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Beasts of No Nation (2015) Review

„Beasts of No Nation“ von Cary Joji Fukunaga („Sin Nombre“, „True Detective“) ist auf mehreren Ebenen ein interessantes Filmprojekt geworden. Da wäre natürlich einmal die ungewöhnliche Veröffentlichungspolitik von Netflix, welche den Spielfilm als Eigenproduktion erstmals zeitgleich zu einem limitierten Kinorelease in den USA und England digital für alle verfügbar macht. Seit dem 16. Oktober hat also jeder mit einem gültigen Netflix-Zugang auch Zugriff auf das Werk von Fukunaga, ohne den Weg in ein Lichtspielhaus antreten zu müssen. Diese Umstand hat zahlreiche Diskussionen um die Zukunft des Kinos neu angestoßen und teilweise ebenso zu Verwerfungen zwischen Streamingdiensten und Kinos geführt. Dabei ist, wie so häufig, der eigentliche Film etwas in den Hintergrund gedrängt worden, was schade ist, denn „Beasts of No Nation“ ist ein durch und durch sehenswerter Film mit einem interessanten Thema, einer faszinierenden visuellen Sprache und einem grandiosen Darstellerduo.

Das Thema Kindersoldaten ist über die gesamte Laufzeit von 137 Minuten der bestimmende Fixpunkt der Handlung. Dies hindert Drehbuchautor, Kameramann und Regisseur Fukunaga aber nicht daran, seinem Protagonisten Agu (großartig: Abraham Attah) eine umfassende Einführung zu gewähren, die sein Leben als glückliches Kind in einem nicht näher lokalisierten Dorf in Nordafrika zeigt. Diese Einführung ist elementar wichtig für den Rest des Films, dessen inhaltliche Tiefe unumstößlich mit diesen ersten 30 Minuten verknüpft ist. Als Agus Dorf dann schließlich von Regierungstruppen überrannt wird und eben jener Agu als einziger männlicher Überlebender seiner Familie verzweifelt in den Dschungel flieht, spürt und sieht man zum ersten Mal die Brutalität und Unmenschlichkeit, welche den Rest des Streifens prägen wird. Agu trifft in Folge dieser Ereignisse völlig erschöpft auf einen namenlosen Rebellenführer und Commandant (Idris Elba), der ihn als seinen Zögling aufnimmt und zum Kindersoldaten ausbildet. Auch hier nimmt sich Fukunaga viel Zeit, um Verständnis für die fremdgesteuerten Kinder zu schaffen und zu zeigen, warum sie folgen. Der Commandant wird als eine Vaterfigur vorgestellt, der den Kindern mit seinen flammenden Reden, vorgetragen von einem preiswürdigen Idris Elba, genau das gibt, was sie sich am meisten wünschen: Eine Heimat. Diese neue Heimat wird jedoch schon bald ein kontinuierliches Schlachtfeld, durchtränkt mit dem Blut von Zivilisten und den Drogen von Agus Kameraden. Auch das strahlende Bild des Commandant bekommt große Risse und schlussendlich verlieren sich die Kinder in einem unerträglichen Gewaltrausch, welcher visuell einmalig umgesetzt wird und eine schmerzhafte Lethargie auf den Bildschirm brennt. Wer hier gegen wen kämpft, spielt keine Rolle, denn am Ende kämpfen die Kinder für nichts. Eine Chance auf Heimat haben sie nicht mehr, sie sind bereits Bestien ohne Land, deren Konzept von Geborgenheit vernebelt in den hintersten Ecken ihrer Erinnerung begraben liegt.

Fukunaga findet für dieses Grauen beinahe immer die richtigen Bilder, ruhige Kompositionen, die auch als grauenhafte Gemälde funktionieren würden. Die Verbindung dieser Bilder erfolgt nicht selten über ausgedehnte Plansequenzen, welche durch eine ausgeprägte Detailliebe auffallen. Der Soundtrack unterstützt den bereits angesprochenen, traumhaften Zustand der kämpfenden Kinder wunderbar und erinnerte zumindest mich etwas an die melancholischeren Stücke von M83. Schauspielerisch liefert der Jungdarsteller Attah eine hervorragende Leistung ab, obwohl er mehr für das Kollektiv der Kindersoldaten spricht, als für sich selbst. Idris Elba hat einige bemerkenswerte Momente, in denen er minutenlang als Sprachohr einer Ideologie fungiert, die irgendwann kein Ziel mehr kennt.

„Beasts of No Nation“ ist wie Fantasiefernsehen. Man kann nicht wirklich glauben, was man gerade sieht und auch die Kinder selbst scheinen die unglaubliche Gewalt ihrer Taten nicht glauben zu können. Cary Fukunaga findet für seine Geschichte immer die richtigen Worte, Bilder und Schauspieler und darüber hinaus meist das passende Gleichgewicht zwischen Mitgefühl und Abscheu, auch wenn der ganz große emotionale Hieb, aufgrund eines fortschreitenden Identifikationsverlustes mit den Protagonisten, ausbleibt. Für den Zuschauer endet dann irgendwann das Fantasiefernsehen, der Bildschirm wird schwarz. Für die Kinder endet nichts, sie merken vielleicht nur irgendwann, dass der Fernseher nicht mehr läuft.

Autor: Max Fischer

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