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Beale Street (2018/2019) Review

© DCM / Universum Film

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Barry Jenkins hat sich weiterentwickelt. Sein Oscar-Film „Moonlight“ war zwar unter rein genretheoretischen Gesichtspunkten ein überzeugendes Melodram, doch auf keinen Fall der filmische Heilsbringer, zu welchem er im öffentlichen Diskurs hochstilisiert wurde. Zu individualisiert war das Schicksal der Hauptfigur dargestellt, zu wenig wurde der (auch ökonomische) gesellschaftliche Kontext berücksichtigt, zu wenig wurden die thematisierten Konflikte auf einer strukturellen Ebene angesiedelt oder verortet, geschweige denn entschlüsselt. Bei Jenkins‘ aktuellem Langspielfilm „Beale Street“ ist dies nun anders. Viel verwurzelter in politischen und sozialen Fragen geht dieser Film das Thema Rassismus tatsächlich strukturell an, zeigt dieses Problem nicht nur als eine Art individuelle Verfehlung, sondern thematisiert auch dessen tieferliegende Ursachen.

„Beale Street“ basiert auf dem 1974 erschienenen Roman „If Beale Street Could Talk“ (so auch der englische Originaltitel) von Schriftsteller und Bürgerrechtsaktivist James Baldwin. Das schwarze Pärchen Tish und Fonny (KiKi Layne und Stephan James) wird aus seinem Liebesglück gerissen, als Fonny fälschlicherweise der Vergewaltigung bezichtigt und verhaftet wird. Obwohl zahlreiche Ungereimtheiten den Fall begleiten, bleibt Fonny im Gefängnis, während (die schwangere) Trish und ihre Familie sich mit Hilfe eines Anwaltes daran machen, im anstehenden Gerichtsprozess seine Unschuld zu beweisen. Dabei werden ihnen jedoch von mehreren Seiten Steine in den Weg gelegt. Und genau darin liegt die Darstellung des strukturellen im Gegensatz zum individuellen Rassismus.

Mit Ausnahme des Polizisten Bell (Ed Skrein), auf dessen Aussage Fonnys Verhaftung (neben einer fragwürdigen polizeilichen Gegenüberstellung) maßgeblich basiert, und der eindeutig als Rassist gekennzeichnet wird, tauchen in diesem Film keine weiteren dementsprechenden Figuren auf. „Beale Street“ deckt vielmehr auf subtile Weise gesellschaftliche Funktionsmechanismen zur Zeit der 1970er-Jahre auf, die eine aktive Ungleichbehandlung schwarzer US-Amerikaner bedingten. Der Fokus liegt kaum auf der Ausarbeitung eines oder mehrerer Antagonisten, stattdessen stellt der Film vielmehr eine eindrückliche und emotionale Collage der Liebesbeziehung zwischen Fonny und Trish dar, mit allen Höhen und Tiefen. Ein wenig erinnert „Beale Street“ dabei an den ähnlich gelagerten „Loving“ (2016), dem es ebenfalls wichtiger war, positive Akzente zu setzen als sich auf die Konstruktion von Feindbildern zu verlassen. Man freut sich mit den beiden Hauptfiguren, wenn sie nach langer Suche endlich eine gemeinsame Wohnung finden, wobei gleich in der Schwierigkeit der Suche ein struktureller Faktor thematisiert wird: Die vielen absagenden Vermieter werden nur erwähnt, man bekommt sie nie zu Gesicht, es handelt sich somit nicht um ein individuelles, sondern um ein gesellschaftliches Problem, dass ein junges schwarzes Paar lediglich aufgrund allgemein herrschender, diskriminierender und nicht hinterfragter Normen keine Wohnung erhält. Eine düstere Vorahnung kommt auf, wenn Fonny direkt im Anschluss in eine nicht von ihm verschuldete Auseinandersetzung mit dem Polizisten Bell gerät, der zu diesem Zeitpunkt durch die anachronische Erzählweise bereits als der Motor hinter Fonnys Verhaftung etabliert wurde, womit eine kausale Verbindung zwischen den beiden Ereignissen markiert wird.

