Hinterlasse einen Kommentar

Berlinale 2019, Tag 3: „Die Agentin“, „Ghost Town Anthology“ & „Demons“

© Kolja Brandt

© Kolja Brandt

The Operative / Die Agentin (Yuval Adler, USA/ISR 2019)
Außer Konkurrenz

Diane Kruger und Martin Freeman spielen in diesem äußerst spannenden Geheimdienst-Thriller zwei Mossad-Agenten in einem Dickicht aus Loyalitäten, Feindschaften und Unsicherheiten. Fernab vom Haudrauf-Kino eines Jason Bourne ist „The Operative“ sehr ruhig erzählt und bebildert den Alltag einer undercover in den Iran eingeschleusten Agentin und ihres Vorgesetzten. Der Film beginnt mit einem rätselhaften Anruf, der über eine (zu jedem Zeitpunkt gut zu durchschauende) Rückblenden-Struktur nach und nach aufgelöst wird. Im Mittelpunkt die für das Genre klassische Frage: Wem kann man trauen? Der Agenten-Alltag wird hier allerdings jenseits aller romantisierenden Vorstellungen sehr zurückhaltend und sehr zwiespältig präsentiert, was Regisseur Yuval Adler zu jeder Zeit gleichermaßen packend inszeniert, wobei er auch mit politisch fundierter Kritik nicht spart.

Répertoire des villes disparues / Ghost Town Anthology (Denis Côté, CAN 2019)
Wettbewerb

Das hätte was werden können…wurde es dann aber leider doch nicht. Dem schon etwas durchgekauten Topos des hinter-der-bürgerlichen-Dorffassade-lauert-Engstirnigkeit wird hier ein durchaus interessanter Dreh hinzugefügt, den der Film allerdings zu keiner Zeit konsequent ausspielt und der zudem nach bereits kurzer Zeit derart vorhersehbar ist, dass es kaum zu überraschen vermag, wenn er dann knapp vor dem Ende überdeutlich verbalisiert wird. Ein junger Mann bringt sich in einem kanadischen 200-Einwohner-Dorf um, das Ganze wird verdrängt, insbesondere die Bürgermeisterin weiß bei jedem passenden und unpassenden Anlass zu betonen, dass man hier seine Probleme selbst löse und nicht auf Hilfe von außen angewiesen sei. Nun ja. Das Hauptproblem von „Ghost Town Anthology“ ist dabei, dass er kaum dramaturgische Haken setzt, auf der anderen Seite als filmische Collage gleichwohl ebenfalls nicht überzeugt. Dafür bleibt er zu sehr an der Oberfläche, dafür passiert auf jeglicher Ebene schlicht zu wenig, so dass der Film auch aus der Frage, worauf denn das Ganze nun eigentlich mit Blick auf die dramaturgische Gestaltung oder die Figurenzeichnung hinausläuft, keinerlei Energie zu ziehen vermag. Die körnige 16-mm-Optik verleiht der visuellen Präsentation zwar eine ganz eigene rauhe Note, retten kann das diesen enorm drögen Wettbewerbsbeitrag allerdings nicht.

Demons (Daniel Hui, SGP 2018)
Forum

„Experimentell“ wäre wohl am ehesten das Wort, mit dem sich „Demons“ passend und gleichermaßen neutral umschreiben ließe. 4:3-Bildformat, keine kohärente Story, viele assoziative Bildcollagen, eine (sehr) surreale Note und ein, nun ja, aufdringliches Sounddesign. Grundlegend geht es um eine Schauspielerin, die für einen Film gecastet wird und Probleme mit dem Regisseur hat, eigentlich geht es nach etwa der Hälfte des Films aber gar nicht mehr um sie, sondern um ebenjenen Regisseur und dann geht es zudem noch um Kannibalismus, um innere Dämonen, um Doppelgänger und um eine per Anruf zu beschwörende Geisterfrau, die allerdings parallel ihre Kinder erziehen muss. Irgendwo zwischen Videokunst und Experimentalfilm angesiedelt, ist „Demons“ jedoch eigentlich nur prätentiöser Schwachsinn. Die pseudo-tiefgründigen Dialoge verlaufen ins Nichts, die Darsteller sind vielerorts äußerst hölzern und die fragmentarisch-assoziative Erzählweise vermag dem Ganzen keinen Mehrwert zu verleihen, da sie nicht einmal eine innere, also eigene und für sich sprechende Kohärenz aufweist, sondern eher wie belangloses Stilmittel-Roulette wirkt. Dazu der Ton: Nach „Monos“ schon der zweite Film dieser Berlinale, der das Publikum fast dauerhaft mit dröhnenden Geräuschen bombardiert. Vielleicht versucht man so, die filmische Leere akustisch zu übertünchen, was jedoch zum exakten Gegenteil führt: Schließlich hallt es in leeren Körpern nur deutlich lauter.

Autor: Jakob Larisch

Leave a Reply