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Annabelle (2014) Review

Annabelle 1

Eine Puppe, die Menschen terrorisiert. Ja, irgendwie kommt uns das bekannt vor. Was „Chucky – Die Mörderpuppe“ 1988 schon erfolgreich gelang, kann jetzt doch nicht schiefgehen, oder? Eigentlich hat das Produktionsteam von „Annabelle“ auch alles in den Topf geworden, um einen Horrorerfolg zu garantieren. Eine extrem gruselige Puppe, die blutverklebten Hände der „Saw“-Produzenten (James Wan) und den Kameramann von „The Conjuring“ (John R. Leonetti), der für „Annabelle“ nun im Regiestuhl sitzt. Die Story ist dazu noch in die Geschehnisse um „The Conjuring“ eingebettet, wobei Annabelle die weggesperrte Puppe aus dem Kuriositätenkabinett des verfluchten Hauses war. Doch aller guten Voraussetzungen zum Trotz will sich das Gruseln nicht so recht einstellen.

Das liegt zum einen daran, dass man alles irgendwoher kennt und schon gesehen hat. Die Exposition der Story erinnert an ein Manson-Massaker. Annabelle selbst wirkt wie Chuckys apathische Halbschwester. Die leblose Hauptfigur, um die sich die Story dreht, hat dabei nicht nur eine stoische Ruhe, sondern strahlt zudem etwas Tödliches aus: Mörderische Langeweile! Die Close-Ups und ruhigen Fahrten auf das Puppengesicht erscheinen dabei sogar lächerlich. Denn die unheimliche Stimmung, die uns dadurch suggeriert werden soll, stellt sich leider nicht ein. Vielmehr wird man ungeduldig: Wann macht diese Annabelle mal endlich was?

Zugegeben, die Arme hat es auch schwer. Sie muss in die Fußstapfen ihres älteren Bruders Chucky treten und man verlangt daher eine Menge von ihr. Doch dass sie sich erst nach über einer Stunde aufrappelt, ist für den Zuschauer die größte Strapaze des Films. Denn vorher müssen wir uns mit Klischees des Horrorgenres umherschlagen. Eine unsichtbare Kraft, die Menschen fortzieht. Türen, die sich bewegen. Alles gehört zum Standardrepertoire im Baukasten der filmischen Gruselabenteuer. Offenbar durchschauen die fleischlichen Figuren dieser Geschichte das ganze Szenario nicht ganz so flink. Aber auch das kann man ihnen nicht verübeln, denn ihre Storywelt ist ebenso oberflächlich wie sie selbst. Selbstverständlich braucht es im Horrorfilm auch keine tiefenpsychologische Ausweitung der Charaktere oder raffinierte Subplots, aber ein wenig Originalität an der ein oder anderen Stelle würde den Gänsehautfaktor vielleicht erhöhen. Stattdessen: Ein Neugeborenes und die Geschichte, wie die Eltern die Seele ihres Kindes beschützen wollen, da natürlich ein böser Dämon mal wieder Jagd auf Neugeborene macht. Einen Priester gibt es auch noch. Keine Dämonenparty ohne Priester – das versteht sich von selbst.

Annabelle 2

Ob der Dämon dabei nun Besitz von einer Puppe, einem Stuhl oder einem Apfel ergriffen hat, ist im Grunde egal. Der große Trick besteht darin, wie man das Ganze inszeniert. Und obgleich das verstörende Prozellangesicht von Annabelle ideal erscheint, um das Dämonische zu verkörpern, gewinnt sie nicht die gleiche Leinwandpräsenz wie einst Chucky. Das Problem ist hier der Fokus – Chucky stand voll im Zentrum, Emily aus „Der Exorzismus der Emily Rose“ stand als mehrschichtige Figur ebenfalls originell im Mittelpunkt der Erzählung. Doch in „Annabelle“ hat es das Drehbuch (Gary Dauberman) nicht verstanden, Annabelle als Figur spannend einzusetzen. Stattdessen baut man eine willkürliche Menge Geisterscheinungen und übernatürliche Phänomene ein, die allesamt auch ohne diese Puppe funktionieren würden. Annabelle wird damit überflüssig.

Das ist schade, denn optisch hat sowohl die Puppe Annabelle als auch das Setting einiges herzugeben. Einzelne Sequenzen sind ideenreich arrangiert und bildtechnisch originell. Hierzu ein kurzer Ausritt in die Gruseltheorie: Ein Jump Scare führt einen Schreckmoment herbei, der im Film mit einer plötzlichen Lautstärkeerhöhung oder Bildeinblendung initiiert wird. Dieser Schreckmoment kann auch erwartet werden, wodurch eine Spannungsphase entsteht, die sich nach dem Jump Scare auflöst. Wichtig ist hierbei: Es sind Kontraste, die uns erschrecken. Die paralysierende Stille, in der plötzlich ein durchdringender Schrei erhellt. Das tiefschwarze Zimmer und der ängstliche Protagonist, hinter dem aus dem Nichts eine Messerklinge aufblitzt. Selbst als Klischee funktionieren diese Schreckmomente. Der Film „Annabelle“ arbeitet mit einigen dieser herkömmlichen Jump Scares, die auch durchaus ihre Wirkung zeigen. Doch in zwei Sequenzen wurde kreativ weitergedacht, indem der Jump Scare nicht nur schnitttechnisch originell und erschreckend konstruiert wurde, sondern dadurch auch inhaltliche Aspekte erweitert wurden. Was genau ich aber mit diesen kryptischen Worten meine, müsst ihr schon selbst erleben!

Der Franchise-Wahn, der in den Studios ausgebrochen ist, macht auch nicht vor dem Horrorgenre halt. Dabei ist die lose Verbindung zu „The Conjuring“ auch nicht wirklich notwendig. Vielleicht ist sogar aus der zwanghaften Eile, ein Prequel machen zu müssen, der Film zu einem halbgaren Aufguss verkommen. Denn in nur 14 Monaten wurde Annabelle geschrieben, geplant, gedreht und nachproduziert. Bei solch einem Spurt ist es schon nachvollziehbar, dass man auf abgestandene Ideen zurückgreifen muss, um überhaupt etwas im Kasten zu haben. Doch auch der goldene Marketingsatz, es basiere auf wahren Ereignisse, lässt eine trübe Story nicht mystisch werden.

Autor: David Daubitz

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