Hinterlasse einen Kommentar

Boston (2016) Review

© STUDIOCANAL

© STUDIOCANAL

Mit Filmen, die auf tatsächlich geschehenen Tragödien basieren, ist es so eine Sache. Auf der einen Seite erscheint es moralisch doch sehr verwerflich, aus dem Leid von meist unschuldigen Menschen auch noch Kapital in Form eines Filmes schlagen zu wollen. Ein Aspekt, der sicherlich bei dem Erwerb oder eher der „Versteigerung“ der Rechte an diesen Stoffen kurz nach der Tragödie an sich seinen Höhepunkt erlebt. Dabei darf man sicherlich die Frage stellen, wer denn überhaupt die Rechte an einem Ereignis besitzt und wer diese überhaupt verkaufen darf. Meist handelt es sich dabei um ein Buch, das mitunter noch nicht einmal fertig geschrieben wurde, was die „Rechte-Verschacherung“ noch bizarrer erscheinen lässt und die Frage aufwirft, warum man nicht direkt selbst recherchiert, wenn man einen Film drehen möchte. Auf der anderen Seite sind Filme natürlich ein Dokument ihrer Zeit und gerade der künstlerische Umgang mit aktuellem Zeitgeschehen kann einer der interessantesten Aspekte sein, da politische und gesellschaftliche Einflüsse eine direkte Auswirkung auf das Werk an sich haben. Dies gilt auch bei Filmen, die nicht auf wahren Begebenheiten basieren, aber gerade bei tatsächlichen Gegebenheiten lohnt es sich, in der Retrospektive zu sehen, wie ein Ereignis denn künstlerisch zu bestimmten Zeitpunkten bewertet wurde und inwiefern sich der Blick im historischen Zeitverlauf verändert hat. Denn nicht nur Historiker bewerten vergangene Ereignisse immer wieder neu, sondern auch Künstler und somit können gesellschaftliche Umstände zum Zeitpunkt eines Filmdrehs wiederum einen Einfluss auf die Bewertung eines Ereignisses haben. Gerade für diese Quervergleiche ist es lohnenswert, wenn Filme über reale Ereignisse zeitnah erscheinen, um auch die unmittelbare künstlerische Verarbeitung betrachten zu können.

Nun hat sich also Peter Berg mit seinem Lieblingsschauspieler Mark Wahlberg zusammengetan, um einen Film über den Bombenanschlag beim Boston-Marathon 2013 zu drehen, der im Deutschen den prägnanten Titel „Boston“ trägt. Mark Wahlberg spielt dabei den Sergeant Tommy Saunders, der aufgrund von disziplinären Maßnahmen dazu verdonnert wird, am Tag des Marathons am Rand der Strecke Streife zu laufen und das Publikum anzuweisen. Nachdem die beiden Attentäter Dzhokhar (Alex Wolff) und Tamerlan Tsarnaev (Themo Melikidze) die Bomben gezündet haben, kümmert sich Saunders zunächst um die Verletzten und hilft später bei den Ermittlungen unter der Leitung von FBI-Agent Richard DesLauriers (Kevin Bacon). In der Folge entwickelt sich eine Jagd, bei der die Polizei auf Methoden klassischer Polizeiarbeit sowie neuester Überwachungstechnologie zugreift.

Mit „Boston“ hat Peter Berg einen kurzweiligen Thriller inszeniert, der, auch wenn man das Ende aus den damaligen Fernsehnachrichten kennt, über die ganze Spielzeit zu fesseln weiß. Mark Wahlberg kann in seiner Rolle als Bostoner Cop überzeugen und repräsentiert in gewisser Weise auch das Wesen der ganzen Stadt. Zugegebenermaßen kommt es hier mehr auf sein Charisma als auf sein Schauspiel an, aber die Rolle passt einfach zu Wahlberg. J.K. Simmons als Sergeant Jeffrey Pugliese, John Goodmann als Polizei Commissioner Ed Davis und Michelle Monaghan als Saunders‘ Frau ergänzen den wirklich anständigen Cast, der sicherlich eine der Stärken des Films ist.

© STUDIOCANAL

© STUDIOCANAL

Der Fokus von „Boston“ liegt hauptsächlich auf der Spannung und weniger auf einer Auseinandersetzung mit der Problematik, was dem Film per se letztendlich gut tut. Natürlich wird auch das familiäre Umfeld der Attentäter und deren Beziehung zueinander gezeigt, wobei dieser Teil mehr einer interessanten Erzählstruktur als einer differenzierten Auseinandersetzung mit den Umständen dient. Auch wenn wir immer wieder in verschiedenen Phasen die beiden Brüder auf ihrer Flucht gezeigt bekommen, stehen doch die Aktionen der Ermittler im Fokus der Handlung. Neben dem Prozess, wie die Attentäter schließlich über Aufnahmen von Überwachungskameras und der Rekonstruktion ihres Fluchtweges identifiziert werden, zählt sicherlich auch die Informationspolitik der Polizei zu den interessanteren Aspekten und Problemstellungen von „Boston“. Dabei geht es um die Frage, welche Informationen zu welchem Zeitpunkt für die Presse und somit die Öffentlichkeit freigegeben werden und welche Folgen dies unmittelbar auf die Ermittlungen hat.

Insgesamt ist „Boston“ sicherlich einen Blick wert, was insbesondere an seiner Spannung und auch den Actionszenen zum Ende hin liegt. Ehrlicherweise muss man aber sagen, dass der Film ohne seinen Bezug auf ein reales Ereignis wahrscheinlich keine wirkliche Relevanz hätte, ins Kino zu kommen. Dennoch war es eine gute Entscheidung, die Geschehnisse als Gerüst für einen spannenden Film zu nehmen und sich darauf zu fokussieren. Ganz am Schluss kommen aber natürlich noch einmal die „echten“ Protagonisten zu Wort und der „Boston Strong“-Slogan wird in einer Montage rund um die Reaktionen der Bevölkerung der Stadt abgefeiert. Solche Sequenzen bergen zwar das Potenzial, durch übertriebenen Pathos oder Kitsch ganze Filme zu zerstören, in „Boston“ kann man darüber aber hinwegsehen. Das liegt daran, dass die Szenen sich relativ unaufdringlich gestalten und die übermittelte Botschaft positiv ist.

Autor: Torsten Stenske

Leave a Reply