Ein Kommentar

American Hustle (2013) Review

Wenn zwei Filme ein und desselben Regisseurs bei zwei Oscarverleihungen hintereinander jeweils Nominierungen in allen Kategorien der so genannten „Big Five“ (bester Film, beste Regie, bestes Drehbuch, bester Hauptdarsteller, beste Hauptdarstellerin) absahnen, dann hat man es entweder mit unglaublich geschicktem Marketing oder mit einem schlichtweg begnadeten Filmemacher zu tun. Und auch wenn ersteres bei „Silver Linings“ (2012) und „American Hustle“ (2013) sicher eine Rolle gespielt hat, so ist David O. Russell ein ohne Zweifel in der Tat begnadeter Filmemacher, der sich spätestens mit „The Fighter“ (2010) einen Namen machte in Hollywood und es schaffte, einen eigenen Stil zu etablieren: Drama, leichtfüßig gemischt mit Komödie, von Film zu Film mal in die eine, dann mal in die andere Richtung gehend, woraufhin zwar nicht immer, aber doch zumeist die Komödie gewinnt. „Capra bipolar“ nannte ihn die „Süddeutsche Zeitung“ einst und auch sein neuestes Werk ist ein Film mit Ausstrahlung, das zwar an „Silver Linings“ nicht hundertprozentig herankommt. Aber das macht nichts.

Irving Rosenfeld (Christian Bale) ist ein Kreditbetrüger im New York von 1978, nebenbei handelt er mit gefälschter Kunst und lässt es sich gut gehen. Seine Frau Rosalyn (Jennifer Lawrence) ist hysterische Mutter eines Sohns, den Irving adoptiert hat. So ganz heißt sie seine Geschäfte nicht gut, beschwert sich aber dann doch nicht über das Geld, mit welchem sie ihr Dasein inmitten von täglichem Fernsehen und explodierenden Mikrowellen fristen kann. Irving lernt auf einer Party Sydney Prosser (Amy Adams) kennen, die sich aus Prestigegründen Edith nennt, und ist hin und weg von ihr. Sie betrügen bald zusammen verzweifelte Leute um ihr Geld und sind gut darin. Bis ihnen der FBI-Agent Richie DiMaso (Bradley Cooper) auf die Spur kommt und ihnen einen Deal anbietet: Irving liefert ihm vier große Namen von Wirtschaftskriminellen und er lässt ihn und Sydney frei. So machen sie sich daran, den Politiker Carmine Polito (Jeremy Renner) in eine Falle zu locken. Eine Nummer zu groß, findet Richies Chef Stoddard Thorsen (Louis C.K.). Da geht noch mehr, findet Richie. Aber bald verliert er den Überblick, wer wann mit wem eigentlich was unternimmt und dem Zuschauer ergeht es zunächst ähnlich…

Was kein Problem darstellt, da „American Hustle“ genau daraus seine Stärken bezieht. Die Dramaturgie ist kaum vorhersehbar und hält so den Zuschauer durch gezielte Spannungsdynamik bei der Stange. Der Film schlägt Haken nach Haken, denn selten funktioniert einer der von Irving, Richie oder Sydney ausgedachten Pläne so wie geplant. Probleme, Unwägbarkeiten, spontan zu lösende Situationen tauchen auf und das Drehbuch meistert sie mit Bravour. Komplikation um Komplikation entsteht, bis sich die Charaktere im unaufhörlichen Spiel der gegen Ende zumeist wenig charmanten Perspektiven verlieren. Die Handlung folgt dabei eigentlich einem klassischen Quest-Muster. Erstes großes Vorhaben: Irving und Sydney müssen vier Kriminelle an Land ziehen. Problem: Jemand betritt die Bühne, der das Geschehen unter andere Vorzeichen stellt. Zweites großes Vorhaben: Irving und Syndey müssen ihre eigene Haut retten. Garniert wird das Ganze mit zumeist abrupten Zwischenepisoden: Charakterisierungen von Nebenfiguren, Ausflüge in die nähere oder fernere Vergangenheit und über allem schwebt sich in mehreren Erzählern manifestierende und damit ständig wechselnde Perspektive auf das Geschehen, die so etwas wie einen objektiven Zugriff gar nicht erst zu wollen scheint. Es ist das Verdienst des (Mit-)Drehbuchautors und Regisseurs, dass der Film seine innere Konsistenz bewahrt und niemals abdriftet. Wohin auch? David O. Russell macht schlichtweg Nebenschauplätze zu Hauptschauplätzen, lässt seine Figuren brillante Dialoge sprechen und sie Situationen krachenden Humors durchleben. Hier wird alles eingebettet, was geht. Und das funktioniert.

