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25 km/h (2018) Review

© Sony Pictures

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2010 drehten sie „Friendship“ zusammen und nun sind Regisseur Markus Goller und Drehbuchautor Oliver Ziegenbalg wieder vereint. Wieder mit einem Roadmovie, diesmal geht die Reise allerdings nicht nach der Öffnung der DDR quer durch die USA, sondern auf Mofas vom Schwarzwald an die Ostsee. Auch machen nicht zwei junge Freunde ihren ersten großen Trip, sondern zwei Brüder holen nach 30 Jahren die Reise nach, die sie mit 15 geplant haben.

Christian (Lars Eidinger) und Georg Schneider (Bjarne Mädel) – in ihrer Jugend wohl ein Herz und eine Seele – treffen sich zum ersten Mal seit 30 Jahren auf der Beerdigung ihres Vaters. Der inzwischen in Singapur arbeitende Manager Christian erscheint viel zu spät bei dem Begräbnis. Der zu Hause gebliebene Tischler Georg unterbricht beim Erscheinen seines Bruders seine Grabrede und geht stattdessen auf diesen los. Abends alleine im gemeinsamen Elternhaus und unter anderem mit Hilfe von viel Alkohol kommen sich die Brüder nach und nach wieder näher und entdecken ihre alten Reisepläne. Mit 15 wollten sie eine Mofa-Reise an die Ostsee machen. Spontan suchen sie ihre alten Mofas in der Scheune und fahren durch ihr Heimatdorf Löchingen. Noch immer im Anzug und ziemlich betrunken beginnen die Brüder in derselben Nacht spontan ihre Reise an die Ostsee, denn wenn sie es jetzt nicht machen, machen sie es nie. Auf ihrem Weg treffen sie auf die unterschiedlichsten Menschen. Im Dialog mit diesen und miteinander werden die Leben und vielleicht auch die Lebenslügen der beiden aufgedeckt. Gleichzeitig finden die beiden Brüder wieder zueinander und stellen fest, dass ihre alte Liebe füreinander auch nach all der Zeit noch da ist, ganz unabhängig von Streits oder Prügeleien auf der Reise und vielleicht auch unabhängig von dem, was in der Vergangenheit passiert ist.

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Die Geschichte um zwei ungleiche Brüder, die nach langer Abwesenheit voneinander entdecken, dass es doch mehr gibt, was sie verbindet als was sie trennt, ist natürlich alles andere als neu. In Verbindung mit dem im ganzen Film mitschwingenden – wenn auch immerhin nicht wortwörtlich angesprochenen – Mantra unserer Zeit: „Entschleunigung“, das sich ja alleine schon im Titel widerspiegelt, hat der Grundplot demnach definitiv ein Klischeeproblem. Nichtsdestotrotz macht „25 km/h“ großen Spaß und lebt mühelos von der Interaktion der Charaktere miteinander.  Insbesondere gilt das für die Dynamik zwischen den beiden Brüdern. Man kann richtiggehend spüren, wie die enge Verbindung der beiden fast sofort wieder auflebt. Dabei werden alte Probleme, zum Beispiel mit dem gemeinsamen Vater, zwar angesprochen, aber angenehmerweise nicht pseudo-tiefgängig wiedergekaut, sondern stattdessen nur angedeutet und verziehen. Zwar wirkt die Tatsache, dass die beiden Brüder trotz der scheinbar damals sehr engen Beziehung 30 Jahre lang kaum Kontakt hatten, dadurch etwas unrealistisch, aber einer ausführlicheren Beschäftigung mit alten tiefgehenden Problemen neben der eigentlichen Handlung des Films wäre man vermutlich schwerlich gerecht geworden. Zusätzlich gibt dieser Umstand die Ereignisse wieder als das, was sie sind: eigentlich unbedeutende, lange in der Vergangenheit liegende Dinge, um die Groll niemandem mehr etwas nützt. Erwähnenswert sind auch die Leistungen von Lars Eidinger und Bjarne Mädel, welche die ungleichen Geschwister und deren Zusammenspiel in lustigen wie emotionalen Momenten hervorragend verkörpern. Bjarne Mädel ist neben Lars Eidinger eventuell ein wenig blasser, aber das liegt eher daran, dass der Film sich auch deutlich mehr auf Christians Probleme mit seinem Leben konzentriert. Das mag damit zusammenhängen, dass der Roadtrip zwar bei beiden deutlich macht, dass sie nicht unbedingt zufrieden sind, aber Christian vielleicht in seinem Leben als weit herum gekommener Manager und Workaholic ohne Privatleben doch deutlich unglücklicher ist als sein Bruder. Der hat wiederum wohl einige Chancen in seinem Leben verpasst – insbesondere seine Jugendliebe – aber wirkt auf der anderen Seite deutlich geerdeter als Christian.

