede ist von der europäischen Produktion „Das Geheimnis von Kells“, welche es zwar heimlich, still und leise, aber völlig zurecht unter die damaligen Nominierten geschafft hatte. Dass es das sympathische Werk, welches als Co-Produktion von gleich drei europäischen Ländern entstanden ist (Irland, Frankreich, Belgien), bei dieser Konkurrenz nicht leicht haben würde, war bereits von Anfang an klar. Pixar und Disney locken allein durch ihre Reputation genügend Zuschauer ins Kino, „Coraline“ basiert auf einem Kinderbuch von Neil Gaiman und „Mr. Fox“ auf einem von Roald Dahl, insofern war es schon fast absehbar, dass die kleine europäische Produktion allein aufgrund ihres geringeren Bekanntheitsgrades fast chancenlos gegen die übermächtige Konkurrenz dastehen würde. Doch in gewisser Weise ehrt es die Academy, das Werk überhaupt mit einer Nominierung bedacht zu haben. Wie zu erwarten ging der Oscar dann auch an „Oben“ und „Das Geheimnis von Kells“ drohte in Vergessenheit zu geraten… Doch nun wird endlich auch das deutsche Publikum mit einem Release des Animations-Kleinods bedacht, das es nun über zweieinhalb Jahre nach dem amerikanischen Kinostart in die hiesigen Videotheken geschafft hat und ab dem 23. Oktober auch im Handel erhältlich sein wird.

„Das Geheimnis von Kells“ spielt im mittelalterlichen Irland und erzählt die Geschichte vom kleinen Brendan, der in einem Dorf inmitten eines Waldes lebt. Brendans Onkel Cellach ist der Abt der zentral gelegenen Abtei und regelt das Leben der Gemeinschaft. Auf seinen Rat hin und mit tatkräftiger Mitarbeit der Bewohner, lässt er das Dorf von einer riesigen steinernen Mauer umzäunen, um die im Umland plündernden Wikingerhorden von einem Raubzug in seinem geliebten Heimatort abzuhalten. Eines Tages jedoch trifft der weise Mönch Aidan im Dorf ein und bittet um Zuflucht, die dem berühmten Buch-Illustrator auch sofort gewährt wird. Gemeinsam mit seiner treuen Katze Pangur Bán ist er der einzige Überlebende eines Überfalls der Nordmänner auf die Insel Iona, auf welcher er gelebt und gearbeitet hatte. Im Gepäck hat er das berühmte Buch von Iona, welches vor allem das Interesse des künstlerisch talentierten Brendan weckt. Nach und nach erkennt Aiden das große (kreative) Potenzial, das in Brendan steckt und ermutigt den Jungen, zum ersten Mal in seinem Leben die Mauern des Dorfes zu verlassen, um seinen eigenen Horizont zu erweitern und Beeren zur Herstellung von Tinte zu sammeln. Im Wald begegnet Brendan dann der Fee Aisling, die sich als Hüterin des Waldes entpuppt und ihm hilft, die Beeren zu finden. Der Beginn einer abenteuerlichen Geschichte, in deren Verlauf der kleine Junge seinen eigenen Mut und sein künstlerisches Talent entdeckt, um den Menschen das zu geben, was sie am dringendsten benötigen: Hoffnung.

Prunkstück des Zeichentrickfilms ist mit Sicherheit sein eigenwilliger Stil. Dieser ist zwar durchaus gewöhnungsbedürftig und man sollte sich daher anhand des unten stehenden Trailers unbedingt vor dem Betrachten des Films bereits ein Bild von dessen künstlerischer Umsetzung gemacht haben, aber nichtsdestoweniger ist die visuelle Gestaltung des Films als wunderschön zu bezeichnen. Von mittelalterlichen Buchillustrationen (das „Book of Kells“ gibt es tatsächlich) und demnach auch von traditionellen keltischen Knotenmustern inspiriert, gestaltet sich „Kells“ als detailverliebte, meisterliche Animationskunst, die den Blick für das Kleine und Unscheinbare schärft und vermittelt. Überhaupt ist die Besinnung auf die eigenen Traditionen und gerade die irische (künstlerische) Identität ein zentraler Punkt des Films, auf den besonderes Augenmerk gelegt worden ist. Der Old-School-Zeichentrickstil wurde bewusst gewählt, um der Schönheit der mittelalterlichen Zeichenkunst ein Denkmal zu setzen und steht dem Film wundervoll zu Gesicht. So ist es eben auch dieser Ausrichtung zu verdanken, dass „Kells“ nicht ins Religiöse abdriftet. Die Geschichte spielt zwar in einer christlichen Gemeinschaft, doch das zentrale Augenmerk bleibt stets auf den Bildern und nicht auf der zu illustrierenden Schrift. Es ist dem Traditionsbewusstsein geschuldet, dass die Geschichte rund um ein mittelalterliches Skriptorium spielt, ohne jedoch dem Zuschauer religiösen Ballast aufzudrücken, was sich als großer Verdienst des Films herausstellt. Es wird eben auf den kleinsten gemeinsamen Nenner aller Religionen verwiesen, nämlich auf den, den Menschen Hoffnung und Trost zu schenken in Zeiten von Gewalt und Trauer. Doch auch der keltische Naturglaube findet in zahlreichen mythischen Elementen seinen Ausdruck, unter anderem in der liebenswürdigen Fee Aisling, die Brendan im Laufe des Films stets treu zur Seite steht. Doch auch die anderen Bewohner wurden liebenswert und sympathisch gezeichnet, die Wikinger jedoch, welche die Antagonisten des Films darstellen, wurden als homogene, barbarische Masse in Szene gesetzt.