Und zwar nicht zuletzt deswegen, weil der Film bei durchaus vorhandenem Potenzial für dramatische Momente einfach brüllend komisch ist. Zu großen Teilen resultiert die komödiantische Wirkung aus den erwähnten Abschweifungen, stilistisch herausragend in Szene gesetzt und zumeist von einer der Figuren eher trocken kommentiert. „Sie war der Picasso des passiv-aggressiven Karate.“ So spricht Irving Rosenfeld über seine Frau. Das sind Sätze, die sowohl einem unzurechnungsfähigen Kreditbetrüger als auch einem Drehbuchautor erst einmal einfallen müssen.

Neben den monologisierten Off-Kommentaren tun die (übrigens an einigen Stellen improvisierten) Dialogszenen ihr Übriges bezüglich des Humors. Die Gespräche unter vier, sechs oder acht Augen sind ausgezeichnet geschrieben, tadellos in Szene gesetzt und die von vorne bis hinten kaputten Figuren, die sie führen, sind großartig gespielt. Womit das absolute Highlight von „American Hustle“ erreicht wäre: die Schauspielleistungen. Alle Darsteller spielen ohne Ausnahme herausragend; nicht umsonst hat David O. Russell sieben der Schauspieler ihre Rolle auf den Leib geschrieben. Christian Bale ist fantastisch und schafft es, in Sekunden von geschäftsmäßiger Seriosität hin zu wütender Raserei zu wechseln und nebenbei einen Ausflug in berauschte Männlichkeit zu machen. Amy Adams spielt die ganze Verzweiflung ihrer Figur aus, sie heult, sie schreit, sie intrigiert und ist sich auch für das ausgefallenste Kostüm nicht zu schade. Die im positiven Sinne überraschendste Leistung liefert jedoch Bradley Cooper ab, der nach dem noch etwas bemüht ernsten Schauspiel in „The Place Beyond the Pines“ (2012) nun endgültig zeigt, dass er weitaus mehr kann als Filme wie „Die Hochzeits-Crasher“ (2005), „Er steht einfach nicht auf dich“ (2009) oder „Hangover“ (2009). Die Besessenheit, mit der seine Figur hinter jedem erdenklichen Kriminellen her ist, resultiert nach einiger Zeit in einer schon fast manischen Vehemenz durchgeknallten Verhaltens, welches er bis zum letzten Gesichtszug eindringlich ausreizt. Jennifer Lawrence spielt bei den Frauen zwar die zweite Geige, was sie jedoch nicht davon abhält, ihre Rosalyn mit dem Nachdruck einer fast schon fatalistischen Intensität zu verkörpern, die sich niemals so ganz einschätzen lässt. Auf der einen Seite die naive Hausfrau, die gerne mal Lampen in Brand setzt, auf der anderen Seite die gerissene und manipulative Ehefrau. Virtuos changiert sie zwischen den Polen und setzt dem Ganzen mit einer tänzerisch eher unkonventionellen Hausputzperformance gegen Ende die Krone auf. Jeremy Renner kann sich zwar im Gegensatz zu den anderen nicht so sehr profilieren, demonstriert jedoch, dass auch er zu deutlich mehr in der Lage ist, als mit Pfeil und Bogen dauerhaft grimmig schauend zwischen Superhelden hin- und herzumarschieren. Der Stand-Up-Komiker Louis C.K. macht das, was er am besten kann, nämlich als verzweifelter FBI-Vorgesetzter das komödiantische Potenzial in die Höhe zu schrauben. Erwähnung verdienen weiterhin Anthony Amado als karriereversessener Staatsanwalt und der überragende Gastauftritt eines alten Schauspielmeisters…

Auch wenn das rotzig-charmante Flair, das „Silver Linings“ noch umwehte, bei „American Hustle“ fehlt, so liefert David O. Russell ein hervorragendes Werk ab, das zu Recht als einer der Favoriten im diesjährigen Oscar-Rennen gelten darf. Ein feiner, runder Film, der zeigt, wozu ein spielfreudiges und in Harmonie agierendes Gemenge exzellenter Schauspieler in der Lage ist. Und natürlich sei der Regisseur nicht vergessen, denn auf jemanden, der es schafft, in einer derartigen Frequenz dauerhaft eine solche Qualität zu produzieren, wird auch künftig mit Spannung zu achten sein!

Autor: Jakob Larisch

One Response to “American Hustle (2013) Review”

  1. 1
    F to the Double E Says:

    „… sein neuestes Werk ist ein Film mit Ausstrahlung, das zwar an ‚Silver Linings‘ nicht hundertprozentig herankommt.“ – say what???? Are you serious? Um American Hustle zu zitieren: „That’s bullshit!“

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