Einen Kommentar hinterlassen

Black Mass (2015) Review

© Warner Bros.

© Warner Bros.

Mortdecai, der böse Wolf, Tonto, ein 200 Jahre lang “lebendig” begrabener Vampir – die letzten Rollen des Johnny Depp regen teilweise durchaus zum Stirnrunzeln an und manchmal auch zum Lachen (und das nicht nur, weil einige der Filme Komödien waren). Doch nun ist er in „Black Mass“ in einer scheinbar geerdeteren Rolle zu sehen als in der einer eine künstlichen Intelligenz oder eines singenden Friseurs: Zum vierten Mal in seiner Karriere, nach „Donnie Brasco“, „Blow“ und „Public Enemies“ spielt er wieder die Hauptrolle in einem Gangsterfilm, die eine reale Person zur Vorlage hat: James „Whitey“ Bulger, der vor allem während der 1970er- und 1980er-Jahre die Kontrolle über fast die gesamte Unterwelt Bostons hatte. Und nicht nur das, zudem arbeitete er auch mit dem FBI zusammen und wurde von einigen seiner Agents geschützt.

Das Beste gleich zu Beginn: Johnny Depp ist zurück! Nachdem er zwischen 2004 und 2008 dreimal für den Hauptrollen-Oscar nominiert wurde, schienen seine Performances in den letzten Jahren ziemlich nachzulassen, nun sprechen Kritiker schon von einer sicheren vierten Nominierung und zu Recht, seine Performance in „Black Mass“ ist zweifellos außergewöhnlich!

Leider lässt sich das über den Rest des Films nicht sagen. Dass im Gangsterfilm die Zeiten der opulent ausgestatteten Mega-Epen à la „Der Pate“, „Scarface“ oder „Goodfellas“ lange vorbei sind, ist kein Geheimnis, angeführt von den „Sopranos“ wird heutzutage eine doch eher unaufgeregtere Gangart an den Tag gelegt, wenn es um Mafias, Kartelle, Drogen und Gewalt geht. Sogar der Meister Scorsese selbst wendete sich mit „The Departed“ von den eleganten Nadelstreifenanzügen und italo-amerikanischen Akzenten der weitverzweigten New Yorker Mafiafamilien ab und tauschte diese gegen den Boston-Akzent ein paar irischstämmiger Gangster ein. Mit „The Drop“, fast lethargisch und immer nur die kleinen Fische im Blick, sowie „Sicario“, der teilweise sogar einen faktischen, dokumentarischen Recherche-Eindruck vermittelt, waren allein in den letzten 12 Monaten weitere Beispiele für eine Neuorientierung des Genres zu finden.

© Warner Bros.

© Warner Bros.

Aber das ist doch alles keine Entschuldigung dafür, dass einfach nichts passiert!? „Black Mass“ erzählt die Geschichte von James Bulger, Anführer einer kleinen Gang aus South Boston in den 1970er-Jahren, die ihr Geld mit zwar schweren Verbrechen, aber auf einer kleinen Skala verdient und genauso wie alle Anderen ein kleines Licht neben dem örtlichen Ableger der Cosa Nostra ist. Doch genau diese italienische Mafia soll FBI-Agent John Connolly, gespielt von Joel Edgerton, in Boston zu Fall bringen. Und dafür schmiedet er einen verhängnisvollen Plan: Über einen alten Kindheitsfreund, niemand anderen als Whitey Buglers kleinen Bruder Billy (Benedict Cumberbatch), inzwischen immerhin Senator des Staats Massachusetts, nimmt er Kontakt zu dem Gangster auf und bietet ihm den Schutz und Informationen des FBI im Tausch gegen Informationen zur Zerschlagung der italienischen Mafia an. Einzige Bedingung: Bulger dürfe nicht in Drogengeschäfte oder Mord involviert sein. Keine Frage, dass er sich diese Chance nicht entgehen lässt und die Mafia an das FBI ausliefert und genauso ist es keine Frage, dass er mit dem Segen des FBIs auf seiner Seite natürlich mordend und Drogen dealend nach und nach die ganze Unterwelt Bostons kontrolliert. Immer mehr verstrickt sich John Connolly in seinen Pakt mit Bulger und lässt sich von diesem um den Finger wickeln.

In Verhören mit den später inhaftierten Mitstreitern Bulgers inszeniert Regisseur Scott Cooper, der nach „Crazy Heart“ und „Out of the Furnace“ seinen dritten Spielfilm vorlegt, eine Rekonstruktion des Aufstiegs und Falls Bulgers, der irgendwo zwischen Biopic, Gangsterfilm und Ermittlungsthriller verortet ist, sich aber nicht so richtig entscheiden kann, wohin die Reise geht. Zweifellos mehr als gut besetzt und mit soliden Performances in den Nebenrollen ist es aber vor allem Johnny Depp, der mit seiner Darstellung Bulgers irgendwo zwischen verletzlichem Menschen und unberechenbarem kaltblütigem Killer den Film an sich reißt und dem Zuschauer in Erinnerung bleibt. Leider kann der Rest des Films mit seiner Performance nicht mithalten, so dass der Eindruck entsteht, man betrachte Johnny Depp in intensiven Szenen, die aber eher den Alltag seines Charakters widerspiegeln (wenn auch den Alltag eines Gangsterbosses), während zwischendurch der Film auf eher plumpe Weise mit Dialogen und Frage-Antwort-Sequenzen im Verhörzimmer seine eigentliche Handlung ausbreitet.

Exemplarisch ist hier die Rolle von Benedict Cumberbatch, der als Senator immer abwechselnd unschuldig und dann wieder in die Geschäfte Bulgers verwickelt zu sein scheint und dessen Schauspiel wie immer sehr gelungen ist, auch sein Boston-Akzent ist für einen Briten außergewöhnlich glaubhaft, doch reflektiert man seine Rolle am Ende des Films, merkt man, dass sie nichts zur Handlung oder Charakterisierung der Hauptfiguren beigetragen hat und sich im Endeffekt darauf beschränkt, zu sagen: „Wie interessant, dass ein Gangsterboss und ein Senator Geschwister sind.“

Vielleicht wurde sich hier zu nah an den realen Geschehnissen orientiert, aber eine spannendere Erzählweise oder zumindest ein weniger vorhersehbarer Höhepunkt hätten dem Film sicherlich gut getan. So bleibt Black Mass ein solide inszenierter Gangsterfilm, der interessante Begebenheiten nicht besonders interessant erzählt und eine ausgezeichnete Performance Johnny Depps bietet, der ausnahmsweise mal wieder realitätsnah spielt, aber seine einzigartige Mischung aus Wandlungsfähigkeit und Einzigartigkeit aus seinen fantastischeren Rollen übernommen hat.

Fazit: Black Mass bekommt an anderen Stellen deutlich bessere Kritiken, deswegen sei hier (wie immer) der Hinweis gegeben, dass man sich am besten selber ein Bild macht. Trotzdem gibt es gerade im Moment definitiv bessere Filme im Kino zu sehen. Johnny Depp zeigt vor „Alice im Wunderland 2“ und „Fluch der Karibik 5“, dass er es immer noch drauf hat; seine Performance wird ihm vermutlich eine Oscar-Nominierung einbringen, aber ganz sicher nicht den Gewinn der Trophäe und seien wir ehrlich: Jack Nicholson hat den Paten von Boston (zugegebenermaßen deutlich fiktionalisierter) trotz allem besser gespielt! 6/10

Autor: Laszlo Horvath

Leave a Reply