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Arrival (2016) Review

© Sony Pictures

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Ein wunderbarer Trend zeichnet sich ab. Nun schon im vierten Jahr in Folge werden wir im Herbst, eigentlich ein gutes Stück nach der Blockbuster-Saison, mit einem groß angelegten Science-Fiction Film beschenkt. Nach „Gravity“ (2013), „Interstellar“ (2014) und „Der Marsianer“ (2015), allesamt von bereits etablierten Größen und in einer ebenso beeindruckenden Größe inszeniert, kommt der diesjährige Sci-Fi-Of-The-Season zuerst mal weniger aufgebauscht daher: Für Denis Villeneuve, trotz der Sporen, die er sich mit seinen vorangegangenen Filmen schon verdienen konnte, ist diese Größenordnung wohl wie eine Probe für seinen kommenden „Blade Runner“. Im Vergleich zu den genannten Filmen wirkt sein aktueller „Arrival“ fast klein – er kostete weniger als die Hälfte des Budgets der jeweiligen anderen Filme. Umso beeindruckender ist der Grad an Überwältigung, die „Arrival“ zu verursachen im Stande ist.

Plötzlich tauchen zwölf schwebende, seltsam anmutende Objekte an verschiedenen Orten der Erdkugel auf. Raumschiffe, darauf kommt die ganze Welt ziemlich schnell, und noch schneller wird über einen ersten Kontakt nachgedacht. Doch wie soll der genau funktionieren? Die Linguistin Dr. Louise Banks (Amy Adams) wird konsultiert, um zusammen mit dem Mathematiker Ian Donnelly (Jeremy Renner) eine Möglichkeit der Kommunikation zu finden. Das ist die Ausgangslage, die „Arrival“ präsentiert. Wer das Glück hatte, noch mit keinem Trailer konfrontiert worden zu sein, dem sei nahegelegt, es dabei auch zu belassen, denn der Trend der Nacherzählung eines Großteils der Handlung, dem die Trailer in den letzten Jahren mehr und mehr verfallen, fand hierbei ebenfalls Anwendung und hat das Potential, viele Momente des Staunens zu ruinieren.

© Sony Pictures

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Dieses Staunen koppelt der Film direkt an das der Protagonisten, besonders an Louise Banks. Die gesamte Invasion erleben wir durch ihre Augen. „Arrival“ ist persönlich statt allumfassend, die Probleme werden immer weltumspannender, während sich die Lösung immer tiefer in Louise verbirgt und auf sie wartet. Obwohl die Raumschiffe in all den Köpfen, über denen sie plötzlich schweben, selbstverständlich universelle Fragen aufwerfen können und die Bevölkerung global in Unruhe versetzen, bleiben wir durchweg bei Louise. Während sie die immer neuen Rätsel und Hürden auf sich nimmt, die sich ihr entgegensetzen, entfaltet sich ein immer größer werdender Komplex um ihre persönliche Vergangenheit und Zukunft. Und Villeneuve stellt dieses stark persönliche Schicksal in den „großen“ Kontext – Louise muss den Kontakt erfolgreich aufnehmen, um die ins Wanken gebrachte Erde wieder zu stabilisieren, vordergründig jedoch muss sie mit sich selbst ins Reine kommen.

Überdies ist „Arrival“ eine Verneigung vor dem Kino selbst. Wie Villeneuve es vermag, die „ersten“ Momente und Durchbrüche zu inszenieren, die einer First-Contact-Geschichte immanent sind, ist eine wundervolle Liebeserklärung an die Kraft des Kinos. Alles, was sich hier abspielen wird, was uns in Staunen versetzt, uns vielleicht Angst einjagt oder Hoffnung gibt, spielt sich in einem schwarzen Raum mit einer Leinwand ab, auf welche die Wissenschaftler (und wir) in der Hoffnung auf Antworten starren. Diese Bilder, die gleichsam immer wieder den großen Science-Fiction-Klassikern Tribut zollen, lassen zusammen mit dem großartigen Soundtrack eine ungemeine Intensität entstehen. Die erste Einstellung, die uns das seltsame Raumschiff in Nebelschwaden über einer riesigen grünen Wiese zeigt, ist pures Spektakel. Elegant und bedrohlich zugleich, genau wie die unerklärlichen Gebilde im Himmel. Tatsächlich ist dies einer der beeindruckendsten Kinomomente des Jahres.

Villeneuve hat die Aufnahmeprüfung bestanden, „Arrival“ ist ein unvorhergesehen wunderbarer Film geworden. Intelligente und gleichsam hochemotionale Science-Fiction beherrscht dieser Regisseur offensichtlich. Hoffentlich wird er das Tannhäuser Tor unbeschadet durchschreiten.

Autor: Roman Widera

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