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Alles steht Kopf (2015) Review

© Disney / Pixar

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Manche Filme haben diese bittersüßen Momente. Momente, bei denen eure Emotionen in paradoxer Weise gegeneinander kämpfen. Trauer. Euphorie. Melancholie. Heiterkeit. Alles scheint sich zu vermischen. Es sind diese Momente, in denen das Gefühl des Schönen Oberhand gewinnt. Und: Es sind seltene Momente. Umso faszinierender, dass es Pixar beinahe in serieller Produktion schafft, diese besonderen Momente zu erzeugen.

Lisa Simpson sagte einmal, die Animatoren bei Pixar seien die digitalen Rembrandts unserer Zeit – Leinwandmaler. Nun will man sich vielleicht an Stelle Rembrandts einen der abstrakten Maler vorstellen, aber in gewisserweise hat Lisa trotzdem Recht. Denn Pixar hat den Animationsfilm aus seinem Nischendasein befreit und ihn salonfähig gemacht. Animationsfilme sind Werke mit imposanter Wirkung – doch nicht wegen ihrer opulenten Darstellungen. Das Bild ist meistens gefüllt mit einer eigentümlichen Bekanntheit. Lebendige Spielzeuge, sprechende Fische, Autos mit Gesichtern, kochende Ratten, aufräumende Roboter. Animationsfilme wecken etwas auf und bringen etwas zum Vorschein, was vielleicht auf eine andere Art kaum vorstellbar oder visualisierbar wäre.

Und in die Erfolgsgeschichte von Pixar reiht sich nun ein neuer Film: „Alles steht Kopf“. Der neue Film von Regisseur und Drehbuchautor Pete Docter („Toy Story“, „WALL-E“, „Oben“) befasst sich jedoch mit etwas allzu menschlichen: Emotionen. Es ist die Geschichte von Riley, einem jungen Mädchen, deren Leben gehörig durchgewirbelt wird, als ihr Vater aus Jobgründen nach San Francisco umziehen muss. Freundschaften, ihre Leidenschaft für Eishockey und die Familienidylle fangen dabei an zu bröckeln. Doch keine Angst: Riley ist nicht alleine. Denn sie hat ihre Gefühle. Okay, Kommando zurück: Angst ist auch dabei. Denn das Ganze ist in Animationsfilmmanier selbstverständlich sehr bildlich dargestellt. Es sind ihre fünf Grundgefühle Kummer (Sadness), Angst (Fear), Wut (Anger), Ekel (Disgust) und Freude (Joy), die auf der Kommandobrücke in Rileys Kopf ihr Verhalten steuern. Die personifizierten Figuren sind dabei natürlich entsprechend ihrer Aufgabe auch charakterlich gestaltet. Kummer, die bisweilen als Außenseiterin in der Gruppe der Gefühle dasteht, und jedes Erlebnis von Riley negativ einfärbt, sobald sie an die Steuerkonsole tritt, ist selbst eine eher apathische und depressive Figur. Als Kontrapunktierung dient da natürlich Freude, die in ihrer ungebremsten Euphorie alles für Riley tun würde, um sie glücklich zu machen. Und das muss sie schließlich auch. Denn die Story von „Alles steht Kopf“ spaltet sich in zwei smarte Plots, die nebeneinander herlaufen und sich ideal ergänzen. Wir haben das Leben von Riley, was durch den Umzug in eine neue Stadt komplett durcheinander gebracht wird. Und wir haben die Geschichte der Gefühle, die versuchen, dieses Durcheinander aufzuräumen. Dabei entsteht leider ein kleines Missgeschick. Denn sie verlieren Rileys sogenannte Kernerinnerungen. Diese sind essentielle Erfahrungen von Riley, die sie zu dem Menschen machen, der sie ist. Weil sich Kummer ein wenig ungestüm und tollpatschig in der Kommandozentrale verhält, werden diese Kernerinnungen ausversehen in das Langzeitgedächtnis abgesaugt. Nun müssen Freude und Kummer sich auf die Suche machen, diese integralen Bestandteile von Rileys Charakter wieder an ihren Platz zu bringen. Denn prompt in dem Moment, als die Kernerinnerungen verloren gingen, ist mit Riley etwas passiert: Sie wusste nicht mehr so recht, wer sie eigentlich ist.

