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Border (2018/2019) Review

© capelight pictures / Meta Spark & Kärnfilm AB

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Das skandinavische Filmschaffen hat international in den letzten Jahren insbesondere mit der Strömung des „Nordic Noir“ auf sich aufmerksam gemacht: düstere Kriminalgeschichten, welche meist die Abgründe des menschlichen Daseins thematisieren, erzählt in entsättigten Bildern und mit moralisch ambivalenten Protagonisten. TV-Serien wie „Die Brücke“, „Springflut“ oder die „Wallander“-Verfilmungen; Filme wie die „Millennium“-Trilogie nach den Romanen von Stieg Larsson, die Verfilmungen der Romane von Jussi Adler Olsen („Erbarmen“, „Schändung“, „Erlösung“, „Verachtung“); Filme wie „Headhunters“, „Easy Money“ oder „Der Eid“ wären Beispiele. Auch der schwedische Film „Border“ lässt sich in diese Strömung einordnen, fügt dem Ganzen jedoch eine sonst kaum anzutreffende übernatürliche Ebene hinzu. So scheint es zumindest.

Die titelgebende Grenze ist dabei doppelt zu verstehen. Zum einen arbeitet die Protagonistin Tina (Eva Melander) beim schwedischen Zoll und überwacht damit die Landesgrenze. Zum anderen geht es aber auch um die Grenzen des Menschseins, die Frage, ob Menschheit und Menschlichkeit eigentlich zwingend miteinander einhergehen müssen. Tina sieht anders aus als die Menschen um sie herum, ihr Gesicht ist auf ungewöhnliche Weise deformiert. Sie kann negative Gefühle riechen; das macht sie für den Zoll so wertvoll, da sie in der Lage ist, Kriminelle aufzuspüren. Sie wird akzeptiert und geschätzt, Freunde hat sie jedoch eigentlich keine. Bis sie an der Grenze eines Tages Vore (Eero Milonoff) begegnet, der so aussieht wie sie. Vore hat etwas Animalisches, etwas Gefährliches, das die ruhige Tina fasziniert. Und ab hier sollte man nichts mehr über die Handlung verraten.

Denn Vore weiß mehr, als er zu Beginn preisgibt. Tina und mit ihr die Zuschauer werden immer wieder vor neue Rätsel gestellt (was hat er vor? wozu braucht er die Gerätschaften, die er mit sich führt?), erhalten allerdings lange Zeit keine Erklärung. „Border“ ist hierbei ein zweischneidiges Schwert. Bei aller Ungewöhnlichkeit der Prämisse ist das Drehbuch erstaunlich konventionell, zumal die Lösung des Rätsels, warum Tina und Vore eigentlich anders sind und die im gleichen Atemzug die Frage beantwortet, ob es sich um einen Film mit übernatürlichen Elementen handelt oder nicht, sehr lange auf sich warten lässt. Zu lange eigentlich. Immer wieder werden neue Hinweise gestreut, neue Indizien zutage gefördert, dazwischen ab und an gar ein wenig Leerlauf. Das dauert, das zieht sich etwas. Und dann wird die Auflösung quasi nebenbei einfach in einem Dialog ausgesprochen. Es ist, als hätte jemand eine große Nadel in den Luftballon namens Spannungsaufbau gestochen. Das mit einer gewissen Subtilität etablierte Mysterium um Tinas Existenz wird ganz und gar nicht subtil aufgelöst. Doch da ist der Film noch nicht vorbei. Mit diesem Wissen wird nun wiederum ein Konflikt aufgebaut, den man strukturell so oder so ähnlich schon öfter gesehen hat. Grundlegend geht es um die Frage nach der moralischen Aufrichtigkeit der Menschen und die beiden Positionen: nicht alle Menschen sind schlecht (Tina) vs. die Menschen müssen bestraft werden (Vore). Damit ist „Border“ in gewisser Weise eine ambitionierte Version der „X-Men“. Mit erwartbarem Ausgang, auch wenn auf dem Weg dahin noch einige Wendungen auf den Zuschauer losgelassen werden, die sich als harte Schläge in die Magengrube entpuppen. Denn parallel entfaltet sich, typisch für den „Nordic Noir“, noch ein (ziemlich widerwärtiger) Kriminalfall, der immer wieder in die Handlung eingerückt wird, was relativ eindeutig darauf hinweist, dass hier eine Verbindung zur persönlichen Ebene der beiden Hauptfiguren besteht.

© capelight pictures / Meta Spark & Kärnfilm AB

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Inszenatorisch ist Regisseur Ali Abbasi allerdings kein Vorwurf zu machen. Der Film zeichnet sich durch einen immer wieder interessanten Fokus auf Details aus; Großaufnahmen von Tinas schnüffelnder Nase beispielsweise oder ihrer unruhigen Hände, wenn sie nachts im Bett liegt. Gerade die Naturaufnahmen haben einen teils fast schon entrückten Charakter, insbesondere dann, wenn Tina mit Tieren kommuniziert, auf die sie (mit Ausnahme von Hunden) eine gewisse Anziehungskraft zu haben scheint. Auch wenn hier kein Fuchs mit dem Satz „Chaos regiert!“ hinter dem Baum hervorschaut, so finden sich doch immer wieder Anflüge von trockenem Humor, etwa wenn Tina einen neben ihrem Haus stehenden Elch jovial mit „Hey“ begrüßt und wie eine alte Freundin neben ihm stehenbleibt. Diese Einschübe bleiben jedoch die Ausnahme, alles andere hätte mit Blick auf den Rest des Films auch unpassend gewirkt.

© capelight pictures

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Letztlich ist „Border“ ein Plädoyer für die Wichtigkeit der Konturen des eigenen Selbst: Man muss wissen, wo man herkommt und verstehen, wer man ist, um sein zu können, wer man sein will. Gleichzeitig wirft der Film ein Schlaglicht darauf, wie die Gesellschaft eigentlich mit Individuen umgeht, die nicht ins System passen, die sich der Norm entziehen. All dieses politische bzw. sozialkritische Potenzial weiß „Border“ jedoch nur in Ansätzen zu verwerten. Zu wenig werden diese Frage wirklich tiefgreifend verhandelt, zu sehr verhakt sich die Dramaturgie teils in ihren verschiedenen Ansätzen. Das ist schade, denn die skurril-spannende Prämisse hätte es eigentlich verdient, auch länger in Erinnerung zu bleiben.

Autor: Jakob Larisch

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