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12 Years a Slave (2013) Review

Dass sich die USA alle Jahre wieder kurz vor der Oscar-Verleihung auf filmischer Ebene verstärkt mit ihrer Geschichte auseinandersetzen oder auf direktem Wege den Status ihrer aktuellen Gesellschaft verhandeln, ist mittlerweile schon fast zur Tradition geworden. Der richtig gesetzte Starttermin politisch wichtiger (oder auch nur sich wichtig nehmender) Filme pünktlich zur so genannten „Award Season“ sichert fast immer einen Platz in den Auflistungen diverser Preisverleihungen und wird final nicht selten mit einer Nominierung für den begehrtesten Filmpreis der Welt belohnt. „Lincoln“, „Zero Dark Thirty“, „Extrem laut & unglaublich nah“, „The Help“, „The Blind Side“, „Argo“ oder „The Hurt Locker“ sind nur ein paar Beispiele der vergangenen Jahre, von denen die letzten beiden ihre Nominierungen dann auch tatsächlich in eine Auszeichnung umwandeln konnten. Auch dieses Jahr gestaltet sich das Bild nicht wirklich anders und dass „12 Years a Slave“ vergangenen Sonntag den Golden Globe in der Kategorie Drama gewann, macht ihn einmal mehr zum Top-Favoriten für die Anfang März stattfindende Verleihung der Academy Awards.

Der afro-amerikanische Violinist Solomon Northup (Chiwetel Eijofor) lebt 1841 mit seiner Familie als freier Mann in New York. Als seine Frau für mehrere Wochen verreist, wird er von zwei angeblichen Zirkusartisten mit einem vielversprechenden Angebot nach Washington gelockt, dort jedoch entführt und als Sklave in die Südstaaten verkauft. In New Orleans erwirbt ihn der Plantagenbesitzer William Ford (Benedict Cumberbatch), mit dessen Vorarbeiter John Tibeats (Paul Dano) Solomon nach einiger Zeit in einen Konflikt gerät, der schließlich eskaliert. Ford sieht sich gezwungen, ihn an den sadistischen Edwin Epps (Michael Fassbender) zu verkaufen, auf dessen Plantage Solomon und die anderen Sklaven beständig schikaniert und häufig auch brutal gefoltert werden. Versuche der Kontaktaufnahme mit der Außenwelt schlagen fehl, so dass Solomon es erst wagt, Hoffnung zu schöpfen, als der Zimmermann und Sklavereigegner Samuel Bass (Brad Pitt) auf Epps‘ Plantage auftaucht…

Der nach „Hunger“ (2008) und „Shame“ (2011) dritte Film des britischen Regisseurs Steve McQueen behandelt erneut ein brisantes Thema, welches der Zuschauer in drastischen Bildern präsentiert bekommt. Wenn zum Beispiel Solomon von Epps gezwungen wird, die junge Slavin Patsey (Lupita Nyong’o) auszupeitschen, was Epps schließlich nach kurzer Zeit selbst übernimmt, präsentiert McQueen nicht nur im Wechsel das schmerzverzerrte Gesicht der Frau und den peitschenschwingenden Michael Fassbender, sondern zeigt entgegen spezifischer Hollywood-Konventionen noch eine längere Einstellung ihres völlig blutig geschlagenen Rückens. Gewalt und insbesondere ihre Folgen ziehen sich durch den gesamten Film und McQueen demonstriert nicht nur den Akt ihrer Ausübung, sondern auch stets ihr schockierendes Ergebnis. Hierin liegt ein großer Pluspunkt des Films, indem er sich nicht damit begnügt, mit Zeigefinger-Moral das Thema lediglich anzusprechen, sondern ein in tatsächlich allen Facetten vermutlich hochgradig realistisches Bild der damaligen Verhältnisse zeichnet. Hier gibt es keinerlei Zugeständnisse an das Empfinden des Zuschauers, hier regiert eine schonungslose Herangehensweise, welcher es gerade durch die offene Präsentation der Gewalt und ihrer Folgen gelingt, ein akkurates Bild des Leids zu zeichnen.

McQueens Film liegt daneben stets eine formale Ruhe zugrunde, welche ein Gefühl für die Dauer der gezeigten Ereignisse auf den Zuschauer überträgt. Lange Einstellungen der Sklavenarbeit wechseln mit langen Einstellungen sadistischer Handlungen der Plantagenbesitzer oder langen Einstellungen geschundener Körper und gequälter Menschen, bevor dieses Wechselspiel wieder von vorn beginnt. Besonders dramatisch ist dabei speziell die Angst der anderen Sklaven, ihren Leidensgefährten zu helfen; immer und immer wieder verdeutlicht durch ihre fast schon teilnahmslose Arbeit in einer Ebene des Bilds, während weiter vorn oder hinten jemand ausgepeitscht wird. Diese erzählerische Ruhe sorgt verbunden mit der grandiosen Bildkomposition dafür, dass sich beim Zuschauer ein ohnmächtiges Bewusstsein für die spezifische Situation einstellt, ein Effekt, der bei höherem Erzähltempo nicht vorhanden gewesen wäre.