© Disney / Pixar

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Wir merken schon eines: Die gesamte Geschichte versucht auf niedliche und anschauliche Weise eine sehr bewegende Sache zu verdeutlichen. Es geht um unser Verhalten und wie wir uns selbst zu dem machen, der wir eigentlich sind. Nun mag man glauben, dass dieses doch recht gewichtige Thema von einem augenscheinlichen Kinderfilm kaum getragen werden kann. Doch da täuscht sich derjenige, der das glaubt. Denn „Alles steht Kopf“ ist wie die Pixar-Filme zuvor und wie die etlichen Disney-Filme nicht ausschließlich für Kinder bestimmt. Es gibt sicherlich eine Ebene, die eben genau für diese Zielgruppe angelegt ist. Doch die Aufmachung des Films, die Story und deren Darstellung bietet noch weitere Ebenen, die für Kinder zu komplex sein dürften.

Dabei ist die elegante und brillante Harmonie der beiden Plots nochmals hervorzuheben. Selten hat man eine schönere Symbiose aus zwei Handlungssträngen gesehen, die sich organisch ergänzen und wunderbar aufeinander abgestimmt sind. Keine Szene scheint zuviel, keine Doppeldeutigkeit wirkt erzwungen. Die logische Entscheidung war allerdings auch, sich mehr auf die Geschichte von Freude und Kummer zu konzentrieren, die sich zusammen durch die buchstäblichen Irrgärten des menschlichen Gehirns aufmachen, um Riley wieder glücklich zu machen. Dass dabei auch Freude und Kummer ihre ganz eigenen Schwierigkeiten miteinander haben, die es zu lösen gilt, liegt natürlich auf der Hand. Die aufkommende Emotionalität, die unfassbar starke empathische Verbindung, die dabei erzeugt wird, ist allerdings nicht vorherzusehen. Denn so surreal wie das Werk bisweilen wirkt, so realistisch scheint doch seine Wirkung auf den Zuschauer.

Jedoch ist „Alles steht Kopf“ keinesfalls eine Tragödie. Im Gegenteil. Der Cast, der von Comedykoryphäen wie Amy Poehler oder Bill Hader getragen wird, macht das nochmals deutlich. Der Humor ist eine Mischung aus „Saturday Night Live“ und „Bill und Teds verrückte Reise durch die Zeit“. Und dabei schafft es sowohl der Wortwitz als auch die Handlung nie ins Alberne abzudriften, sondern bleiben auf dem schmalen Grat der Ironie und Situationskomik, die es gekonnt schafft, blitzschnell ins Traurige umzuschlagen. Es ist eben bittersüß. Ein freudiger Schmerz.

„Alles steht Kopf“ ist eine herausragende Leistung auf zwei Ebenen. Zum einen weiß der Film mit seinem Medium zu spielen und kann somit gekonnt Emotionen beim Zuschauer entfalten. Das zeugt von der Reife des Animationsfilms und verdeutlicht, dass es sich dabei nicht um reine Kinderfilme handelt. Zum anderen hat es der Film geschafft, eine durchaus komplexe Thematik anschaulich und leicht zugänglich zu machen. Das Credo von Disney, dass man eine Story erst schreiben kann, nachdem man die Story geschrieben hat, spürt man hier deutlich. Hier stecken Gedanken drin. Hier steckt Leidenschaft drin. Gemessen mit anderen Filmen würde „Alles steht Kopf“ an dieser Stelle mit goldenen Lorbeerblättern überschüttet werden. Doch Pixar setzt sich selbst die Messlatte derart hoch, dass es schwer ist, Filme wie „Toy Story 3″, „WALL-E“ oder „Oben“ zu übertreffen. 9/10

Autor: David Daubitz

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