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96 Hours – Taken 2 (2012) Review

 © EUROPACORP / M6 FILMS / GRIVE PRODUCTIONS

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Liam Neeson als Urgewalt: innerhalb von 72 Stunden (ja, er hat noch nicht einmal 96 gebraucht!) hatte er seine Tochter in der 12-Millionen-Einwohner-Metropole Paris in Pierre Morels „96 Hours“ aus den Klauen eines albanischen Mädchenhändlerrings befreit und dabei keinen Stein auf dem anderen gelassen. Das Publikum hat sich daran sehr erfreut, weswegen es dem günstig produzierten Actioner (Budget: 25 Millionen) ein sagenhaftes Einspielergebnis von rund 227 Millionen US-Dollar bescherte. Produzent und Drehbuchautor Luc Besson konnte sich dann wieder einmal auf die eigene Schulter klopfen und fasste mit seinem Co-Autor Robert Mark Kamen den „künstlerischen“ Entschluss, den ehemaligen CIA-Mann Bryan Mills einfach erneut ins Gefecht zu schicken! Und mit welch einer Bomben-Idee: Denn dieses Mal werden einfach Mills und seine Ex-Frau Leonore (Famke Janssen) in Istanbul von der Verwandtschaft der getöteten Bösewichte aus dem ersten Teil entführt und es obliegt erst einmal Kim (Maggie Grace), ihre Eltern aus ihrer misslichen Lage zu befreien. Ob das gelingen kann? Und viel wichtiger: Gibt’s noch genug Bryan-Mills’sches Inferno?

„96 Hours – Taken 2“ ist ein leidlich unterhaltsamer Aufguss des ersten Teils und macht, was den Plot anbelangt, so ziemlich alles falsch, was man falsch machen kann. Klar, auch Teil 1 glänzte nicht gerade mit ausdifferenzierten Figuren, war sich dieser Mängel aber bewusst und preschte daher einfach nur rund 90 Minuten in solch einem Tempo nach vorne, dass man als Zuschauer trotz minimaler Kritikpunkte sehr gut unterhalten wurde. „Taken 2“ macht jetzt einfach noch mal das gleiche, jedoch mit etwas anderen Vorzeichen. Leonore und ihr jetziger Ehemann stehen kurz vor der Scheidung, Bryan ist natürlich für sie und ihre gemeinsame Tochter da und bietet ihnen an, nach Istanbul zu kommen, um dort etwas Urlaub zu verbringen, nachdem er seinen dortigen Bodyguard-Job erledigt hat. Von Traumata dank der Ereignisse des ersten Teils keine Spur. Das muss natürlich auch nicht sein, bei „Stirb Langsam 2“ hat ja auch McClanes Ehefrau keine Traumata davon getragen, jedoch besteht zwischen den „Stirb Langsam“-Filmen auch eigentlich nie ein relevanter, direkter kausaler Zusammenhang (okay, die Brüder-Story von Teil 1 zu Teil 3 mal außen vor) – bei „Taken“ und „Taken 2“ hingegen schon und genau das kann man als größte Fehlkonzeption des gesamten zweiten Films ausmachen. Die Antagonisten sind noch stumpfer als im ersten Teil, ihre Motivation aus der Trauer heraus kann man als Zuschauer nur mit einem Lachen goutieren. „Unsere Söhne, Enkel, Väter, Ehemänner waren zwar richtige Mist-Schweine, aber Familie Mills muss trotzdem dafür büßen!“ Da bin ich als Zuschauer bereits ausgestiegen (also nach den ersten fünf Minuten).

 © EUROPACORP / M6 FILMS / GRIVE PRODUCTIONS

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An und für sich wäre das alles kein sonderlich großes Problem, wäre das zweite Action-Abenteuer der Ein-Mann-Armee wenigstens genauso rasant in Szene gesetzt wie der erste Teil. Oder hätte man sich selbstironisch mit der ultra-reißerischen Prämisse auseinander gesetzt. Aber nein: Besson, Kamen und Regisseur Olivier Megaton scheinen das alles bierernst zu meinen. Doch kann man das tatsächlich alles ernst meinen? Man kann wohl. Auch der Schnitt in den Actionszenen gefällt nicht mehr so gut wie die Montage in „96 Hours“, in den Dialogen wurde teilweise geradezu unterirdisch mieses und verwirrendes Editing betrieben. Die wenigen netten Ideen, die „Taken 2“ vorweisen kann (z.B. Mills‘ Rekonstruktion des Fahrtweges der Entführer, um zum Aufenthaltsort seiner Frau zu gelangen oder das Telefonat mit seiner Tochter, um seinen Standort zu bestimmen), können nicht darüber hinweg täuschen, dass an vielen Stellen viel zu viel Humbug geschieht, sogar bei den eigentlich guten Einfällen: Die Storyline mit Kims Freund Jamie (Luke Grimes), Kims Fahrkünste, die Idee mit den Handgranaten – alles zwar ganz nett, aber im Endeffekt völlig überzogen oder absurd und damit schon wieder unnötig und uninteressant. Den Figuren fehlt ohnehin die Fallhöhe – zu keiner Minute fiebert man mit den Helden so richtig mit. Die fehlende Eigenständigkeit oder Kreativität wird auch daran ersichtlich, wie uninspiriert mit den Original-Songs „Tick of the Clock“ von Chromatics oder „Too Close“ von Alex Clare umgegangen wird: Die zwei großartigen Tracks werden total lieblos eingesetzt, weil sie wohl schon irgendwie passen werden. Tun sie aber nicht, zumindest nicht so richtig. So wirkt das Endergebnis eher bescheiden, die potenzielle Wirkung verpufft fast gänzlich. Auch die Bildbearbeitung gerät an manchen Stellen zu hip, gerade die Opening Credits erinnern an Tony Scotts Videoclip-Ästhetik, doch die hat schließlich auch nicht immer funktioniert. In diesem Falle also: Irgendwie ganz stylisch, aber irgendwie auch viel zu verspielt und over the top.

Alles in allem bleibt Folgendes festzuhalten: Einige nette Action- und Plot-Einfälle können nicht darüber hinweg täuschen, dass der zweite Teil der „Taken“-Trilogie (Teil 3 startet am 8.1.15) in fast sämtlichen Belangen scheitert. Wo Teil 1 trotz hanebüchenem Plot durch Konsequenz und Stil etwas Besonderes war und zu Recht als moderner Action-Klassiker gilt, kopiert Teil 2 einfach stümperhaft seinen Vorgänger und bietet kaum etwas Eigenständiges oder Denkwürdiges. Die Antagonisten sind beschissen (Kardinalfehler!), der Schlussakt fesselt überhaupt nicht, das Konzept ist todernst und daher oftmals unfreiwillig komisch. Vielleicht hätte man aus dem Trauma-Ballast aus Teil 1 etwas basteln oder einfach mehr Selbstironie integrieren können, so wurden allerdings all diese Chancen verschenkt. „Taken 2“ bietet nur einen stumpfsinnigen Action-Plot mit gnadenlos dummem Pseudo-Moral-Ende und noch dümmerem Epilog. Wo soll das alles nur mit Teil 3 hinführen? 4/10

Autor: Markus Schu

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