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Auge um Auge (2013) Review

Im Jahre 2009 hatte Regisseur Scott Cooper mit Jeff Bridges, Maggie Gyllenhaal, Robert Duvall und Colin Farrell gleich vier Hollywood-Hochkaräter um sich geschart, um mit seinem Regiedebüt, dem in der Country-Musik-Szene spielenden Trinkerdrama „Crazy Heart“ ein für einen Indie-Film durchaus beachtliches Ergebnis am amerikanischen Boxoffice zu erzielen und die Kritik weltweit zu begeistern. Gekrönt wurde die Erfolgsstory dann mit dem längst überfälligen Oscar für Hauptdarsteller Bridges. Und nun ist Cooper zurück, quasi mit denselben, wenn nicht sogar noch besseren Vorzeichen: „Auge um Auge“ ist ein desillusionierendes Drama und eine fein beobachtete Milieustudie, großartig besetzt mit Christian Bale, Casey Affleck, Woody Harrelson, Zoe Saldana, Willem Dafoe, Sam Shepard und Forest Whitaker. Produziert von Leonardo DiCaprios „Appian Way“ und Ridley Scotts „Scott Free.“ Mit moderatem, aber mehr als dreimal so hohem Budget als sein Erstlingswerk (diesmal standen ihm circa 22 Millionen US-Dollar zur Verfügung). Doch Cooper ist es leider nicht gelungen, den beachtlichen Erfolg seines Debüts an den amerikanischen Kinokassen zu wiederholen: mit einem Einspiel von gerade mal 11 Millionen ist sein im Original als „Out of the Furnace“ betiteltes Werk dort nämlich sang- und klanglos abgeschmiert. Woran das liegt? Vielleicht an falschem Marketing, womöglich an der äußerst pessimistischen Grundstimmung seines Rachedramas. An der Qualität seines brillant gespielten, mit toller Musik unterlegten und famos inszenierten Werks kann es mit Sicherheit nicht gelegen haben.

North Braddock, Pennsylvania, im Jahre 2008: die Zukunft der Familie Baze steht unter keinem guten Stern. Baze Senior (Bingo O‘Malley) liegt im Sterben, seine Söhne Russell (Christian Bale) und Rodney (Casey Affleck) können der Tristesse des Alltags nicht wirklich entfliehen und stehen quasi ohne berufliche Perspektive da. Russell schuftet im Stahlwerk, Rodney dient in der Army. Doch alles kommt noch viel schlimmer: Russell verursacht angetrunken einen Autounfall, bei dem zwei Menschen ums Leben kommen, muss daraufhin ins Gefängnis, verliert seine Freundin Lena (Zoe Saldana) an den Polizisten Wesley Barnes (Forest Whitaker) und kann dadurch noch nicht einmal zur Beerdigung seines Vaters erscheinen. Als er wieder freigelassen wird versucht er, sowohl beruflich als auch sozial wieder Fuß zu fassen und seinen Bruder, der sich in illegalen Fights etwas dazuverdient, davor zu bewahren, sich mit den falschen Leuten einzulassen. Doch Rodney will es noch einmal wissen und wird natürlich genau dann von Redneck Harlan DeGroat (Woody Harrelson), einem psychopathischen Drogendealer und Ausrichter von Bareknuckle-Kämpfen, erschossen. Es kommt, wie es kommen muss und eben genau so wie es der deutsche Titel suggeriert: Russell schwört Rache.

Cooper ist mit „Auge um Auge“ eine starke Milieustudie und ein pessimistischer Gesellschaftskommentar auf die Befindlichkeit der USA vor der Obama-Ära gelungen, welcher mit dem grandiosen Finale die Frage aufwirft, ob es aus diesem Schmelzofen (furnace) überhaupt ein Entkommen geben kann oder ob die Protagonisten seines Films in ihrer einst wirtschaftlich florierenden, doch nun industriell womöglich bald gänzlich brach liegenden Heimatstadt ohnehin zum Scheitern verdammt sind. Sein Rachedrama ist die Geschichte des kleinen Mannes, dem durch sich selbst und andere immer wieder Steine in den Weg gelegt werden, was den Zuschauer ziemlich depressiv stimmen und auf ihn arg zermürbend wirken kann. „Auge um Auge“ bietet große Schauspielkunst, die in drei Momenten besonders stark zur Geltung kommt und dem Zuschauer in den betreffenden Situationen durch Mark und Bein geht. Auch wenn die Dramaturgie einige Male etwas holprig, flott oder zu konstruiert erscheint und dem Film daher womöglich 10-15 Minuten mehr sogar ganz gut getan hätten, entwirft der Film ein glaubwürdiges und mitunter ziemlich desillusionierendes Szenario und begeistert vor allem durch das zumeist gekonnte Umschiffen sich anbahnender Hollywood-Kitsch-Momente.

Fazit: Scott Cooper ist mit „Auge um Auge“ ein überaus sehenswertes Rachedrama und ein Blick in die geschundene Seele der amerikanischen Arbeiterschicht gelungen, die vor allem von den überragenden Leistungen von Bale und Affleck getragen wird. Harrelson spielt als Antagonist mitunter grandios auf, doch bewegt er sich teilweise – aber glücklicherweise nur sehr selten – auch verdächtig nah an der Grenze zum Overacting. Ein deprimierendes Charakterstück, das vielleicht an einigen Stellen erzählerisch etwas abrupt, mitunter zu zermürbend und manchmal doch etwas zu konventionell geraten ist, aber mit glaubwürdigen Figuren punktet. Dass jedoch der unweigerlich stattfindende Racheakt gen Ende noch nicht einmal einen Hauch von Befriedigung beim Publikum auslöst, ist sicherlich das größte Verdienst von Coopers zweiter Regiearbeit. In Zahlen: eine starke 7/10.

Autor: Markus Schu

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