Drei Szenen verdeutlichen das Konzept der filmischen Zeitdehnung auch jenseits des erwähnten dramaturgischen Musters. Zum einen handelt es sich dabei um die Paradeszene von Paul Dano, der mit etwa sieben Minuten Leinwandzeit eher sparsam zu sehen ist, jedoch einen beängstigend guten Eindruck hinterlässt. Als Solomon gemeinsam mit anderen Sklaven bei William Ford auf der Plantage ankommt, zwingt Danos Charakter John Tibeats sie zunächst dazu, rhythmisch in die Hände zu klatschen, wozu er daraufhin mehrere Minuten das Lied „Run Nigger Run“ (John A. Lomax & Alan Lomax) singt, während sich sein immer psychotischer werdender Charakter offenbart. Zweitens verdient eine gemeinsame Szene von Michael Fassbender und Chiwetel Eijofor besondere Aufmerksamkeit, in der Solomon von Epps einer unerlaubten Tat bezichtigt wird und die beiden Männer etwa eine Minute lang im Schein einer Lampe schweigend nebeneinander stehen und sich anschauen. Diese Szene lebt vom brillanten Habitus der beiden Darsteller, da man im Zuge der fast schon gefährlichen Ruhe des Bilds tatsächlich das Gefühl hat, dass jeden Moment einer der beiden eine folgenschwere Bewegung machen könnte. Auch für die Beerdigung eines bei der Arbeit verstorbenen Sklaven nimmt McQueen sich Zeit und zeigt mehrere Minuten lang ausschließlich die um das Grab versammelte, ergreifend singende Trauergruppe.

12 Years a Slave 4

Bei der das Gesamtwerk überspannenden Dramaturgie wagt McQueen hingegen keine Experimente und streut insbesondere am Ende einen Hauch zu viel Pathos ein. Weniger wäre hier eventuell mehr gewesen und hätte den Zuschauer unzufriedener aus dem Kino zu entlassen, um ihn anzuregen, das Gesehene nochmals intensiver zu überdenken. Glücklicherweise driftet der Film nicht in patriotische Gefilde ab, die den Subtext allzu sehr unterminiert hätten.

Auch besitzt sein Film eher den Charakter einer Collage denn einer fortschreitenden Handlung: McQueen zeigt Solomons zwölf Jahre währende Tortur ohne dramaturgischen Ballast, es wird auch niemals ersichtlich, wie viel Zeit zwischen den einzelnen Bildern vergeht, was die nicht enden wollende Tortur noch einmal stilistisch unterstützt. Jedoch gestalten sich einige Übergänge etwas undurchsichtig, so dass der Film an einigen Stellen fast schon fragmentiert wirkt. Zwar fällt dies aufgrund der starken Bilder nicht so sehr ins Gewicht, lässt jedoch in Bezug auf das große Ganze den letzten Schliff vermissen.

12 Years a Slave 3

Trotz der namhaften Besetzung stehen zwei Darsteller massiv im Vordergrund. Zum einen ist dies logischerweise Chiwetel Eijofor, welcher den Zuschauer durch sein herausragendes Minenspiel in die heutzutage nur noch zu vermutenden Abgründe des Sklavendaseins führt. So viel Wut, so viel Trauer, so viel Hass in nur einem Gesicht zu finden, ist eine großartige Leistung. Zum anderen bleibt Michael Fassbender fast noch nachhaltiger im Gedächtnis, obwohl er erst nach gut einem Drittel des Films die Szenerie betritt. Seine beängstigende Performance ist irgendwo zwischen irrwitzigem Wahnsinn und sadistischer Raserei angesiedelt und sollte ihm zumindest eine Nominierung für den Oscar einbringen; verdient wäre auch eine Auszeichnung. Neben diesen beiden alles überstrahlenden Mimen stechen insbesondere der bereits erwähnte Paul Dano und der nicht weniger heimtückische Paul Giamatti als Sklavenhändler Freeman hervor, der es wie Dano schafft, seine äußerst kurze Leinwandzeit komplett auszufüllen. Newcomerin Lupita Nyong’o überzeugt ebenfalls als die sich Epps anbiedernde, zunächst durchtriebene, später jedoch bemitleidenswerte Sklavin Patsey, hervorzuheben wäre daneben noch Sarah Paulson als frustriert-niederträchtige Ehefrau von Epps, die mit allen Mitteln versucht, die Aufmerksamkeit ihres Ehemannes zurückzuerlangen. Benedict Cumberbatch besetzt ebenfalls eher eine Nebenrolle, in der er bis auf eine Szene nicht wirklich gefordert wird; hinter Dano und Giamatti muss er in der Wirkung somit eher zurückstecken, was jedoch auch seinem weniger psychotischen Charakter geschuldet ist. Schließlich wäre noch Mitproduzent Brad Pitt zu erwähnen, welcher eine kleine, aber sehr entscheidende Rolle in der Handlung bekleidet, die jedoch sicherlich keine wirkliche Herausforderung für ihn darstellte.

Trotz gewisser Zugeständnisse an die Dramaturgie des Hollywood-Kinos präsentiert McQueen drastische und ungemein ausdrucksstarke Bilder des Leids der Sklaven in den USA des 19. Jahrhunderts. Gerade durch diese Drastik hebt sich „12 Years a Slave“ positiv vom Mainstream ab und ist auch aufgrund der durchweg herausragenden schauspielerischen Leistungen ein stets beeindruckender Film, der sich ungeachtet der Tatsache, dass ihm das letzte Quäntchen Schliff zum Meisterwerk fehlt, gleichwohl zu jedem Zeitpunkt sehenswert gestaltet.

Autor: Jakob Larisch

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