© DCM / Universum Film

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Auch die Rechtsprechung hilft den Figuren nicht: Gerichtsverhandlungen werden verzögert, juristische Prinzipien werden gedehnt oder gebrochen, der Fall wird verschleppt, die Polizei hilft nicht weiter und auch der (weiße) Anwalt sieht sich unter seinen Kollegen einer zunehmenden Ablehnung ausgesetzt, nachdem er Fonnys Fall übernommen hat. Auf diese Weise vermag es „Beale Street“ geschickt, seine Thematik auf eine allgemeine politische Ebene zu heben, denn auch hier: die Richter sieht man nicht, die Gespräche zwischen dem Anwalt und seinen Kollegen werden nicht gezeigt, auch die furchtbaren Zustände im Gefängnis werden nicht bebildert, sondern lediglich durch Fonny sowie dessen Freund Daniel angesprochen. Wie schon beim Problem der Wohnungssuche gilt auch hier: Es sind nicht (bzw. nicht nur) konkrete Individuen, die rassistische Verhaltens- und Kommunikationsmuster aufrechterhalten, diese Muster halten sich stattdessen kollektiv aufrecht, und genau das wird auch thematisiert. Alles andere wäre zu einfach und würde in einer simplifizierten Suche nach einzelnen Sündenböcken enden; geändert hätte sich damit jedoch nichts, wenn lediglich einzelne Schaltstellen beseitigt werden.

Der Film emotionalisiert zwar durchaus sein Publikum durch die Darstellung der Liebesbeziehung, hat es jedoch nicht nötig, in holzschnittartige dramaturgische Standards zu verfallen und auf eindimensionale Schurkenrollen zu setzen. Damit ist „Beale Street“ ein Film, der nicht ex negativo spaltend vorgeht und seine Hauptfiguren lediglich im Kontrast zu Antagonisten charakterisiert, sondern der seine Kraft aus einer positiven Darstellung an sich zu ziehen vermag. Die Ungerechtigkeiten, die den Figuren passieren, wirken somit viel langwieriger nach, da der Film nicht nur ein Fühlen, sondern zusätzlich ein Denken anregt und sich die Konflikte auch im Kopf festsetzen. Interessant ist dabei die wiederkehrende Ansprache der Zuschauer durch den häufigen Bruch der Vierten Wand. Immer wieder schauen die Figuren in die Kamera, als würden sie das Publikum dazu auffordern, sich selbst zu positionieren, selbst aktiv zu werden, selbst die Stimme zu erheben. Auch anderweitig werden keine dramaturgischen Konflikte forciert; so steht Trishs Familie trotz einer unehelichen Schwangerschaft uneingeschränkt hinter ihr, wohingegen Fonnys Mutter und seine zwei Schwestern ihre religiöse Pseudo-Integrität über die Familie stellen und etwas von „Gottes Wegen“ faseln, die zu seiner Verhaftung geführt hätten. Konsequenterweise tauchen sie nach einer Szene nicht mehr auf. Der beste Dialog des Filmes ist übrigens hier verortet: Fonnys Mutter versucht, eine Spitze gegen Trish zu setzen: „Meine Töchter würden nicht einfach so schwanger werden!“ Die Antwort von Trishs Schwester: „Das liegt daran, dass sie keiner flachlegen will!“ Öffnet die Tür und schmeißt die andere Familie hinaus. Großartig!

© DCM / Universum Film

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Lediglich die ökonomische Kopplung vermeidet Jenkins nach „Moonlight“ erneut. Zwar wird in einem Gespräch von Trishs und Fonnys Vater (der deutlich liberaler eingestellt ist als seine Frau und seine Töchter) einmal beiläufig erwähnt, dass es bei allen Problemen stets ums Geld gehen würde. Doch inwieweit struktureller Rassismus untrennbar an ein kompetitives Wirtschaftssystem gebunden ist, das automatisch (wenige) Gewinner und (viele) Verlierer produziert und was beispielsweise auch Martin Luther King erkannt hatte, das findet keine Erwähnung. So fehlt der letzte, entscheidende Schritt, in einem ansonsten beeindruckenden Film.

Autor: Jakob Larisch

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