Die brutalen Feinde der friedfertigen Gemeinschaft sind es dann auch, die dem Film seinen so wichtigen dramaturgischen und emotionalen Unterbau verschaffen. Trotz der Befestigung des Ortes durch die Steinmauer gelingt es der Gemeinde nicht, sich vor den gewalttätigen Attacken der Nordmänner zu schützen. Ja, in „Kells“ gibt es auch Mord und Totschlag und selten ließ mich ein Zeichentrickfilm eine solche Gänsehaut verspüren, wie beim Überfall der Wikinger auf das Dorf, bei welchem diese vor nichts und niemandem Halt machen. Der Abt gerät dann auch noch zur tragischen Figur: alles, was er wollte, war die Menschen vor eben jenen Übergriffen zu schützen, doch er hat versagt und ließ sich zuvor nicht eines besseren belehren, als Freunde ihm rieten, mit allen aus dem Dorf zu flüchten. In diesen Momenten entfaltet der Film seine größte Stärke, denn er mahnt die Menschen zur Vergebung, Gewaltlosigkeit und Friedfertigkeit im Umgang miteinander. Die Dorfbewohner wehren sich nicht, sie ertragen es und viele müssen den Tod erleiden. Sie haben einen Fehler gemacht, denn sie hätten zuvor fliehen können, doch der Abt hat sie im Endeffekt fehlgeleitet. Jedoch legt ihm niemand sein Scheitern zur Last, kein Wort der Wut und des Hasses kommt über die Lippen der Menschen. Allen wohnt ein tiefes Vertrauen darauf inne, dass die schlimmen Zeiten irgendwann enden mögen und die Hoffnung das Dunkel vertreibt. Aus all diesen Gründen ist „Kells“ ein ungemein wichtiger und erwachsener Zeichentrickfilm geworden, der sich mit seinem Plädoyer für Mut, Freundschaft, ein gewaltfreies Miteinander und das Bewahren und Erkennen der Schönheit der Natur und der Kunst, welche den Menschen zudem noch Hoffnung bietet, seinen Platz im Kanon der Trickfilmklassiker hochverdient hat.

Die gelungene Musik(, bei welcher ein wundervolles von Aisling gesungenes Lied, das die englische und irische Sprache miteinander vermischt und so wiederum auf die eigene kulturelle Identität Bezug nimmt, besonders hervorsticht), die mythischen Elemente der Erzählung und die Botschaft des Films lassen ihn aus der Masse der Animationsfilme herausragen. Anzukreiden ist dem Film von Tomm Moore hierbei lediglich die allzu profane Verteufelung der brutalen und gesichtslosen Wikinger, die der Film allerdings benötigt, um seine Moral an den Mann zu bringen. Da der Film ein ums andere Mal arg düster, gruselig und brutal geraten ist (was die Geschichte aber in dieser Art und Weise auch unbedingt notwendig hat), ist er den kleinsten Zeichentrickfans nur bedingt zu empfehlen. Eine Freigabe ab bereits 6 Jahren scheint mir persönlich doch etwas zu krass zu sein.

Das mit einigen wundervollen Einfällen (wie z.B. die Rahmung der Handlung durch Balken am oberen und unteren Bildrand, die das Bild somit optisch einer Buchseite ähneln lässt; der Kampf mit einem schlangenähnlichen Monster, den Brendan mit Hilfe von Kreide für sich entscheidet; oder auch die Idee, den Tod eines liebgewonnenen Charakters dadurch zu vermitteln, dass seine Fußspuren im Sand weggespült werden, während die seiner Freunde noch erkennbar bleiben), einem unverbrauchten Setting, einem eigenwilligen Stil und großartigen Nebencharakteren aufwartende Animationswerk „Das Geheimnis von Kells“ lege ich an dieser Stelle ausdrücklich jedem Trickfilmfreund ans Herz. Eindrucksvoll stellen die Macher mit ihrem für einen Oscar nominierten Film unter Beweis, dass auch Animationsfilme made in Europe vom kreativen Standpunkt aus gesehen international mehr als konkurrenzfähig sind. Entscheidet ihr euch also, dem eigenwilligen Werk eine Chance zu geben, so stehen euch 75 Minuten fast perfekte Zeichentrickunterhaltung bevor, bei welcher weder Spannung noch Humor zu kurz kommen und während derer ein mancher gar zu Tränen gerührt dem Geschehen folgen wird. Mehr kann man von einem Film eigentlich nicht erwarten.

Autor: Markus Schu

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