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Black Christmas (Jessy – Die Treppe in den Tod, 1974) Review

© capelight pictures

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Der erste Slasher-Film der Filmgeschichte? „Halloween“ (1978) dürfte vermutlich die gängigste Antwort sein; John Carpenters großartiger Film um den stummen Killer Michael Myers, der als das unterdrückte und verdrängte schlechte Gewissen des suburbanen US-amerikanischen Lebens mit tödlichen Folgen über die Kleinstadt Haddonfield hereinbricht. Oder man geht deutlich weiter zurück in der Filmgeschichte und antwortet „Psycho“ (1960), der Großvater aller Slasher-Filme, wie es „Freitag der 13.“-Regisseur Sean S. Cunningham einmal formulierte: Und in der Tat, das grundlegende Muster eines bis zum Ende nicht erkannten Killers, der nach und nach mehrere Opfer mit einer zumeist phallisch konnotierten Tatwaffe ermordet, findet sich bereits in Ansätzen in Alfred Hitchcocks Meisterwerk. Beide Antworten sind damit definitiv nicht falsch, doch übersehen sie, dass es noch einen weiteren Film gab, der einerseits die später etablierten Genreregeln deutlich akkurater prägte bzw. vorwegnahm als „Psycho“ und der dies andererseits wiederum noch vor „Halloween“ tat. „Black Christmas“ aus dem Jahr 1974, in Deutschland zunächst veröffentlicht unter dem etwas skurrilen Titel „Jessy – Die Treppe in den Tod“, ist, so könnte man mit Fug und Recht sagen, der eigentliche Ursprung des Slasher-Genres, ein enorm vielschichtiges, ästhetisch gekonntes und herausragend spannendes Werk mit einigen interessanten Variationen der dem Genre später inhärenten Regeln.

Was macht „Black Christmas“ also zu einem Slasher? Da wäre zunächst das Setting: ein begrenzter geografischer Raum, in diesem Fall das Wohnheim einer universitären Schwesternschaft einen Tag vor Weihnachten. Die Weihnachtsfeier der Studentinnen wird dabei immer wieder von obszönen Telefonanrufen unterbrochen, zudem verschafft sich ein Killer, unbemerkt von den jungen Frauen, Zutritt zum Haus. Die Perspektive des Killers, eine spätere Standardsituation des Genres, wird dabei durch eine Point-of-View-Einstellung dargestellt, die seine subjektive Wahrnehmung der Welt präsentiert und folglich seine Identität ungeklärt lässt. Über den Verlauf des Filmes ermordet er, ebenfalls typisch und quasi obligatorisch für einen Slasher, einige Bewohnerinnen des Wohnheims, während die Polizei stets einen Schritt hinterher ist. Und auch das von Carol Clover später so betitelte Final Girl, die Protagonistin, welche als einzige in der Lage ist, sich dem Killer entgegenzustellen, findet sich bereits in der Person der Hauptfigur Jess (Olivia Hussey). Doch gibt es durchaus einige Abweichungen zu späteren Vertretern. Eine oft gegenüber dem Slasher geäußerte Kritik richtete sich gegen die häufige Kopplung des Final Girl mit sexueller Abstinenz; sie wurde also als prototypische „Jungfrau“ gekennzeichnet, was im Umkehrschluss als Ausdruck einer prüden Moralvorstellung schien: Nur diejenige, die nicht sexuell aktiv ist, besitzt die Kraft, den Killer zurückzuschlagen und ihn (bis zur meist obligatorischen Fortsetzung) zu besiegen, während diejenigen Figuren, die (in der Regel sichtbar) sexuell aktiv sind, meist die Opfer des Mörders darstellen. Übersehen wird dabei, dass die Morde durch die Filme gerade nicht affirmiert werden, dass die Struktur der Handlung im überwiegenden Teil der Fälle also zu einer Identifikation mit den Opfern und eben nicht mit dem Täter einlädt, über den man ohnehin selten viel erfährt. Dieses vorwiegend als reaktionär gedeutete Moment schlägt somit in ein progressives um: Nicht die Filme bestrafen diejenigen, die Sex haben; stattdessen ist es die Gesellschaft, als dessen Kehrseite sich der Killer (gerade in den Klassikern des Genres) lesen lässt, die alles Abweichende abtöten will.

