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A Tale of Two Sisters (2003) Blu-ray-Kritik

© capelight pictures

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Die US-amerikanische Filmindustrie hat hinsichtlich im Horrorgenre verorteter Remakes sich niemals lediglich in der eigenen Geschichte bedient, sondern auch häufig den Blick auf andere Teile der Welt gerichtet. Insbesondere der asiatische Raum sah sich Anfang bis Mitte der 2000er-Jahre steigendem Interesse von US-Produktionsfirmen ausgesetzt, auf der Suche nach Horrorfilmen, die man erfolgreich durch den Remake-Wolf drehen könnte. Insbesondere der so genannte „J-Horror“ aus Japan erwies sich mit den US-Fassungen von „The Ring“ (2002) und „The Grudge“ (2004) als Vorreiter der Welle, entsprechend erlangten auch die Originale „Ringu“ (1999) und „Ju-On“ (2002) eine gewisse internationale Bekanntheit. Doch weitere asiatische, nicht nur aus Japan, sondern auch aus Korea stammende Filme, die als Vorlage für US-Neubearbeitungen herhalten mussten, blieben lange Zeit unentdeckt. Sicher, man weiß irgendwie, dass Filme wie „Pulse“ (2006), „One Missed Call“ (2008) oder „Dark Water“ (2005) Remakes sind, doch erreichten deren Originale (leider) nie einen solchen internationalen Status wie die beiden eingangs genannten Franchises um verfluchte Videokassetten („The Ring“) bzw. Häuser („The Grudge“). Bei Alexandre Ajas „Mirrors“ (2009) wird es schon obskurer; das war ein Remake? (ja, vom koreanischen „Into the Mirror“, 2003). Und auch „Der Fluch der zwei Schwestern“ (2009), mit Emily Browning, Elizabteh Banks und David Strathairn recht prominent besetzt, ist eine Neubearbeitung eines koreanischen Stoffes aus dem Jahr 2003, international wie auch in Deutschland bekannt als „A Tale of Two Sisters“ (2003). Um diesen Film soll es im Folgenden gehen, daher nun kein Wort mehr von US-Remakes.

Basierend auf einer alten koreanischen Volkssage erzählt der Film von den beiden titelgebenden Schwestern Su-mi (Lim Su-jeong) und Su-yeon (Moon Geun-young), die nach einem zunächst nicht näher geklärten Krankenhausaufenthalt wieder zurück ins Haus ihres Vaters (Kim Kap-soo) ziehen und sich dort nicht nur mit seiner abweisenden Art konfrontiert sehen, sondern auch die schwer erträgliche Stiefmutter (Yeom Jeong-a) aushalten müssen, mit der sie ausschließlich gegenseitige Abneigung verbindet. Zudem geschehen seltsame Dinge im Haus und an dieser Stelle sollte man jegliche Inhaltsangabe abbrechen. Denn die Auflösung der Frage, was wann wie und warum passiert, wird mit einigen Twists garniert, bei denen es am besten ist, wenn man nichts über sie weiß.

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„A Tale of Two Sisters“ lässt sich mit seinen knapp zwei Stunden Laufzeit viel Zeit, manchmal zu viel Zeit, um die grundlegenden Konfliktlinien zu etablieren. Es wird relativ schnell klar, dass hier irgendetwas nicht stimmt und es wird relativ schnell klar, wie die Figuren zueinander positioniert sind, was auch mehrfach betont und wiederholt wird, doch darüber hinaus streut der Film längere Zeit kaum Hinweise aus, so dass man als Zuschauer irgendwann ein wenig in der Luft hängt. Erst ab etwa der Hälfte der Laufzeit geht es Schlag auf Schlag, nach und nach löst sich das zugrunde liegende Rätsel, der Mindgame-Film mit all seinen Wendungen entfaltet sich, die Narration nimmt an Fahrt auf und entschädigt in gewisser Weise für die teils leichten Längen der ersten knappen Stunde. Hier greift schließlich alles ineinander, temporeiche Dramaturgie und straffe Inszenierung.

Stichwort: In gewisser Weise wettmachen kann Regisseur Kim Jee-woon die ab und an etwas langsam vorankommende Erzählung zudem durch die sehr elaborierte und elegante visuelle Gestaltung, die meisterlich eine unheimliche Atmosphäre evoziert, welche sich bereits in der Ansicht schummrig beleuchteter Flure manifestiert. Selten verlässt der Film das Haus bzw. dessen nächste Umgebung und Kim greift zu einigen inszenatorischen Kniffen, um das Unheimliche und dabei auch Uneindeutige dieses Hauses in entsprechende Bilder zu übersetzen. Er arbeitet mit expressiven Farben und mit gezielter Lichtsetzung, mit dem Kontrast von dunklen Räumen und der hellen Natur, mit einer genau durchkomponierten Bildkomposition und teils symbolischen Einstellungen, die auf versteckte Weise die Auflösung des Filmes bereits andeuten und somit auch eine Zweitsichtung ermutigen. Da ist es fast schon ein wenig schade, dass ein stilistisch derart begabter Regisseur sich für den Einstieg in des Rätsels Lösung auf einen simplen Dialog verlässt und keinen visuellen Ausdruck findet; immerhin werden an anderer Stelle andere Bausteine zur Erkenntnis dessen, was hier eigentlich in der Vergangenheit passiert ist und immer noch die Gegenwart beeinflusst, durch kurze Montagesequenzen eingeleitet, die das bisher Gesehene in Frage stellen und somit die Grenze zwischen Realität und Einbildung (Traum?), unter anderem verdeutlicht durch die hohe Anzahl an Spiegeln, durchlässig werden lassen, den Zuschauer darauf vorbereiten, dass er den Bildern nicht vertrauen darf und kann. Denn das ist das Wichtigste bei „A Tale of Two Sisters“: nichts ist, wie es scheint.

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Die Edition: capelight pictures mausert sich neben dem Label für japanische Filme vom Schlage eines Takeshi Kitano langsam auch zum Nummer-Eins-Label für das koreanische Filmschaffen, so jüngst „Burning“ und „Parasite“ (das darf gerne so weitergehen). „A Tale of Two Sisters“ erscheint in der bewährten Mediabook-Reihe, dieses Mal mit edler Quasi-Leder-Optik, einem Booklet von Lukas Barwenczik und einiges an Bonus. Highlight ist sicherlich das knapp einstündige Making-Of, der Rest ist eher knapp gehalten und man muss dazu sagen, dass Regisseur Kim in „Analyse der Erzählstruktur“ alles Mögliche tut, aber nicht die Erzählstruktur analysiert, sondern eher über die Vorzüge des Horrorgenres spricht (ebenso wie in „Kim Jee-woon über die Faszination des Horrorfilms“, was beides aber nicht weniger sehenswert macht). Dem Psychiater, der den Film aus seiner wissenschaftlichen Expertise beleuchtet, hätte eventuell etwas mehr Enthusiasmus ganz gut zu Gesicht gestanden, aber sei’s drum, denn es gibt zusätzlich einen Audiokommentar, entfallene Szenen und Interviews, so dass man mit Hintergrundinformationen ziemlich gut bedient ist.

Autor: Jakob Larisch

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