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Berlinale 2019, Tag 4: „Vice: Der zweite Mann“, „A Tale of Three Sisters“ & „Gully Boy“

© Universum Film

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Vice / Vice: Der zweite Mann (Adam McKay, USA 2018)
Außer Konkurrenz

Es ist gut, dass es solche Regisseure wie Adam McKay gibt, der nach einigen Komödien à la „Anchorman“ (2004) oder „Stiefbrüder“ (2008) vor einigen Jahren seine dezidiert politische Ader zu entdecken begann und mit „The Big Short“ (2015) den wohl besten Film über die Finanzkrise sowie deren Ursachen und Auswirkungen vorlegte. Sein Talent, komplexe politische Zusammenhänge mit Humor und teils beißender Ironie einfach und verständlich zusammenzufassen, ist auch in „Vice“ zu sehen, der den Aufstieg des ehemaligen US-Vizepräsidenten Dick Cheney bebildert, den Christian Bale gewohnt brillant verkörpert. Der Film ist dabei weniger eine Biografie Cheneys geworden, sondern zeigt auf, wie rein ökonomische Interessen die Politik der USA seit Jahrzehnten bestimmen, wobei der Fokus logischerweise auf der Zeit des Gespanns George W. Bush/Dick Cheney und den Motiven der Kriege in Afghanistan und im Irak liegt. Zudem vermag es „Vice“, das rechtliche Fundament im Hintergrund darzustellen, mit dessen Hilfe die Republikaner die Verfassung der USA zu ihren Gunsten auslegen. McKay nutzt die volle Breitseite erzählerischer Mittel, wenn er mitten im Film einen gefälschten Abspann einbaut oder die politischen Aktionen im Vorfeld des Irakkriegs als Speisekarte eines Restaurants inszeniert, von der sich die politischen Protagonisten bedienen. „Vice“ thematisiert allerdings auch die Grenzen des auf wahren Begegbenheiten beruhenden Erzählens, so in einer hervorragenden Szene, in welcher Cheney und seine Frau Lynne (Amy Adams) im Vorfeld die Vor- und Nachteile einer möglichen Vizepräsidentschaft abwägen. Man wisse nicht, was damals gesagt wurde, heißt es von Seiten des Off-Erzählers, dies wäre schließlich kein Shakespeare-Stück, woraufhin Dick und Lynne eine komplette Szene lang einen Dialog aus Shakespeare-artigen Zitaten zum Besten geben. Zwar stellt „Vice“ keine Fragen nach systemischen Ursachen, ist jedoch ein spannendes und wichtiges Porträt politisch-ökonomischer Verstrickungen, die ausschließlich den finanziellen Interessen einiger weniger dienen. Könnte dies ein sinnvolles Beispiel des „linken Populismus“ sein, den die Philosophin Chantal Mouffe letztes Jahr forderte?

Kiz Kardesler / A Tale of Three Sisters (Emin Alper, TUR/D/NL/GR 2019)
Wettbewerb

Ein türkisches Bergdorf, weit abgeschieden von Städten oder urbanen Gegenden, drei Schwestern, die nach einiger Zeit aus unterschiedlichen Gründen wieder gemeinsam im Haus ihres Vaters leben, umgeben von verschiedenen männlichen Nebenfiguren. „A Tale of Three Sisters“ kann als Porträt einer äußerst kleinen und patriarchal geprägten Dorfgemeinschaft in einzelnen Momenten durchaus überzeugen, allerdings wirken zum einen einige der teils sehr dramatischen Ereignisse ein wenig forciert, zum anderen entsteht zwischendurch immer wieder erzählerischer Leerlauf, der nicht recht überbrückt zu werden vermag. Der Film weist schöne Bilder auf, keine Frage, aber hätte die eine oder andere dramaturgische Straffung ganz gut vertragen.

Gully Boy (Zoya Akhtar, IND 2019)
Berlinale Special

„Gully Boy“ ist die verdammt unterhaltsame indische Version von „8 Mile“, die man mit „Billy Elliott“ vermischt hat. Murad (Ranveer Singh) lebt in einem Slum in Mumbai und liebt Hip-Hop, insbesondere den US-Rapper Nas (der zufälligerweise den Film mitproduziert hat). Als er eines Tages den indischen Rapper Sher (Siddhant Chaturvedi) trifft, erkennt dieser Murads Talent, so dass sie gemeinsam versuchen, eine muikalische Karriere zu starten. Das sieht Murads Familie, insbesondere sein Vater, überhaupt nicht gern, zudem muss Murad aufgrund der gesellschaftlichen Strukturen die Beziehung zu seiner Freundin Safeena (Alia Bhatt) geheim halten. Ein Bollywood-Film, der dem typischen Bollywood-Klischee des ständigen Singens und Tanzens etwas widerspricht: Es gibt lediglich einige wenige Szenen, die einen vollständig ausgespielten Song enthalten, so beispielsweise wenn Murad innerfilmisch einen Track aufnimmt bzw. ein Musikvideo dreht, welches man als Zuschauer parallel bereits fertig zu Gesicht bekommt oder einer der Protagonisten einen Auftritt auf der Bühne hat. Der Film ist einen Großteil seiner zweieinhalbstündigen Laufzeit von pumpenden Bässen untermalt, er ist mitreißend und gerade die Szenen, in denen eine Musikperformance stattfindet, sind brillant gelungen. Nebenbei ist er im Vergleich mit anderen Bollywood-Filmen in Bezug auf seine zentrale Frauenfigur etwas emanzipierter (so nutzt Safeena das patriarchale System an einer Stelle zu ihren Gunsten aus) und schafft das Kunststück, einerseits zumindest latent den Aufstiegsmythos zu perpetuieren (Rap als Weg aus der Armut, aber eben nur für einige wenige), andererseits teils aber fast schon klassenkämpferische Tendenzen aufzuweisen, insbesondere in den Texten, die Murad schreibt und für die er auf seine eigenen Erfahrungen zurückgreift. Eines der Highlights der diesjährigen Berlinale!

Autor: Jakob Larisch

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