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Beautiful Boy (2018/2019) Review

© EuroVideo Medien

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„Beautiful Boy“ basiert auf den beiden autobiographischen Büchern „Beautiful Boy: A Fathers Journey Through His Sons Addiction“ von David Sheff und dem von seinem Sohn Nic Sheff geschriebenen „Tweak – Growing Up on Methamphetamines“. Dementsprechend handelt der Film von David Sheff, dessen Sohn Nic drogenabhängig wird (insbesondere von Methamphetaminen) und zeigt den Einfluss, den die Drogensucht des Sohnes auf die Familie hat. Der auch am Drehbuch beteiligte belgische Regisseur Felix van Groeningen drehte mit „Beautiful Boy“ seinen ersten englischsprachigen Film. Wie bereits in „The Broken Circle“ (2012) fokussiert er sich dabei erneut auf das Zwischenmenschliche und das Spiel mit der Zeit.

Hauptsächlich folgt der Film dem Verlauf von Nics (Timothée Chalamet, in Rückblenden Kue Lawrence, Jack Grazer) Drogensucht ungefähr ab seinem Schulabschluss und durchläuft dabei verschiedene Tiefpunkte sowie Rehabilitationsphasen. Der erste Teil des Films konzentriert sich in erster Linie auf den Vater (Steve Carell) der neben Nic mit dessen Stiefmutter (Maura Tierney) und den beiden deutlich jüngeren Halbgeschwistern (Christian Convey, Oakley Bull) zusammenlebt. Verzweifelt versucht David Wege zu finden, zu seinem Sohn durchdringen zu können und ihm zu helfen. Dabei werden immer wieder verschiedene Rückblenden gezeigt, die die enge Verbindung zwischen Vater und Sohn deutlich machen. In der zweiten Hälfte, beginnend mit einer längeren Rehabilitationsphase Nics, rückt dann dessen Perspektive auf das Verhältnis zu seinem Vater und natürlich auch zu seiner Sucht mehr in den Mittelpunkt, wobei auch nach und nach die Situation der Mutter (Amy Ryan), Stiefmutter und Geschwister einfließt.

Durch Zeitsprünge sowie Rückblenden steht der chronologische Ablauf der Ereignisse nicht direkt im Fokus. Gerade dadurch werden sehr effektiv die Unterschiede aufgezeigt, die sich in dem Umgang zwischen Vater und Sohn mit Nics Drogensucht entwickeln. Verstärkt wird das insbesondere in den Phasen, in denen Nic zeitweise clean ist, da gerade dort die Diskrepanzen bezüglich Erwartungen, Schamgefühlen, Vertrauen sowie Freigiebigkeit von offener Kommunikation und liebevollem Rückhalt deutlich werden. Dies funktioniert nicht nur wegen der guten Schauspielleistungen sehr gut (besonders hervorzuheben ist hierbei Timothée Chalamet) sondern auch wegen der sehr stimmig platzierten Musik, die in den richtigen Momenten als emotionale Verstärkung ein- beziehungsweise aussetzt. Des weiteren werden die verschiedenen Perspektiven im Zusammenspiel mit den verschiedenen Zeitebenen stringent zusammengesetzt, ohne dass es forciert wirkt, passend dazu, dass hier ja zwei autobiographische Perspektiven adaptiert werden. Wie allerdings der (insbesondere englische Original-)Titel deutlich macht, liegt der Fokus doch deutlich eher auf Davids Buch, das sich konkret mit der Vater-Sohn-Beziehung auseinandersetzt und daher eher auf den familiären Aspekt des Films abzielt, als auf die Drogensucht selbst. Die Erweiterungen, die um Nics Perspektive vorgenommen werden, sind daher auch ganz klar auf diesen familiären Aspekte fokussiert und weniger auf die wohl teilweise sehr schonungslosen Einblicke in seine Suchtgeschichte und die Dinge, die er eben nicht im familiären Kontext, sondern auf der Straße und in Beziehungen erlebt hat.

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Das ist auch die zentrale Schwäche des Films. Während er auf der einen Seite sehr deutlich die zwischenmenschlichen und familiären Aspekte überzeugend darstellt, ist er auf der anderen Seite viel zu „sauber“. Die Ausmaße, die Nic in „Tweak“ beschreibt, sind weitaus weitreichender als das, was der Film zeigt und vor allem deutlich weniger auf die ja trotz allem Mittelklasse-Familienidylle beschränkt. Des weiteren interessiert der Film sich nicht für die Ursachen von Nics Drogensucht, allenfalls indem der Recherchedrang des Vaters rein auf die körperlichen Mechanismen und Folgen insbesondere des Konsums von Meth heruntergebrochen wird. Psychologische Aspekte fallen komplett heraus, auch innerfamiliär. Das führt außerdem dazu, dass man als Zuschauer genau wie David die ganze Zeit nach den Ursachen sucht, aber sie nicht wirklich findet. Es ist schwer zu sagen, ob das eine Stärke oder Schwäche des Films ist, da es einerseits Davids Position sehr deutlich macht, auf der anderen Seite sind die negativen Aspekte in der Vater-Sohn-Beziehung, die sich mit der Drogensucht entwickeln, fast der einzige negative emotionale Einfluss auf Nic, der zu sehen ist. Das führt zu sehr fragwürdigen Assoziationen zur Rolle des Vaters, die da so nicht unbedingt passen und die ansonsten durchgehend eher aufgebrochen werden. Auch Probleme bezüglich Scham und unzureichender Hilfe für Betroffene und Angehörige klingen nur sehr leicht an. Denn neben den erwähnten Unterschieden mit Blick auf die Verhaltensweisen zwischen Vater und Sohn werden sie nur oberflächlich gestreift und nicht richtig als negativ deutlich; es fehlen positive Gegenbeispiele, die diese Mechanismen aufbrechen beziehungsweise erst als negativ deutlich werden lassen. Das ist sehr schade, da die inzwischen in den USA bekannten Initiativen gegen Drogensucht des realen David Sheff neben Aufklärung über Familienzusammenhalt sowie die Risiken von Drogen auch insbesondere auf Ursachenforschung und Prävention ausgerichtet sind. Der Film könnte mehr Verständnis für Problematiken schaffen, stattdessen endet er an einer Stelle, wo viele dieser Aspekte vielleicht die nächsten schwierigen Schritte wären.

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„Beautiful Boy“ ist ein gut strukturierter und versiert inszenierter Film, dessen wichtiges Thema aber daran krankt, dass er zu wenig auf Ursachenforschung innerhalb wie außerhalb der Familie setzt. Dies gilt für psychologische wie auch strukturelle Probleme, sowohl bezüglich sozialer Strukturen, die Drogensucht bedingen können wie auch bezüglich (in den USA kaum regulierten) Anlaufstellen für Betroffene sowie Angehörige. Der Film kann durchaus schockieren und emotional berühren, aber letztlich umschifft er dabei konsequent echten Tiefgang, als wäre dieser dann doch zu drastisch. Dadurch bleibt es in erster Linie bei dem (natürlich dennoch sinnvollen) Postulat: Drogensucht ist eine Krankheit, es kann jeden treffen – auch weiße Mittelständler mit liebevollen Familien – und Familienmitglieder soll man bloß niemals aufgeben. Daran ändert auch die etwas holprige Darstellung unzureichender Hilfsangebote sowie die plakativen Einblendungen über Drogensucht vor dem Abspann nichts.

Autorin: Clara Roos

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