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Berlinale, Tag 5: „Farewell to the Night“, „Ich war zuhause, aber…“, „The Shadow Play“ & „Variety“

L’adieu à la nuit / Farewell to the Night (André Téchiné, F/D 2019)
Wettbewerb

Der letzte große Film mit der grande dame des französischen Kinos Catherine Deneuve ist schon ein paar Jahre her (am ehesten nimmt diesen Platz vermutlich „8 Frauen“ (2002) ein) und auch „Farewell to the Night“ wird daran nichts ändern, denn dieser Film ist ebenfalls maximal Mittelmaß. Der Mittzwanziger Alex (Kacey Mottet Klein) hat sich religiös radikalisiert und plant, sich in Syrien zu einem Dschihad-Kämpfer ausbilden zu lassen. Seine Großmutter Muriel (Deneuve), der er erzählt, er werde nach Kanada gehen, kommt nach und nach dahinter, was Alex gemeinsam mit seiner Freundin Lila (Oulaya Amamra) wirklich plant und versucht, ihn umzustimmen. Zwar vermag der Film teils eine gewisse Spannung aufzubauen, resultierend aus der Frage, ob Muriel dies gelingen wird, doch politisch scheitert das Ganze völlig. „Farewell to the Night“ behandelt zwar ein aktuelles und auch wichtiges Thema, individualisiert und verwäscht den Prozess der Radikalisierung jedoch zu sehr, da er keine Fragen nach gesellschaftlichen oder politischen Hintergründen stellt, zumal eine Einordnung in einen globalen Kontext komplett fehlt. So entsteht der Eindruck, junge Menschen würden sich lediglich aus einem Mangel an Alternativen radikalisieren, da der westliche Materialismus ihnen jegliche spirituelle Entfaltung verweigerte, was der Film unter anderem im Rahmen der wohl plattesten und billigsten Parallelmontage der jüngeren Filmgeschichte bebildert. Faktoren wie Perspektivlosigkeit bzw. anderweitige Gründe, die ihre Ursachen in der akuten Krise und Zurückdrängung sozialstaatlicher Maßnahmen haben, werden hingegen nicht angesprochen oder zynischerweise gar negiert.

© Nachmittagfilm

© Nachmittagfilm

Ich war zuhause, aber… (Angela Schanelec, D/SRB 2019)
Wettbewerb

Der neueste Film von Berliner-Schule-Ikone Angela Schanelec ist ein konsequent inszeniertes Stück Anti-Kino: extrem lange und oft statische Einstellungen, dezentrierte Bildkompositionen, sehr wenige Dialoge, die zudem selten zu etwas führen, kaum Musikeinsatz. Die Regisseurin dekonstruiert durchgängig alles, was für das konventionelle Erzählkino wichtig ist und legt einen fragmentarischen, offenen und genau deswegen so faszinierenden Film vor, der sich allen Erklärungen entzieht. „Ich war zuhause, aber…“ ist in seiner fast schon minimalistischen Reduziertheit ein großartiges Werk geworden, das in erstaunlich vielen Momenten einen oft aus scheiternder Kommunikation resultierenden trocken-lakonischen Humor besitzt und die wohl schönste von einem David-Bowie-Cover untermalte Filmszene jemals aufweist.

The Shadow Play (Ye Lou, CHN 2018)
Panorama

Im Berlinale-Programmheft als „im Gewand eines Film Noir“ beworben, werden zunächst Assoziationen zu dem ebenfalls aus China stammenden Film „Feuerwerk am hellichten Tage“ (2014) wach, der vor fünf Jahren den Goldenen Bären der Berlinale gewann und sich ebenfalls als die chinesische Variante eines Film Noir klassifizieren ließe. Doch „The Shadow Play“ enttäuscht auf ganzer Linie, da er deutlich zu langatmig sowie gleichermaßen zu lang geraten ist. Der Kriminalplot um die Ermordung eines chinesischen Bauunternehmers schleicht träge vor sich hin, ständig werden Nebenschauplätze aufgemacht, zumal der Film in seinem ersten Drittel unfassbar hektisch agiert, ohne jedoch irgendwie die Handlung oder bestimmte Erkenntnisse voranzubringen. Auch die Idee, nahezu alles über Flashbacks, Flashbacks in Flashbacks und Flashbacks in Flashbacks in Flashbacks zu erzählen, führt relativ schnell zu einer gewissen Unübersichtlichkeit, zumal die eigentliche Auflösung des Ganzen sich letztlich recht simpel gestaltet und lediglich künstlich verkompliziert ausgewalzt wird, um sie dann am Ende so überdeutlich zu inszenieren, dass man sie auch verstünde, wenn man den kompletten Mittelteil verschlafen hätte.

Variety (Bette Gordon, USA/GB/D 1983)
Forum

Ein zentraler Sinn von Retrospektiven ist, dass man immer wieder unbekannte und gleichermaßen sehenswerte Filme aus der Vergangenheit entdeckt, über die man sonst niemals gestolpert wäre. So ist es auch bei „Variety“, ein kleiner Film aus den beginnenden 1980er-Jahren, der sich mit den damals in New York vielfach anzutreffenden Porno-Kinos beschäftigt, dabei jedoch kein Grindhouse- und letztlich auch kein Exploitationfilm ist, sondern eine Art Meta-Grindhouse-Film, der formal-ästhetisch zwischen Michelangelo Antonioni und Brian De Palma steht, sich mit so verschiedenen Dingen wie weiblicher Sexualität sowie gleichermaßen damaligen Rezeptionsbedingungen und der entsprechenden Kinokultur jenes Jahrzehnts auseinandersetzt und dem Ganzen zusätzlich einen feministischen Dreh verleiht. Ja, „Variety“ hat unbestreitbar Längen und zieht sich streckenweise ziemlich, doch ist er gleichwohl ein faszinierendes wie selbstreflexives Porträt einer kaum vergangenen und doch längst vergangenen Zeit, das seinen ganz eigenen, charmanten Rhythmus entwickelt.

Autor: Jakob Larisch

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