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Big Eyes (2014) Review

© STUDIOCANAL

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Großmutter, warum hast du denn so große Augen?

„Big Eyes“ ist der neue Tim-Burton-Film, möchte man so frei von der Leber weg schreiben. Doch sofort stellt sich die Frage, ob denn „Big Eyes“ überhaupt ein typischer „Tim-Burton-Film“ ist? Denn zuletzt schien Tim Burton immer wieder denselben Film zu drehen: makaber, aber vor allem extrem skurril, entweder schwarz-weiß oder aber knallbunt, mit abgedrehten Charakteren, die an sich völlig unterschiedlich, im Endeffekt aber doch irgendwie alle gleich waren. Letzteres war unter anderem auch an der wiederholten Besetzung von Johnny Depp und Helena Bonham Carter zu erkennen, die beide auch auf eine gewisse Weise immer das gleiche spielten.

Wenn man von dieser Sachlage ausgeht, ist „Big Eyes“ wahrlich kein typischer Tim-Burton-Film. Hier zeichnet Burton keine skurrile Fantasiewelt, sondern die späten 1950er- und frühen 1960er-Jahre San Franciscos und erzählt die wahre Geschichte des Künstlerehepaares Margaret und Walter Keane. Das Ehepaar wird dabei nicht von Depp und Bonham Carter, sondern von den erstmaligen Burton-Kollaboratoren Amy Adams und Christoph Waltz gespielt. Der Film ist dabei für Burton-Verhältnisse ohne große Spleens inszeniert und lässt die Geschichte in den Vordergrund treten. Burtons Gespür für Bilder kommt hierbei zum Einsatz, um die Landschaft und San Francisco fast malerisch in Szene zu setzen. „Big Eyes“ ist dabei zwar bunt, aber nicht quietschbunt, er sieht gut aus und wird so seinem behandelten Thema gerecht. Sicherlich trägt dazu auch Kameramann Bruno Delbonnel bei, der sich nicht nur bei Burtons „Dark Shadows“, sondern noch viel wichtiger bei Jean-Pierre Jeunets „Die fabelhafte Welt der Amelie“ für die Bilder verantwortlich zeigte und auch hier seinen Stil mit einbringt.

Trotz der ausgezeichneten Bildsprache steht die Handlung vollkommen im Fokus: Margaret verlässt ihren Mann und zieht mit ihrer Tochter nach San Francisco, wo ihre Freundin DeAnn (Krysten Ritter) lebt. Margaret, die bislang keine Berufserfahrung gesammelt hat, sucht sich einen Job und zeichnet nebenbei Porträts von Passanten im Park, da sie an einer Kunsthochschule studiert hat. Eines Tages im Park wird Walter Keane, der seine Straßenszenen an Parkbesucher verkauft, auf Margaret und ihre Bilder aufmerksam, die überwiegend kleine Kinder mit großen Augen darstellen. Es kommt, wie es kommen muss und die beiden verlieben sich ineinander. Walter versucht, die Bilder von Margaret in der Folgezeit an diverse Galeristen zu verkaufen, was ihm allerdings erst dann gelingt, als er behauptet, er selbst und nicht Margaret hätte sie gemalt. So beginnt eine Versteckspiel-Geschichte, bei der Walter Keane zu einem der angesehensten Künstler der 1960er wird – durch die Gemälde seiner Frau.

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Für Burton scheint dies eine Herzensangelegenheit gewesen zu sein, so besitzt er selbst eine Sammlung von Werken von Margaret Keane und hat sie im Rahmen der Arbeit an „Big Eyes“ auch mehrfach getroffen. Dementsprechend ist „Big Eyes“ ein gelungenes Biopic geworden, mit der gehörigen Portion Drama, aber auch witzigen Stellen. Dabei ist gerade der Zeitgeist der frühen 1960er-Jahre gut eingefangen und man freut sich geradezu diebisch, wenn irgendwann diese konservative Welt eingerissen wird. Burton gelingt es außerdem, das Wesentliche in den Mittelpunkt zu stellen: die Chemie und Dynamik der beiden Hauptfiguren. Waltz und vor allem Adams überzeugen in ihren Rollen auf ganzer Linie und tragen den Film sowohl in den dramatischen als auch in den witzigen Szenen. Adams wurde für ihre Leistung auch völlig zu Recht mit einem Golden Globe ausgezeichnet, denn sie trägt den Film mit ihrer überragenden Performance.

„Big Eyes“ ist ein Film mit dem auch Burton-Hasser sich anfreunden können, wenn sie denn an der Geschichte interessiert sind. Der Regisseur nimmt sich hier merklich zurück und setzt sein Gespür für Bilder sehr gezielt ein, überlässt diese stylische Bühne aber komplett seinen Darstellern. Das weiß zu gefallen und man wünscht sich zur Abwechslung mehr Filme in dieser Richtung von Tim Burton. Kann man im Kino schauen, muss man aber auch nicht unbedingt. Wer an guten Schauspielleistungen und einer interessanten Geschichte Gefallen findet, sollte aber hier unbedingt einen Blick riskieren. 7/10

Autor: Torsten Stenske

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