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Doch steht „Black Christmas“ ohnehin nicht im Verdacht, sich diesem Muster auszusetzen, denn das Final Girl Jess ist schwanger, so dass die Jungfrauen-Metapher an dieser Stelle von vornherein nicht in Frage kommt. Daran entzündet sich auch der Konflikt mit ihrem Freund Peter (Keir Dullea), da sie das Kind im Gegensatz zu ihm nicht behalten will. Unter Berücksichtigung des Produktionsjahres 1974 ist der Film folglich seiner Zeit voraus: Nicht nur wird Abtreibung überhaupt thematisiert, auch ist die Perspektive von Jess in dieser Hinsicht die entscheidende. Eventuell kam „Black Christmas“ dabei zugute, dass es sich bei ihm um eben keinen US-amerikanischen, sondern einen kanadischen Film handelte; das Land im Norden gilt ja traditionell als etwas liberaler. Doch geht die moralische Frage nach sexueller Aktivität der Charaktere sogar noch einen Schritt weiter, denn in diesem Falle ist es die recht eindeutig als „Jungfrau“ gezeichnete Clare (Lynne Griffin), die das erste Opfer des Killers darstellt. Die Figur, die in jedem Slasher der 1980er-Jahre das Final Girl gewesen wäre, ist hier also die erste, die stirbt. Und die Figur, die am erkennbarsten als bereits in der Vergangenheit sexuell aktiv dargestellt wird, ist das Final Girl. Regisseur Bob Clark dekonstruiert somit die Regeln des Genres, bevor sie überhaupt existierten.

„Black Christmas“ ist gerade aufgrund seines ruhigen Tempos und durch seine damit zusammenhängende clevere dramaturgische Gestaltung nicht nur enorm spannend erzählt, er ist zudem ein überaus atmosphärischer Film, ein visueller Genuss. Er lebt zum einen durch das sehr durchdacht ausgeleuchtete Schwesternschafts-Haus mit all seinen einfallsreich in Szene gesetzten Treppen, Räumen und Dachböden, er lebt durch die verschneite Stadt, in die sich ein Teil der Handlung verlagert und er lebt durch spezifische Regieeinfälle, die teils an das dem Slasher verwandte Genre des italienischen Giallo-Thrillers gemahnen. Dies wird am deutlichsten in einer herausragend inszenierten Sequenz, in der Jess einem Kinderchor an der Haustür des Wohnheims zuhört, während im oberen Stockwerk der Killer ihre Freundin Barb (Margot Kidder) mit einer Glasskulptur tötet. Der mit der Zeit immer unwirklicher werdende Gesang wird mit der in Zeitlupe gefilmten Mordszene parallelisiert, wodurch dieser Moment eine fast schon surreal-entfremdete Stimmung evoziert. An den Giallo erinnert auch die Besetzung des ermittelnden Polizisten mit John Saxon, der zehn Jahre später in „Nightmare On Elm Street“ erneut in einem Slasher-Klassiker auftreten sollte, jedoch zuvor („The Girl Who Knew Too Much“, 1962) und danach („Tenebrae“, 1982) auch im italienischen Genrekino unterwegs war. Das schauspielerische Highlight bleibt gleichwohl Olivia Hussey, die mit der zurückhaltenden, in den entscheidenden Momenten allerdings willens- und entscheidungsstarken Jess die Rolle ihres Lebens fand. Es ist schade, dass „Black Christmas“ im Slasher-Kanon eine letztlich eher untergeordnete Rolle einnimmt, denn er braucht sich vor anderen Vertretern nicht zu verstecken. Er bietet einen durchaus alternativen Zugang zu einem Genre, das er selbst entscheidend mitprägte und ist, ganz nebenbei, ganz einfach, der beste Weihnachtshorrorfilm der Filmgeschichte.

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Die Edition: capelight pictures hatte „Black Christmas“ zwar bereits vor einiger Zeit auf Blu-ray herausgebracht, doch unterscheidet sich die vorliegende neue Version in dreierlei Hinsicht von der bereits existierenden: Zum einen wird der Film nun in der bewährten Mediabook-Reihe sowie als VHS-Retro-Edition veröffentlicht und bekommt somit die Special-Edition-Behandlung, die er verdient. Zum zweiten wird der Film mit einem neuen Bildmaster präsentiert, welches absolut fantastisch aussieht. Zum dritten enthält die Blu-ray neues Bonusmaterial, wobei schon die alte Blu-ray nicht gerade arm an Bonus war. Zunächst hat man die Wahl zwischen zwei Audiokommentaren, einem mit Regisseur Bob Clark sowie einem weiteren mit den Darstellern Keir Dullea und John Saxon. Daneben bietet die Edition zwei Dokumentationen: „Black Christmas Revisited“ (36 Minuten), die aus Interviews mit den Beteiligten besteht und „The 12 Days of Black Christmas“ (20 Minuten), welche die von John Saxon präsentierte Entstehungsgeschichte des Filmes erzählt. Längere Interviews mit Olivia Hussey, Margot Kidder und Art Hindel sowie ein 2004 aufgenommenes Q&A mit Bob Clark, John Saxon und Komponist Carl Zittler nach einer Kinovorführung des Filmes („Black Stories – Ein Gespräch im Kino“) sind ebenfalls zu finden, zudem die im Vergleich zur ersten Blu-ray neu hinzugekommenen Featurettes „Film and Furs“ sowie „Victims and Virgins“, in denen Art Hindle und Lynne Griffin jeweils ihre Erfahrungen mit „Black Christmas“ reflektieren. Eine (ebenfalls neue) alternative Titelsequenz, einige Trailer und Werbespots sowie neu entdeckte Soundmomente runden die vermutlich ultimative Heimkino-Edition dieses wunderbaren Filmes ab.

Autor: Jakob Larisch

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