Hinzu kommt, dass der Film, sowohl durch die ironischen Dialoge als auch durch die generelle Inszenierung der einzelnen Szenen, es jederzeit treffend schafft, die aktuelle Stimmung wiederzugeben, egal ob auf der Straße, beim Weinfest oder während eines wahrhaft epischen Tischtennismatchs. Man langweilt sich nie, trotz der theoretisch langsamen Reisegeschwindigkeit. Es gibt viele Situationen, in denen zwar nicht unbedingt viel passiert, aber besonders in diesen leiseren Momenten ist der Film sehr stark, sowohl auf emotionaler als auch auf humorvoller Ebene. Insgesamt ist „25 km/h“ mit viel Situationskomik, aber auch durch Spitzen, die sich die Charaktere zuwerfen sowie einer gewissen Selbstironie schlicht sehr lustig. Allerdings schießt, insbesondere im Vergleich zu den ruhigeren Momenten, die – trotzdem auch dann durchaus amüsante – Situationskomik an einigen wenigen Stellen etwas über das Ziel hinaus.

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Die Handlung des Films arbeitet sich quasi von einer Reisestation zu nächsten vor, wodurch die Brüder auch immer wieder auf komplett unterschiedliche (sehr gute besetzte) Personen treffen und mit diesen interagieren. Dabei treten durchaus immer wieder etwas klischeehaftere Charaktere auf und die einzelnen Episoden verlaufen mal mehr und mal weniger überraschend, aber insgesamt wirken weder die Interaktion der Nebencharaktere mit den Brüdern noch die Nebencharaktere selbst eindimensional, da der Film zwar auch sie mit einer gewissen Ironie betrachtet, aber trotzdem den Brüdern den Raum lässt, vorbehaltlos auf sie einzugehen. Dadurch hat jeder Abschnitt einen gewissen Einfluss auf die Brüder, ebenso wie umgekehrt. Das wiederum passt zu dem allgemeinen Roadtrip-Feeling des Films. Er macht dabei auch nicht den Fehler, den Einfluss der Nebencharaktere oder des Ausbruchs aus dem Alltag überzubewerten. Unzufriedenheiten und Defizite werden zwar aufgezeigt, aber führen nicht automatisch zu einer Lösung, allenfalls wird diese angedeutet. Inwiefern die Brüder tatsächlich den Mut haben, sie auf ihr Leben dauerhaft anzuwenden, bleibt wiederum offen. In jedem Fall schwingt über den kompletten Film die Frage mit, wann ist „zu spät“ oder: gibt es das überhaupt?

Einzig ein wenig schade ist, dass der Film gegen Ende hin diese gewisse Roadtrip-Stimmung von alltagsferner Spontanität etwas verliert, weil die vorletzte Station sich konkret mit Christians Vergangenheit auseinandersetzt, was mit einem spezifischen Reiseziel verbunden ist. Zwar ist auch der Umgang mit dieser Station weder schlecht noch ein Bruch in der Geschichte oder in den Charakteren, aber definitiv darin, wie die Geschichte verläuft. Das führt zumindest dazu, dass man sich im Nachhinein vielleicht wünscht, dass man vielleicht doch noch ein klein wenig länger mit den Brüdern auf dem sorgloseren Teil der Reise hätte verbringen können. Aber so sind Roadtrips eben. Irgendwann sind sie vorbei.

Autorin: Clara Roos

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